Einpacken mit Christo

Wie der Künstler zur Verpackung kam - und warum in Düsseldorf alles anfing.

TEXT STEFANIE STADEL

Ein VW Käfer, frisch aus dem Autohaus. Der Besitzer brannte vermutlich darauf, das glänzende Gefährt in Betrieb zu nehmen. Christo luchste ihm den Volkswagen ab und machte das gute Stück fürs Erste fahruntüchtig. Umhüllt und fest verschnürt stand der Käfer 1963 im Hof der Düsseldorfer Galerie Schmela. Zehn Tage lang, dann war die Schau vorbei und das Auto wurde wieder ausgepackt. Wie dumm. Denn von Christo veredelt und zum Kunstwerk erhoben, wäre es garantiert zum lohnenden Investment geworden. 

Aber wer hätte damals gedacht, dass der junge Bulgare ganz große Karriere machen würde mit seinen Verpackungsideen? Dass auf die verhüllten Fässer, Flaschen, Kinderwagen und Kleiderständer, auf Motorrad und Volkswagen bald eingepackte Brunnen, Denkmäler, Museen und Palazzi folgten? Dass Christo Vladimirov Javacheff und seine inzwischen verstorbene Frau Jeanne-Claude zum berühmtesten Paar in der Kunstwelt aufsteigen? 

Im Verpackungsfieber hat das Duo gigantische Luftschlösser Wirklichkeit werden lassen. Wer erinnert sich nicht an jenes silbrig-glänzende Faltengebirge, das sich nach ihren Plänen mitten in Berlin erhob: Der Reichstag unter 100.000 Quadratmeter aluminiumbedampftem Polypropylen-Gewebe. Ein Riesenspektakel, das bis nach Teheran strahlte. So schlug das Kunstmuseum dort gleich zu und kaufte ein Modell für die eigene Sammlung. Die Mitarbeiter fühlten sich wohl wie an Weihnachten. Als das erworbene Werk endlich eintraf, wurde es sofort ausgepackt. Christo schickte eigens einen Kurator vom British Museum, der das Werk vor Ort wieder fachgerecht verhüllte.

Denn darauf kommt es an. Ob Käfer, Kleiderständer, Reichstag oder gleich eine ganze Insel – es geht darum, Dinge zu verwandeln, sie dem Alltag oder ihrer Funktion zu entheben. Und damit unsere Wahrnehmung von ihnen zu verändern. 

Christo ist dieser einfache, doch im Ergebnis oft überaus wirkungsvolle Einfall zum Markenzeichen geworden, das er am liebsten schleunigst los wäre. Warum hasst er es so sehr, wenn man ihn Verpackungskünstler nennt? Weil das eine grobe Vereinfachung sei, sagte er unlängst in einem Interview. Man könne sein Werk nicht auf diese eine Methode reduzieren – und überhaupt habe er schon lange nichts mehr verpackt.

So ganz stimmt das allerdings nicht. Erst 2013 recycelte er die VW-Idee von einst. Christo kaufte einen alten Käfer, verhüllte ihn in gelbem Tuch und verschnürte alles mit dicken Seilen. Seine Neuauflage des »Wrapped Beetle« kann man im Museum Kunstpalast sehen und sicher sein – diesmal bleibt alles verpackt.

Kunst
12 / 2016

Einpacken mit Christo

Von: Stefanie Stadel


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