Nevin Aladags »Wellenbrecher« bestehen aus 60 Beton-Tetrapoden. (Foto: Roman Mensing/Emscherkunst)

»Emscherkunst«: Stadt, Land, Fluss

Die »Emscherkunst« überschreitet 2016 die angestammten Grenzen.

TEXT MARTIN KUHNA

Laura Mareen Lagemann und Stephanie Sczepanek studieren im braven Münster. Ihre akademischen Exkursionen ins Dortmunder Union-Viertel sind entschieden unbrav: Viermal wollen sie eine Woche lang als Performance-Duo dort unterwegs sein, »24/7«. Mit kleinem Tagesbudget zwar, aber ohne feste Bleibe. Sie »suchen Situationen, die wir aktiv gestalten«. Heißt: werden auch Leute ansprechen und sich auf sie einlassen, für Minuten oder mehr. Obendrein werden sie Peilsender mit sich tragen, die auf der zugehörigen Internetseite jederzeit ihren genauen Standort verraten: »öffentlich und doch gleichzeitig autonom« wollen sie sein.»Wer nicht fragt, wird nicht gesehen« heißt die Aktion und ist eines der Projekte, mit denen die Kunstakademie Münster sich an der Emscherkunst 2016 beteiligt, unter der Überschrift »Stadt – Raum – Bewegung«. Die Einladung war verbunden mit dem Auftrag, das Union-Viertel zu bespielen, nach Emscherkunst-Maßstäben ein spröder Ort. Die Emscher liefert dort nur die westliche Begrenzung des Areals. Kunst profitiert da nicht von der Kulisse des »Emscherinsel«-Niemandslandes. Stattdessen muss sie sich behaupten im dicht bebauten Alt-Wohnviertel, dessen Rolle als Kreativquartier noch keine gesicherte Realität hat. Die Bühne der Emscherkunst ist diesmal ziemlich anders.

Der gesamte Ausstellungsparcours beginnt an der idyllischen Quelle. Dort  stehen von Ai Weiwei gestaltete Zelte für Übernachtungen – kleiner Rest von 1000 Zelten, die bei der Emscherkunst 2013 ausgeliehen werden konnten. Der Schwede Henrik Hakansson hat auf einer Wildblumenwiese »Insektenhäuser« aus Holz aufgestellt; »The Insect Societies (part 1)« als Vision des gesamten Flussverlaufs.Was später zur Betonkloake wird, plätschert bachklein durch Holzwickede und dann westwärts durch Dortmunder Vororte.

Mäandernd, hübsch anzusehen und geruchsneutral erreicht das Emscherchen den Phoenixsee: anstelle eines Stahlwerks ein surreales Ensemble aus See, teuren Wohnhäusern, Freizeithafen, Gastronomie und Büroblocks. Nun trifft Kunst auf diese urbane Künstlichkeit: »Chiosco«, ein venezianischer Kiosk von Benjamin Bergmann, »Urban Space Station«, ein Aquaponik-Gewächshaus von Natalie Jeremijenko, »Spirits of the Emscher Valley«, zwei Skulpturen von Lucy und Jorge Orta, »Die Insel«, Filminstallation von Erik van Lieshout, »cloud machine« von Rainer Maria Matysik.

Die Emscher quert dann Reste des Phoenix-Hochofenwerks und fließt südlich an Dortmunds Innenstadt vorbei. Bleibt ein freundlicher Bach, bis sie ihre Richtung ändert. Auf dem Weg nach Norden, eingezwängt zwischen Bahnlinien, Schnellstraßen und Industrie, wird sie gerader, breiter. In Höhe der alten Hansa-Kokerei ist sie so, wie man sie kennt: bleistiftgrau und miefig. Dort hat atelier le balto einen Haselnusshain zum grünen Ruhepunkt gestaltet: »Kunstpause«. Das Büro raumlabor positioniert eine begehbare Skulptur: »Zur kleinen Weile«. Auf dem Kokereigelände zu sehen sind »Schutzhelme« von Sujin Do und »Schlagende Wetter« von M+M.

An der Grenze zu Castrop-Rauxel durchfließt die Emscher ein beeindruckend weitläufiges, wild ergrüntes Hochwasserrückhaltebecken, Teil der ambitionierten Fluss-Renaturierung. Dort hat Nevin Aladag »Wellenbrecher« installiert aus 60 großen Beton-Tetrapoden, wie sie zur Ufersicherung benutzt werden. »Black Circle Square« von Massimo Bartolini ist ein Wasserbecken als schwarzer Kreis, gerahmt von einem steinernen weißen Quadrat, das performativ regelmäßig gereinigt wird. Mark Dion schlägt dort wieder seine Beobachtungsstation »Gesellschaft der Amateur-Ornithologen« auf.

Am Wasserkreuz taucht die Emscher unter dem Rhein-Herne-Kanal durch und erreicht das Areal der ersten Emscherkunst 2010. »Walkway and Tower« von Tadashi Kawamata steht noch da. Am anderen Ufer hat sich diesmal der Publikumsfavorit »Warten auf den Fluss« von Observatorium etabliert. Janett Cardiff und George Bures Miller zeigen die Klanginstallation »Forest (for a thousand years …)«. Der Parcours endet am Stadthafen Recklinghausen. Wo Fluss und Kanal sich ganz nahe kommen, packt die Kunst mitten in den Schmutz: »Analyse« von Roman Signer meldet fortwährend Emscher-Schadstoffwerte und spritzt als »Therapie« sauberes Kanalwasser in die Kloake. »Waste Water Fountain« von SUPERFLEX spielt lustvoll mit der »Köttelbecken«-Brühe, die bis 2020 nach Untertage verschwinden wird.

Obwohl weit vom Fluss, ist das Dortmunder U Haupt-Besucherzentrum und »Emscherkunstcamp«. In einem leeren Laden des angrenzenden Viertels zeigt Tobias Zielony einen Film über die lokale Tamilen-Gemeinde. Ansonsten ist das Quartier zwischen U und Emscher Bühne für die Kunstakademie Münster. Ganz anders als 2010: Damals arbeiteten Akademie-Studenten am Recklinghäuser Kanalhafen, in einem »Goldenen Dorf« aus Bauwagen, das mit seinem Lagerfeuer-Charme positiv stimmen konnte. Ihre Nachfolger aber finden es gerade gut, dass ihnen stattdessen ein ganzer Stadtteil offen steht, jedenfalls theoretisch. Mit 33 Projekten haben sich Studenten beworben; eine Jury wählte 13 aus, betreut von Professor Ferdinand Ulrich. Ihre Arbeit für die Emscherkunst gilt als akademische Lehrveranstaltung, passend zum praxisorientierten Arbeitsschwerpunkt »Kunst und Öffentlichkeit« ihrer Akademie, die 1987 ihren Status als Düsseldorf-Dependance abstreifte und selbstständig wurde.

Die Praxis ist nicht zuletzt eine Übung in Demut und Flexibilität. Studierende schildern, wie sie ihre ursprünglichen Ideen verändern mussten: Ein Radioprojekt etwa, weil sonst das Medienrecht komplizierte Genehmigungen verlangt hätte; schließlich könnte Kunst meinungsbildend sein und darf deshalb selbst mit kleiner Reichweite nicht einfach so rumgesendet werden. Eine mobile Installation dagegen schien einem Amt zu »werbungsnah«. Die Beschallung einer U-Bahn-Station wurde mit Blick auf islamistischen Terror abgelehnt. »Alles ganz normal«, sagt gelassen Ferdinand Ulrich, räumt aber ein, dass das Union-Viertel auch in der Hinsicht mehr Herausforderung ist als das »Goldene Dorf«.

Zu den Arbeiten gehört noch ein Filmstudio (»Union Produktion«). »Knutschecke« bebildert eine Bahnmauer mit Großfotos schmusender Paare. »Cu« sieht die Veredelung eines Fahrrad-Unterstandes mit Kupferplatten vor, die wiederum samt zu erwartenden Schmutz- und Graffitimustern als Platten für Radierungen dienen sollen. Es gibt einen Audio-Guide fürs Viertel, besprochen von einem Alteingesessenen. »artistrunspace« ist ein Autoanhänger mit aufgesetztem Kubus, der abwechselnd zwölf Unterprojekte beherbergt. Mal sitzt jemand drin und zeichnet, mal wohnt jemand drin und guckt, was passiert. Der Kubus beherbergt einen Schauspieler oder zwei Musiker oder dient als Currywurstbuden-Attrappe.  Immer schön in Abstimmung mit kommunalen Vorschriften.

Professor Ulrich, in Personalunion Leiter der Kunsthalle Recklinghausen, nennt Münster gelegentlich die »Kunstakademie des Ruhrgebiets«. Nicht, weil viele Studenten aus dem Ruhrgebiet kämen. Die meisten Emscherkunst-Teilnehmer kannten weder Münster noch das Revier, als sie ihr Studium an der Akademie begannen. Das Ruhrgebiet lernten sie als offenes Arbeitsfeld kennen und als Kontrast zur Münsteraner Gemütlichkeit: »Wenn man viel in Münster abhängt, lockt schon mal das Großstädtische«, wo manches positiv an Berlin erinnere, sagt einer. Es kommt auf die Perspektive an. Ein anderer sagt, er wohne in Berlin, »da kannste als Künstler nicht mehr viel reißen. Im Ruhrgebiet schon eher«. Das wird den Kunstkreativförderern an Ruhr und Emscher runtergehen wie Öl.

www.emscherkunst.de

Kunst
06 / 2016

»Emscherkunst«: Stadt, Land, Fluss


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