Nam June Paik »TV Buddha«, 1989, Closed-Circuit-Installation, 200 x 100 x 65 cm (Höhe Kamera ca. 110 cm), Metallrahmen, Erde, Kopf einer Buddha-Figur, Kamera, Fernseher, © Nam June Paik Estate, New York, 2010/ Sammlung Falckenberg, Hamburg Foto: Egbert Haneke

Nam June Paik: »Mercury«, 1991, (Detail) Multi-Monitor-Installation, Ø 140 cm, T= 50 cm, 2 Kanäle, Neonsysteme, 12 Fernseher, (Farbe, kein Ton) © Nam June Paik Estate, New York, 2010/ Kunststiftung NRW, Düsseldorf, Foto: Sascha Dressler

GEIGEN ZU FERNSEHAPPARATEN

Zur Quadriennale ehrt das museum kunst palast in Düsseldorf den Video-Pionier Nam June Paik mit einer großen Retrospektive. Im Mittelpunkt steht dabei dessen Frühzeit im Rheinland. Ein enorm wichtiges Kapitel, das bisher wenig Beachtung fand. 

 

TEXT: STEFANIE STADEL

Hoch oben über seinen Kopf hält er die Violine – wie ein Samurai sein Schwert. Um die fünf Minuten lang. Erst als die Zuschauer in den Düsseldorfer Kammerspielen mucksmäuschenstill sind, setzt Nam June Paik an zum blitzschnellen Hieb. Rumms! Kreischend zerbirst das Instrument auf dem Tisch. Vorbei ist das Schauspiel und das Publikum einigermaßen aufgebracht. Beinahe kann man den großen Knall in jener Juninacht des Jahres 1962 symbolisch sehen: als Begleitgetöse zu Paiks entschiedenem Abschied vom Musikerdasein.

Düsseldorf durchmisst nun das Werk des koreanischen Ausnahme-Künstlers, der als Musiker begann und als Video-Pionier endete, in einer großen Retrospektive; sie wurde gemeinsam mit der Tate Liverpool erarbeitet. Es ist die erste seit Paiks Tod vor bald fünf Jahren, und sie interessiert sich anders als alle vor ihr ganz besonders für die Frühzeit des Künstlers rund um das kurze, aber geräuschvolle Geigensolo in den Kammerspielen.

Im Fokus stehen die spannenden Jahre zwischen 1958 und 1963, als Paik im damals hoch experimentellen Rheinland die Grundlagen der eigenen Kunst entwickelte. Eine sehr wichtige Zeit, die bisher in der Forschung wenig Beachtung fand, auch weil wesentliche Quellen lange nicht zugänglich waren.

In jenen fünf Jahren formte Paik – stark inspiriert von der Fluxus-Bewegung – den konzeptuellen Kern seines Werks. Dieser bleibt gültig bis zum Schluss, auch wenn man ihn allzu leicht übersieht – hinter all den bunt blinkenden, rhythmisch flackernden, ungemein publikumswirksamen Werken späterer Jahre, die in Düsseldorf natürlich auch nicht fehlen.

»Germany, especially Rhineland is my artistic Heimat«, bekennt der Künstler selbst einmal. Zwischen Köln, Düsseldorf, Wuppertal und Bensberg bewältigt er in erstaunlicher Geschwindigkeit den Weg von dramatischer Aktions- und Anti-Musik über Fluxus-Aktionen zu den medialen Environments, denen er das Adelsprädikat »Vater der Videokunst« verdankt. Ihn auf diesem Weg zu folgen, fährt die Düsseldorfer Ausstellung in ihrem ersten Teil neben Relikten früher Aktionen eine Überfülle an Dokumenten, Texten, Filmen, Fotografien auf. Hier heißt es, bloß nicht die Nerven zu verlieren. denn es braucht Muße und guten Willen, das kleinteilige Drunter und Drüber zu durchkämmen und aus den vielen interessanten Details, Anekdoten und Überresten die Geschichten zu rekonstruieren.

Nach Studien in München, Freiburg und Darmstadt ist der junge Koreaner aus wohlhabendem Hause 1958 nach Köln gewechselt, wo man ihn bald Abend für Abend im Studio für Elektronische Musik des WDR trifft. Bevor die Putzfrau kommt, sammelt er dort herumliegende Tonbandschnipsel auf, um sie daheim, mit anderem Material gemischt, wieder zusammenzukleben.

Diese Recycling-Collagen braucht er für seinen ersten öffentlichen Auftritt: Das legendäre Debüt, 1959 in Jean-Pierre Wilhelms »Galerie 22« auf der Düsseldorfer Kaiserstraße. Unter dem Titel »Hommage à John Cage« experimentiert Paik dort mit Klavieren und Tonbandgeräten. Damit nicht genug: Zwischendurch fliegt auch noch ein Ei an die Wand. Paik bringt Glocke, Metronom und Kinderspielzeug zum Klingen, zählt 43 Sekunden lang die Perlen eines Rosenkranzes, zerschlägt anschließend eine Glasscheibe und kippt zu guter Letzt eines der Klaviere um. Wilhelm nennt dies »neo-dadaistisch«; der Begriff »Fluxus« ist damals noch nicht in Umlauf.

Der Auftritt macht gewaltig Eindruck und den Namen Paik über Nacht zum Begriff. Ganz besonders bei den avantgardistischen Kollegen. Und bald schon sieht man den jungen Koreaner mitten unter ihnen. Auf den alten Fotos in Düsseldorf ist etwa Wolf Vostell zu erkennen – und immer wieder Joseph Beuys: Gemeinsam werden die beiden in denkwürdigen Aktionen kooperieren. Sicher, sie kommen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, ihre Vorstellungen von künstlerischen Medien gehen weit auseinander, auch arbeiteten die beiden an grundverschiedenen Lebensprojekten. Aber irgendwie passt es doch: Was Beuys mit dem erweiterten Kunstbegriff und der sozialen Plastik erreichen will, das verwirklicht Paik mit der Erfindung der global ausstrahlenden Medienkunst.

Doch so weit ist er 1959 noch nicht. Erstmal müssen noch ein paar Musikinstrumente dran glauben. Auch Malerei und Zeichnung als klassische Gattungen der bildenden Kunst bleiben nicht verschont: Pinsel und Stift wirft Paik über Bord. Wenn er ausnahmsweise einmal malt, dann schlenkert er dazu statt des Pinsels eine mit Tinte getränkte Krawatte übers Papier. Das im museum kunst palast gezeigte Ergebnis einer solchen Aktion sieht nach einer Kreuzung zwischen Kalligrafie und Action Painting aus. Etwas später wird der Künstler das so kommentieren: »Nietzsche sagte vor 100 Jahren ›Gott ist tot‹. Ich sage jetzt, Papier ist tot … außer Toilettenpapier.«

Als Alternative entdeckt Paik den Fernseher. In seiner Atelier-Garage in Bensberg nahe Köln werden die Apparate reihenweise hergerichtet für den epochalen Auftritt 1963 in der Wuppertaler Galerie Parnass, die Rolf Jährling – selbst Architekt – in seinem Wohnhaus betreibt. Es ist Paiks erste Einzelausstellung, und sie hat Kunstgeschichte geschrieben. Als Gesamtkunstwerk, als Ausstellung, die den Betrachter aktiviert. Und – wegen der verwendeten Fernseher – als »Geburtsstunde der Medienkunst«.

Über Jährlings Haustür hat Paik einen bluttriefenden Ochsenkopf gehängt, sodann okkupiert er alle Etagen – auch die privaten Räume der Familie – mit seinen Klang-, Ton- und TV-Gerätschaften. Düsseldorf zeigt nun einige Erfindungen aus dem Bensberger Labor, darunter zwei der 13 umgearbeiteten Fernseher und zwei von vier übel zugerichteten Klavieren, die Paik dem Galeriebesucher zur freien Benutzung überließ. Beuys bejubelt damals das Ganze als »historische Tat«. Und leistet ungefragt seinen Beitrag, als er mit der Axt über eines der Klaviere herfällt – vielleicht noch beeindruckt von Paiks martialischer Violinen-Aktion ein paar Monate zuvor in Düsseldorf.

Die Jahrhundertschau in Wuppertal markiert das glorreiche Ende der stürmischen Episode im Rheinland. Im museum kunst palast rücken gleich neben die präparierten Klaviere aus der Haus-Besetzung bei den Jährlings Dokumente, Fotos und merkwürdige Konstruktionen aus drei gestapelten Fernsehapparaten mit aufgespannten Cello-Seiten. Sie läuten einen weiteren originellen Akt im Œuvre ein, der 1964 nunmehr auf der New Yorker Bühne spielt.

Auch diese Geschichte reicht allerdings zurück an den Rhein. Denn lange vor dem Umzug über den Atlantik war Paik die »klägliche historische Blamage« bewusst geworden: das Fehlen von Sex in der klassischen Musik. Allerlei unternimmt er, sie zu beheben – 1962 etwa sieht man ihn händeringend nach einer Pianistin suchen, die bereit ist, Beethovens Mondscheinsonate nackt zu intonieren. Aus Mangel an willigen Kandidatinnen übernimmt der beherzte Künstler den Job schließlich selbst.

Erst in New York findet Paik 1964 in Charlotte Moormann eine zu allem bereite Partnerin: Striptease, barbusige Cello-Soli, Musizieren im Ganzkörperkleid aus transparentem Zellophan, Verfänglichkeiten auf dem Bühnen-Fußboden mit dem Streichinstrument zwischen den Schenkeln. Über Jahre wird das Paar die Szene mit solchen und ähnlichen Auftritten beleben.

Nam June Paiks weiterer Weg wird ihn gelegentlich zurückführen nach Düsseldorf, wo er zwischen 1979 und 1995 an der Akademie lehrt. Seine Werke entstehen aber anderswo. Ihnen weist die zweigeteilte Schau den großen Saal im museum kunst palast zu. Hier ist genug Platz für jene spektakulären Stücke, die den Künstler populär gemacht haben. Raumgreifende Multi-Monitor-Installationen, ein Feld voller Buddhas vor dem Fernseher. Dazu aus dem Pariser Centre Pompidou das merkwürdige »Fish Video«: Während hinter ihnen bunt und wild die Fernsehbilder wechseln, ziehen in den davor gesetzten Aquarien – anscheinend völlig unbeeindruckt – kleine Guppyfischchen ihre Bahn.

Und zur spektakulären Krönung: »Laser Crone«. Ein riesiges Zelt, auf dem buntes Laser-Licht seine Kreise, Striche, Kurven schreibt. Wer will, darf das Ganze auch von innen und unten beschauen. Ruhend auf einer der bereitgestellten Liegen noch einmal ganz tief eintauchen in den schwer durchschaubaren Kosmos des Nam June Paik.

11. September bis 21. November 2010; museum kunst palast, Düsseldorf. Tel.: 0211/ 8996211. www.museum-kunst-palast.de + www.quadriennale.de

Kunst
10 / 2010

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Von: STEFANIE STADEL


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