Manets Spaziergängerin und die »Lesenden Frau« von Shintaro Yamashita treffen sich im Entrée der Bonner Ausstellung (Foto: David Ertl, 2015. © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik

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Geld oder Liebe?

Japan kaufte und kaufte Kunst, am liebsten Werke der französischen Impressionisten. Rund hundert sind nun noch einmal heimgekehrt nach Europa. In der Bonner Bundeskunsthalle erzählen sie von »Japans Liebe zum Impressionismus«. Eine schöne Geschichte ist das – nur stören die Lücken.

Text Stefanie Stadel

Ein hübsches Paar: Modisch gekleidet, mit Hut und Handschuhen, roten Lippen und goldenem Ohrschmuck zeigt sich die junge Dame auf ihrer »Promenade« zwischen lässig hingetupftem Grün. Im Entrée der Ausstellung hängt Édouard Manets schönes Spätwerk von 1880 direkt neben der fast 30 Jahre jüngeren »Lesenden Frau« eines japanischen Kollegen. Shintaro Yamashita heißt der, und auf den ersten Blick wird klar, wie sehr er sich die Lektion des Franzosen zu Herzen genommen hat.

»Japans Liebe zum Impressionismus« heißt es in Bonn. Unter dem klangvollen Titel finden sich in der Bundeskunsthalle gut 100 Kunstwerke vereint, die einst von japanischen Sammlern erworben wurden und nun für ein paar Monate heimgekehrt sind. Aber das ist nicht alles. Im Tête-à-tête am Start der Schau kündigt sich bereits an, dass es um mehr geht. Bisher war immer nur vom Japonismus die Rede – jener Begeisterung der westlichen Avantgarde für das japanische Vorbild. Zuletzt im Museum Folkwang, wo Gemälde von Monet bis van Gogh den prägenden Einfluss des Japanischen auf die frühe Moderne im Westen anschaulich machten.

In Bonn nun wird die Liebe zur gegenseitigen. Dabei ergreift sie nicht nur Sammler, sondern auch japanische Künstler, die mit Hingabe dem französischen Beispiel folgten. Allen voran Yamashita, dessen Liebe allerdings zur bedingungslosen Akzeptanz gerät. Seiner »Lesenden Frau« zumindest sind die eigenen Wurzeln gar nicht mehr anzusehen, so perfekt hat sich die Dame im Sessel ihren westlichen Schwestern angeglichen. Auch Manets Spaziergängerin, die ihr zur Seite steht, kündet von großen Gefühlen. Gehörte das Gemälde doch zu den zahlreichen, die in den 1980er und frühen 1990er Jahren für Unsummen in japanische Firmentresore und frisch gegründete Privatmuseen wanderten. Wenn »Japans Liebe zum Impressionismus« sich in Auktionserlösen messen ließe, sie wäre wahrlich grenzenlos. 

Doch zurück zu den Anfängen. Nach dem beredten Auftakt mit Manet und Yamashita führt die Bundeskunsthalle in die Zeit vor der Hausse. Als die Romantik sich noch nicht überschattet sah vom großen Geld. Am 8. Juli 1853 begann die stürmische Vorgeschichte der Love-Story. Es war der Tag, an dem die amerikanische Navy mit einer Flotte in der Bucht von Tokio landete und das über 200 Jahre von der westlichen Welt isolierte Reich zur Öffnung drängte. Japan blieb nichts anderes übrig; der innenpolitisch arg geschwächte Inselstaat musste sich fügen und allerhand gefallen lassen.

In »Ungleichen Handelsverträgen« wurden ihm massive Beschränkungen der Souveränität auferlegt. Trotzdem gedieh die Liebe – auf beiden Seiten. Während sich westliche Wohnzimmer mit ostasiatischem Kunsthandwerk füllten und die Avantgarde den Blick begeistert an japanische Holzschnitte heftete, zeigten die Japaner immer mehr Interesse an den handeltreibenden »Langnasen«, die ins Land strömten. Die Schau bietet ein paar schöne Beispiele der damals sehr beliebten, weit verbreiteten »Yokohama-Drucke«. Hier konnte jedermann sehen, was die Fremdlinge trieben, was sie trugen und tranken. Wie sie musizierten im Salon einer ausländischen Handelsmission.

Der Gag: All jene Blätter stammen aus der Sammlung von Claude Monet, seinerseits ein eingefleischter Japan-Fan und leidenschaftlicher Sammler japanischer Drucke. Ein echtes Hin und Her: Bald sah man nicht nur Händler aus dem Westen in Ostasien, sondern auch japanische Künstler in Paris. 1878 erkundeten die ersten die Weltausstellung dort. 1900 brachten sie sich am selben Ort zum stolzen Gruppenporträt in Pose; von Kopf bis Fuß gekleidet in den Schick der Metropole. Damals war es wohl noch wahre Liebe, frei von spekulativen Hintergedanken. Eine innige Verbundenheit zum Impressionismus, in dem die Japaner eigene Traditionen wiederentdecken konnten, die vor allem über den Holzschnitt ihren Weg in die Gemälde der Franzosen fanden.

So beschaulich begann, was sich während der japanischen Boomjahre seit Ende des Zweiten Weltkriegs zum hochspekulativen Kaufrausch auswuchs. Als Japan sich zur dominierenden Wirtschaftsmacht aufschwingen wollte und waghalsige Investoren global Firmen, Immobilien und Gemälde kauften; der alten Liebe treu, hielten sie sich dabei gern an die Impressionisten. Schade, dass in Bonn solche Zusammenhänge der jüngeren Kunstmarkt-Geschichte kaum zur Sprache kommen. Zumal die meisten Werke den Weg nach Japan wohl eben in jenen Jahren antraten, als sich der Inselstaat im scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg wähnte. Längst ist die Wirtschafts-Blase geplatzt. Doch viele der französischen Kunstimporte sind bis heute dort geblieben. Die Werke der Bonner Ausstellung stammen aus rund 30 Museen und ungenannten Privatsammlungen.

Zusammen bieten sie einen gut bestückten Abriss der französischen Kunstgeschichte. Von der Mitte des 19. bis ins 20. Jahrhundert hinein: aus den Wäldern von Barbizon, wo die Freilichtmalerei erfunden wurde, bis in die Ateliers der Nabis, in denen der Post-Impressionismus seinem Ende entgegensah. Unterwegs beeindruckt Gustave Courbet, dessen Realismus den nervösen »Fuchs in der Falle« ebenso erfasst wie »Joe, die schöne Irin« beim kritischen Blick in den Spiegel. Kurz darauf durchstreift man mit Pissarro ein saftig grünes Feld im Frühling und eine klirrend kalte Winterlandschaft. Sisley lädt zur »Bootsfahrt« auf dem kräftig blau-grün flimmernden Fluss.

Mit Monet erreicht man das Herzstück und einen Höhepunkt des Rundgangs. Dem Helden des Impressionismus ist ein eigener Saal gewidmet. Mit ihrem Dampf vernebelt dort eine Lokomotive die »Gleise am Bahnhof St. Lazare«, ein winterlicher Sonnenuntergang lässt die Seine orange erglühen. Das Londoner »House of Parliament« versinkt in einer »Symphonie in Rosa«. All das geschieht im Gesellschaft japanischer Holzschnitte – von Utamaro etwa, von Hokusai oder Hiroshige –, die Monet seit den 1870er Jahren sammelte. Und von denen er sich offensichtlich einiges angenommen hat. Ganz deutlich im »Boot«, das Monet 1887 kühn anschneidet und nur zur Hälfte ins Bild setzt, oder auch im Blick auf das »Kap d’Antibes«, vor das sich eine Pinie schiebt und den Vordergrund diagonal zerteilt. Seine Begeisterung ging so weit, dass er seinen Garten in Giverny nach japanischem Vorbild gestalten ließ, um sich in den letzten Jahrzehnten seines Lebens – auch malerisch – immer mehr dorthin zurückzuziehen. Zwei dieser späten Seerosen-Bilder legen Zeugnis davon ab.

Der Parcours fährt fort mit Renoirs rosigen Frauenporträts und weiblichen Akten. Rodin weitet das Bild ins Plastische. Cézanne steuert Äpfel, Landschaften und vier Badende bei. Bei Gauguin und van Gogh angekommen, mag man sich noch einmal jene »Liebe« ins Gedächtnis rufen, die 1987 einen japanischen Versicherungskonzern dazu trieb, bei Christie’s in London 24,75 Millionen englische Pfund für eines von van Goghs Sonnenblumenbilder zu bieten und zu zahlen. Das teure Bouquet blieb natürlich in Japan hängen. Stattdessen kamen drei recht frühe Bilder zum eher enttäuschenden Auftritt des Niederländers nach Bonn. Mit den Nabis wandert man in die Zielgerade der kunstgeschichtlichen Panorama-Route. Aber die Ausstellung ist hier noch nicht am Ende. Denn in den letzten Räumen löst sie das Versprechen der »lesenden Frau« im Entrée ein und schaut auf die Liebe der japanischen Künstler zum Impressionismus.

Das bisher so vernachlässigte Thema hätte man allerdings getrost weiter vernachlässigen können. Denn sehr viel Neues, Eigenes kommt nicht herum bei der Beschäftigung japanischer Künstler mit den Vorbildern. Und heute? Hat sich »Japans Liebe zum Impressionismus« frisch halten können? Dafür spricht das Großfoto aus einem Kyotoer Museum: Vor van Goghs »Häusern in Auvers« drängt sich ein Pulk japanischer Ausstellungsbesucher. Der Katalog liefert dazu beeindruckende Zahlen als Zeichen der Zuneigung: 8.500 Besucher kamen täglich zur Ausstellung impressionistischer Werke aus dem Pariser Musée d’Orsay in Tokio 2014 – insgesamt zählte man 700.000. Ein Happy End also. Aber kein echtes.

Vielleicht will man den japanischen Gästen ja die unangenehme Erinnerung ersparen und schaut deshalb am Crash und dessen Folgen vorbei. Musste das Land sich doch nach dem Absturz von so manch einem teuer erstandenen impressionistischen Liebling trennen und dabei oft erhebliche Verluste hinnehmen. Frei von Spekulationen und finanziellen Sorgen bleibt die Geschichte von »Japans Liebe zum Impressionismus« eine Love-Story mit Löchern.

BUNDESKUNSTHALLE, BONN, BIS 21. FEBR. 2016, TEL.: 0228 9171 200

Kunst
01 / 2016

Geld oder Liebe?

Von: Stefanie Stadel


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