Dina Shenhav: The End of the Forest, 2008 © Marcus Lieberenz

Dodi Reifenberg: Green-Bag-Movement, 2010 © Marcus Lieberenz

»ICH MAG DIE NEUEN ALLIANZEN«

Die bildende Kunst wird politischer. Das nutzt eine Ausstellung und versammelt kritische, innovative und subversive Positionen aus aller Welt: »zur nachahmung empfohlen!« zeigt Kunst als Vordenkerin umfassender Nachhaltigkeit. Im Juli kommt die Wanderausstellung auf die Zeche Zollverein.

 

INTERVIEW: ULRICH DEUTER

Der amerikanische Künstler Richard Box bringt Elektrosmog zum Leuchten; Jae Rhim Lee forscht mit Sporen, die den toten menschlichen Körper schneller kompostieren lassen, Gerd Niemöller hat aus Altpapier und Kunstharz extrem leichte, stabile Bauwerke aus Wabenstrukturen entwickelt, die auch in Katastrophengebieten zum Einsatz kommen können – die Ausstellung »ZNE!« bringt Wissenschaft und Kunst mit der ganzen Lust der Grenzüberschreitung zusammen. Diese Lust verkörpert vor allem Adrienne Goehler, einst Präsidentin der HbK in Hamburg, dann Kultursenatorin in Berlin und Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds und jetzt als freischaffende Kulturbewegerin die Kuratorin der Ausstellung.


K.WEST: Frau Goehler, die Zeche Zollverein ist in beliebter Ausflugsort, gerade im Sommer. Was erwartet die Leute denn nun da: eine Werbe-Ausstellung für Greenpeace?

GOEHLER: »zur nachahmung empfohlen!« ist noch immer die größte und umfassendste künstlerische Auseinandersetzung mit Fragen, die uns bewegen: Wasser, Gentechnologie, Biodiversität, Auswirkungen von atomarem Fallout, Artensterben, Klimawandel und Recycling – oder was aus der Ökologie ohne Demokratie werden kann. Zu sehen sind ziemlich subversive Arbeiten, keine ist bestellt, alle haben schon existiert und wurden von mir gefunden.

K.WEST: Sie kündigen »Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit« an. Was haben denn diese beiden miteinander zu tun?

GOEHLER: Spätestens seit letztem Jahr ist es tief ins Bewusstsein der Umweltbewegung eingedrungen, dass sich Nachhaltigkeit, die sich nur auf bessere Technologien oder auf schlechtes Gewissen oder auf den dickeren Geldbeutel stützt, nicht weiterkommt. Wir müssen an die Wahrnehmung der Menschen heran. Die Ästhetik ist die Summe der Wahrnehmungen, die Ästhetik beteiligt alle Sinne an den Fragen des Lebens. Und das finde ich interessant.

K.WEST: Wenn Sie Ästhetik so definieren, ist es ja noch nicht Kunst. Welche Aufgabe hat denn nun die Kunst dabei?

GOEHLER: Zunächst mal sind es ja alles Künstler und Künstlerinnen, die hier ausstellen, und künstlerische Ansätze, die zu sehen sind, aus inzwischen 28 Nationen. Ansätze, die mit einem Künstlerbild brechen, das nur »ich, ich, ich« sagt. Und: »Original!« Und: »Zum ersten Mal«. Sondern Künstler, die sagen: Wir zeigen etwas, an dem ihr herumdenken könnt, das ihr weitergeben könnt, wir decken etwas auf – ihr doch auch! Dodi Reifenberg z.B., ein israelischer Künstler, der benutzt seit über 15 Jahren die Plastiktüte als künstlerisches Material, er entzieht den Weltmeeren und den Abfallhalden ein bisschen Plastik und verarbeitet es zu Kunst. Eine homöopathische Entsorgung. Oder Michael Saup: Er stellt da einen Kubus aus Braunkohlebriketts hin, neun Kubikmeter, 37 Tonnen, und wenn Sie vor diesem Riesending stehen und erfahren, dass diese Tonnen zu verbrennen so viel CO2 erzeugt wie eine Million Clicks auf den Trailer von »Avatar«, um ihn anzuschauen, dann macht das was mit Ihrer Wahrnehmung.

Es wird mit allen Mitteln der Kunst gearbeitet, mit Subversion, mit Übertreibung. Wir zeigen einen wunderbaren 20-minütigen Film von Superflex, in dem der Nachbau einer McDonald’s-Filiale überflutet wird als Statement zum Zusammenhang von Flutkatastrophen und Ernährung. Wenn Pommes und das ganze andere Zeugs herum schwimmen, denkt der Magen mit. Oder das Modell einer Skulptur mit dem bissigen Titel »Solar Powered Electric Chair« von David Smithson, macht ungemütlich klar, dass Ökologie ohne Menschenrechte ökologisch korrekt vollzogene Todesstrafen bedeuten könnte.

K.WEST: Sinnfällige Objekte, die aber auch leise den Zeigefinger heben?

GOEHLER: Nee. Ich bin an Öffnen der Sinne, an Empathie interessiert, nicht am Über-Ich.

K.WEST: Der »Titel Zur Nachahmung empfohlen« deutet aber auch in diese Richtung. Er mahnt.

GOEHLER: Nein, er fordert auf. Es geht darum, ins Handeln zu kommen. Der Titel räumt auch ein bisschen auf mit dem Genie-Wahnsinn in der Kunst, zeigt, dass es mehr und mehr Künstler und Künstlerinnen gibt, die überzeugt davon sind, etwas Wichtiges, auch Nützliches zur Gesellschaft beizutragen. Keine Leinwand, auf der man Eier braten kann. Sondern etwas zum Nach-Denken und Weiter-Machen. Wenn jemand wie Pedro Reyes, documenta-Teilnehmer, in dem von Bandenkriegsmorden erschütterten Mexiko Waffen einsammelt und daraus Schaufeln macht, mit der je Schaufel ein Baum gepflanzt werden soll, dann ist das zwar offensichtlich ans Alte Testament mit seinem »Schwerter zu Pflugscharen« angelehnt, aber auch einfach in Ordnung.

K.WEST: Es geht also nicht nur um Nachhaltigkeit im ökologischen, sondern im weiteren, im politischen Sinne?

GOEHLER: Nachhaltigkeit ist immer umfassend. Sie hat eine ökologische, ökonomische und eine soziale Dimension. Soweit die Einigkeit. Die Politik versagt aber noch da, wo es um den Paradigmenwechsel im Leben Aller geht. Das erfordert und bedingt die kulturelle Dimension. Lernen, dass man nur so viel wegnehmen kann, wie man reingibt. Balancen herstellen. Überlegen, ob alles, was machbar ist, auch sinnvoll ist. Fragen der Qualität des Lebens eben. Und was wir da gerade an totaler Ökonomisierung erleben, das ist schon ein Problem. Dagegen macht z.B. Christin Lahr Geschenke: Seit 2009 überweist sie täglich einen Cent an das Bundesministerium der Finanzen und schreibt ins Feld ›Verwendungszweck‹ jeweils 108 Zeichen aus Marxens »Kapital«. Nach ca. 43 Jahren ist das gesamte Werk, Das Kapital Bd.1, an die Bundesbank überwiesen. Da sieht sich das System im Spiegel.

K.WEST: Was ist der Unterschied zwischen dieser Ausstellung und jeder guten Kunstausstellung? Denn Kunst sollte ja immer das provokant Andere, noch nicht Gedachte sein.

GOEHLER: Sie will nicht nur gute Kunst präsentieren, sondern sich einmischen, ist interventionistisch, unheimlich, komisch, seltsam. Man sitzt z.B. auf einer fahrradbetriebenen Waschmaschine und denkt: Ist eigentlich super, oder? Mich langweilen eben alle Monostrukturen: Die der Kunst, der Politik, der Ökos, des säuerlichen Journalismus. Mich interessieren die Verflüssigungen der Strukturen, neue Allianzen, ich finde einfach, wir müssen in allen relevanten gesellschaftlichen Fragen und denen unseres Umgangs mit Natur experimentieren, Neues erproben. Denn »die flüssige Moderne«, wie Zygmunt Bauman unsere Gegenwart beschreibt, kennt keine Gewissheiten mehr. Wir müssen neue ertasten, denn die Welt ist nicht gut, so wie sie ist. Und wir verschleudern nicht nur natürliche Ressourcen sondern auch unsere schöpferischen Fähigkeiten, die wir brauchen, um uns aus dem Schlamassel des durchökonomisierten Lebens zu befreien.

Wir brauchen dafür andere Gefäße und andere Begegnungsmöglichkeiten, zeitlich, räumlich, finanzieller Art. Denn Kunst und Wissenschaft können nicht zusammenarbeiten, die einen kriegen maximal drei Monate Stipendium, die anderen fangen vor drei Jahren Forschungszeit überhaupt nicht an. Deshalb möchte ich ja auch einen Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit ins Leben rufen, weil wir unser Wissen zusammenschmeißen müssen.

K.WEST: Wie weit sind Sie denn mit dem Fonds?

GOEHLER: Über den wird jetzt in einer Weise nachgedacht, dass man darüber noch nicht sprechen darf (lacht selbstironisch). Aber ich bin jetzt zumindest mit einem Ministerium im Gespräch.


19. Juli bis 4. September 2014, Zeche Zollverein Halle 6 + 8. www.z-n-e.info

 

Kunst
07 / 2014

»ICH MAG DIE NEUEN ALLIANZEN«

Von: ULRICH DEUTER


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