Bernd und Hilla Becher, Schrauben Gasbehälter, Sheffield, UK, 2009, s/w Fotografie, 50 x 60 cm, Edition 5

»ICH WOLLTE ETWAS FOTOGRAFIEREN, DEM ICH NICHT HINTERHER RENNEN MUSS«

Ein Besuch bei Hilla Becher in Düsseldorf

TEXT: ANDREAS WILINK

Damals war das so: Rot für die Hochöfen, Grün für Fördertürme, Gelb ist Kalk/Zement. In Hunderten farbiger abgestoßener Pappkartons hatten Bernd und Hilla Becher ihre Abzüge abgelegt, all die Ansichten von Zechen, Wasser- und Kühltürmen, Silos, Gasbehältern, Kohlebunkern, Fachwerkhäusern. Damals, das war bis 2002 die alte feuchte Papiermühle in Düsseldorf-Kaiserswerth, die das Ehepaar vier Jahrzehnte bewohnte. »Klimatisch war das unmöglich – ungesund«, sagt Hilla Becher. »Aber es kostete ganz wenig Miete, dadurch waren wir unabhängig«.

Im historischen Viertel von Kaiserswerth, einen Blick weit vom Rhein, hat das Ehepaar vor acht Jahren die ehemalige Schule bezogen. Das Gebäude wurde zum »Kunstarchiv« umgewidmet. Größer, trockener, wärmer ist es hier, trotz Schnee und Eis auf dem Hof. Es gibt auch ein Entwicklungslabor mit fließend Wasser. »Früher habe ich mir das Wasser im Eimer holen müssen«. Die Präferenz ist gestern wie heute offensichtlich. Arbeitscharakter bestimmt die Räume, auch wenn sie nicht mehr so voll gestopft sind.

In Galerie-Schränken liegen nun die Kartons, weiterhin – wenn auch nicht ganz konsequent, wie Hilla Becher im Vorübergehen zugesteht – nach Farben sortiert. An den Wänden warten leere Rahmen auf Typologien in Reihung. Auf den Tischen Fotografien, ein Stapel Duisburg-Meiderich und ein von Mauerwerk umkleideter Wasserbehälter in New York, übrigens das Gebäude, in dem Robert Redford wohnt, erläutert Hilla Becher. Nicht jedes Motiv verfügt über derartige Prominenz, aber jedes birgt eine Geschichte. Erinnerung erhöht die Speicherkapazität.

Ein gutes Geschäft war ihr Lebensprojekt nicht. »Es war nie gekoppelt an Beute-Machen.« Nach Brot ging die Kunst lange nicht. Aber das war egal. Das Paar verausgabte sich, im doppelten Sinn. Außerdem, »Bernd wollte gar nichts verkaufen. Das hat ihn gelangweilt.« Er habe, wenn etwa Anfragen von Museen kamen, gemeint, er sei doch »kein Versandhaus«.

Die enorme Preisentwicklung für Fotografie, speziell der Düsseldorfer Schule, die aus Bernd Bechers, von ihm mehr als zwei Jahrzehnte geleiteten Kunstakademie-Klasse hervorging, deutet Hilla so: »Die Zeit war reif. Die Fotografie ist zu einer gewissen Freiheit gekommen, als sie ihre Hauptaufgaben verlor, darunter die kommerzielle und eine dokumentierend tages-politische Seite.«

Woher nahm das Paar seinen Behauptungswillen und die Konsequenz – fünf Jahrzehnte lang seit 1960, als die Künste freilich von »Freaks« querbeet nur so bevölkert waren? Dazu das Misstrauen bei den Unternehmen, die auf ihren Werksgeländen die Klappe lieber dicht machen wollten vor Störenfrieden. »Es war ja immer was, zuerst der Kalte Krieg, dann die Grünen, dann Wallraff.« Vom kaputten Rücken und ramponierten Wirbeln durch das Schleppen der Fotoausrüstung nicht zu reden. Aber: »Es war auch verbunden mit Abenteuer, mit Reisen. So wie andere Urlaub machen.« Die Bechers fuhren im VW-Bus und Caravan durch die deutschen Reviere, durch Frankreich, Belgien, England, die USA und fotografierten ihre »anonymen Skulpturen«. Thema und Variation.

Zwischendurch war New York ihre Adresse, wo Sohn Max zur Schule ging und an der Kunst-hochschule studierte. Auch er ein »Perfektio-nist« und – wie seine amerikanische Ehefrau – Fotograf. Das Paar Becher jun. arbeitet ebenfalls zusammen und porträtiert Menschen und das, was mit ihnen passiert, wenn sie in fremde Kulturen verpflanzt werden oder in ihre ursprüngliche heimkehren. Im Vorschulalter und in den Ferien war Max unterwegs oft dabei und früh daran gewöhnt, »sich zu beschäftigen«.

Vor dem Haus in Kaiserswerth steht der Wagen mit Kennzeichen BB, keine Schrulle der Besitzer, sondern gut gemeinte Referenz seitens des Autohändlers. Zu den Bechers würde das nicht passen. Bei ihnen gab und gibt es kein Gramm zuviel an Aufwand, Auffallen, Allü-re. Geniekult, Künstlerposen – nichts für sie. Stattdessen: Bescheidenheit, trockener Humor und nüchterner Realitätssinn.

»Bernd hat sich auch nie Professor nennen lassen, außer beim Arzt.« Da war es nützlich. Pragmatismus. Und Reduktion als ästhetisches Programm – auch im eigenen Dasein und Alltag. Rückführung auf den Gebrauchswert. Das Gegenteil von »Verschwendung«, da ist das Kriegskind Hilla ein gebranntes. »Essen auf dem Teller zurücklassen, fällt mir schwer.« Kann sie sich überhaupt etwas gönnen? Zögern. Reisen, das wohl. Aber sonst. Einfach, ehrlich, wahr. Ein Ding ist ein Ding ist ein Ding. Und ein Hochofen?

»Er hat keinen Anspruch auf Design, nicht den Anspruch, schön zu sein. Obschon es tolle, verrückte Formen gibt. Schön ist er aber dennoch, weil er funktioniert. Den hat kein Künstler, sondern ein Klempner ausgetüftelt.«

Seit dem Tod von Bernd im Jahr 2007 fehlt Hilla Becher der Lebens-, Gesprächs- und Arbeitspartner. Fehlt das »Gegenseitige: ›Guck mal, was ich gemacht habe – wie findest du das?‹«. Die Schockstarre und »Lähmung« musste überwunden werden. Manches bleibt zurück, auch Bernds Zimmer »so, wie es war, mit den Stapeln von Büchern …«

Hilla ist seither nicht nur Sachverwalterin, auch wenn es damit schon genug sein könnte. Derzeit laufen drei Ausstellungen, im Museum Quadrat in Bottrop (siehe K.WEST Februar 2010), in der SK Stiftung Köln (nur Aufnahmen der Zeche Hannover in Bochum – von diesem »Exempel eines europäischen Bergwerks« gibt es 600 An-sichten) und in der Galerie Konrad Fischer.

Auch damit, die Bestände »sauber« zu hinterlassen, ist es noch nicht getan: »Ich bin dabei zu sichten und zu ordnen, damit es auch für andere lesbar wird.« Es gilt: »Namen, Daten, Orte an Hand von Tage- und Notizbüchern, Atlanten und Anmerkungen zu erfassen. Alles andere kann man daraus ableiten. Das lasse ich anderen übrig.«

Hilla Becher fotografiert weiter. »Ich habe nachgeholt, was ich gern machen wollte.« Mit einem Assistenten ist sie zu den Teleskop- und Schrauben-Gasometern nach London und aufs englische Land gereist und hat Wassertürme in Belgien und Frankreich aufgenommen: »Da haben mich die modernistischen interessiert.« Original-Becher-Bilder. »Klarer Fall.« Die Fotos entstanden immer gemeinsam, gemäß der von beiden entwickelten Gesetzmäßigkeit. »Grundsätzliche Arbeitsteilung gab es nicht. Auch keine Hierarchie.«

Das Prinzip Becher: »Nicht trübsinnig, nicht zu sozialkritisch sein; man muss eine gewisse Neutralität bewahren.« Präzision statt Emotion. Hilla Becher mag bestimmte Vorstellungen nicht mehr hören. Man solle den Aspekt des Bewahrens nicht überbewerten. Bernd, der Junge aus dem Siegerland, sah vor seiner Haustür das Sterben der Gruben und Hochöfen. Aber: »Jeder, der etwas sucht, das mit seiner Kindheit zu tun hat, muss nicht gleich bewahren wollen. Das kommt vielleicht erst hinterher. Um etwas bloß zu dokumentieren, hätte es nicht so viel an Aufwand bedurft, da hätte man auch eine Kleinbildkamera nehmen können. Dass am Ende fast nichts übrig bleibt vom Industriezeitalter, haben wir uns in dieser Radikalität auch gar nicht vorstellen können. Die stete Gefahr, dass etwas verschwindet, hat uns wiederum auf Trab gehalten.«

Darin, dass die Anlagen nicht für die Ewigkeit gedacht waren, hatten die Bechers durchaus Einsicht: Bernd habe, erzählt Hilla, von »nomadischer Architektur« gesprochen.

Hilla Becher kommt von woanders her. In Potsdam, wo sie eine Foto-Lehre absolvierte, und nach dem Weggang der Familie nach Hamburg, habe sie anfangs alles Mögliche zu fotografieren ausprobiert: Bäume, Blätter, Gegenstände, die Kräne im Hafen. Mit den preußischen Schlössern und Gärten war sie schnell fertig – die Beschäftigung damit sei »epigonal, Imitation, Reproduktion« gewesen. Davon existierten schon fertige Bilder im Kopf. Sie selbst suchte nach etwas anderem.

»Ich wollte ein Objekt fotografieren, dem ich nicht hinterher rennen musste.« Der Aspekt des Statischen. »Die Fotografie muss sich, wohl oder übel, auf Dinge beschränken, die stehen. Das ist ihre Schwäche und ihre Stärke. Da kann sie etwas leisten, was unser Auge so nicht schafft.«

»Durchdacht. Fundamental« soll es sein. Präzision war nötig, auch weil man unbekanntes Terrain betrat: Wie fotografiert man diese Kolosse, diesen Jurassic Park des Industriezeitalters? Die »große Kirmes«, wie Bernd einmal gesagt hat. »Die Leute hatten ja keinen Begriff davon. Da musste man es kühl erklären.«

Er sei »zielstrebiger« gewesen, »besessen«, aber auch »enger« in der Blickrichtung. »Im Grunde hat er sich nicht fürs Fotografieren interessiert. Auf die technischen Sachen war er nicht so wild.« Sagt sie, nicht ohne Sorge, ob ihre Worte richtig verstanden werden. Sie selbst »lasse etwas mehr zu«. So ergänzten sie sich bei ihren subtilen Jagden. Hilla hat auch das Landschaftliche – die Einbettung ins Umfeld – etwas ernster genommen und »war auch gerührt davon«.

Dass die Industrielandschaften einem den Atem nehmen können, dass die Areale sich zu einer Welt für sich erweitern – theatral und monumental –, zeigen die Ensembles der Bergwerke und Hütten. Haben die Bechers nicht letztlich doch ein romantisches Verhältnis zu den Dingen? Sie fragt mit einer gewissen spöttischen Schärfe zurück: »Was meinen Sie mit romantisch?«

Einen Begriff jenseits reiner Funktion, einen Sehnsuchtsort, ein Idealbild, vielleicht eine Fiktion, wie der deutsche Wald, der Mönch am Meer, Burgruine, Lorelei-Felsen. Bernd habe die Panoramen gegenüber dem isolierten Ein-  zelobjekt eher als »Zugabe, als Nebenprodukt« begriffen, argwöhnend, dass sie »in die romantische Abteilung« gehörten. Denn »Landschaft ist bereits in romantisches Wort«, sagt Hilla Becher – und lachend: »Wir sind absolut sentimental. Aber man muss aufpassen, dass es bei der Arbeit nicht durchscheint. Man darf keine Stimmung machen«

Bernd Becher geboren 1931 in Siegen, gestorben 2007 in Rostock, Professor für Fotografie an der Düsseldorfer Kunstakademie von 1976 bis 1999

Hilla Becher geb. Wobeser, geboren 1934 in Potsdam

Seit 1959 fotografieren beide mit einer Großformatkamera die Funktionsbauten der Industrie; Teilnehmer der documenta 11

Auszeichnungen in Auswahl: Goldener Löwe der Venedig-Biennale 1990, Kaiserring Goslar 1995, Staatspreis NRW 2001, Erasmus-Preis 2002; ihr Epoche machendes Werk ist vertreten in bedeutenden europäischen und amerikanischen Museen; ihre Bücher erscheinen im Verlag Schirmer/Mosel, München. 

Ausstellungen: Museum Quadrat Bottop:
 Bergwerke und Hütten – Industrielandschaften; bis 2. Mai 2010; www.quadrat-bottrop.deSK Stiftung Köln: Zeche Hannover – Fotografien aus dem Ruhrgebiet, 26. März bis 18. Juli 2010; www.sk-kultur.deGalerie Fischer, Düsseldorf: Wassertürme, Kühltürme, Gasbehälter, Kohlebunker, bis 13. März 2010; www.konradfischergalerie.de   

Kunst
03 / 2010

»ICH WOLLTE ETWAS FOTOGRAFIEREN, DEM ICH NICHT HINTERHER RENNEN MUSS«


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