Markus Karstieß: Kammer; glasierte Keramik, Stahl, 320 x 216 x 212 cm, 2010; Installationsansicht, Museum Morsbroich, 2010. Courtesy VAN HORN, Düsseldorf

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Nicht viele sind geblieben. Die Kunstszene scheint überschaubar, man kennt sich untereinander. Und blickt ziemlich selbstbewusst gen Berlin. Kann man auch. Das beweist jetzt eine Ausstellung im Museum Morsbroich. Unter dem Titel »Neues Rheinland. Die postironische Generation« versammelt sie dreißig jüngere Künstler aus der Gegend. K.WEST stellt drei der rheinischen Hoffnungsträger vor.

TEXTE: KATJA BEHRENS UND STEFANIE STADEL

 

 

 

MARKUS KARSTIESS

 Ein Bildhauer, ein Künstler, der mit den Händen arbeitet. Einer der die Handarbeit ausdrücklich und programmatisch als zentral für seine Kunst ansieht. Der ungeformte Ton, mit dem Markus Karstieß arbeitet, so formuliert er es, »springt von selbst in die Form«. Sind die greifenden, zupackenden Künstlerhände demnach bloße Hilfsmittel, Werkzeuge der eigenwilligen Formideen? Mitnichten. Aus der weichen Masse formt Karstieß Gebilde von naturhafter Unregelmäßigkeit, lässt Gestalten entstehen, in die er unterschiedlichste Motivanklänge und -assoziationen einzuweben scheint. Die obskuren Objekte im düsteren Raum raunen von nächtlichen Schatten, von Kult und Magie, von Verführung, Begierde und sinnlichem Genuss, von grausiger Kälte oder schwellender Schönheit, von Metamorphose.

Der 1971 geborene Künstler, der an der Düsseldorfer Akademie bei Jannis Kounellis studierte, arbeitet mit Ton, dem lange nicht ernst genommenen und als kunsthandwerklich verschrienen Medium. Seit 2006 entstehen rätselhafte, fetischartige Objekte, vertikal aufgebaute Stabkonstruktionen wie kahles Geäst, die in den Ausstellungen zu Gruppen versammelt präsentiert werden (»Empire of Dirt«). Die sichtbaren Spuren, die die Hände, die Finger, die Daumen in dem amorphen Material hinterlassen, die Dellen und Höhlen, Täler und Stege sind im gebrannten Zustand für immer gebannt, die bewegten Oberflächen aber mit erlesensten Glasuren überzogen. Sie leuchten und strahlen, ihre schillernden Häute hüllen sie ein und machen aus den »Fetischen« kostbare Totems längst vergangener oder gänzlich erfundener Geschichten und Erinnerungen. Die dubiose Funktionalität einiger Objekte, etwa der Blumenvasen der »John Doe Family« oder der tönernen Lampenschirme und der »Spiegel«, steht in scheinbarem Gegensatz zu ihrer rätselhaften, selbstbezüglichen Schönheit.

Von 2008 bis 2010 kuratierte Markus Karstieß zusammen mit Christian Freudenberger neun Ausstellungen im Kunstverein Schwerte, zu denen in Kürze ein Katalog erscheinen wird. 2011 werden die beiden Künstler dort weitere drei Ausstellungen machen, da sie die Kunstvereinsförderung der Stiftung Kunst, Kultur und Soziales der Sparda-Bank West für ihre erfolgreiche Arbeit erhalten haben.

Die neueste Arbeit des Künstlers, die »Kammer« für die Ausstellung im Museum Morsbroich in Leverkusen, ist ein Gehege, ein Kasten, dessen archaische Anmutung und Schwere in einem gewissen Gegensatz steht zu den Oberflächen. Der obskure Käfig aus auf Streckgitter gebranntem Ton ist fast zu groß, um eine Keramik zu sein, entstanden »am Limit des technisch Machbaren«. Ein düsterer »Trumm«, dessen aufgesprungene keramische Oberflächen im Innern verheißungsvoll und verführerisch schimmern. Die Außenseite zeigt die Machart und den technischen Halteapparat des Werkes. Das Rückgrat ist bloßgelegt und nach außen gekehrt. Im Verborgenen glänzt es.

Der Künstler lebt und arbeitet in Solingen und Düsseldorf. Er und seine Frau haben einen 16 Monate alten Sohn, der die Farbe Gelb liebt.

 

 

JAN ALBERS

Es schaut ziemlich ordentlich aus im Düsseldorfer Hinterhof-Atelier. Ein großer Tisch unter knallhellem Neonlicht. Buntstifte über Buntstifte, säuberlich geordnet, jede Farbe im eigenen Pappkästchen. Ein alter Sessel; mehr Gemütlichkeit möchte sich Jan Albers wohl nicht gönnen. Auch er selbst scheint recht sortiert – wie er auftritt und wie er redet. Doch was der 39-Jährige erzählt, passt nicht ganz ins Bild. Welche Dinge nicht alle in diesen vier Wänden abgehen: Von »Hacken«, »Verbiegen«, »Zerstören« ist die Rede. Von Kupferrohren, die er reihenweise »übers Knie bricht«, obwohl das weh tut. Und von Locheisen, die er per Hammer durchs Material treibt – wie im Rausch.

Aber es stimmt, beim Blick auf den Arbeitstisch entdeckt man sie schnell, die Zeugen der künstlerischen Kraftakte – unzählige Abdrücke von Lochern unterschiedlicher Größe. Ziel der Angriffe sind meist eigene Zeichnungen, die Albers für gewöhnlich in akribisch gezogenen Linien, Strahlen, Schraffuren anlegt. Erst die sorgsame Arbeit mit Buntstift und Lineal, dann die Hammerattacke: Albers haut zu, perforiert wie wild. Erst wenn alles kaputt ist, wenn nur noch Reste daliegen, beginnt er – nun wieder ganz Perfektionist –, daraus etwas Neues zu machen. Das funktioniert nicht immer. Unter dem Tisch zeugen haufenweise durchlöcherte Bögen von Fehlversuchen. Albers produziert jede Menge Altpapier.

Aber oft genug führen seine künstlerischen Heilungs-Maßnahmen auch zum Erfolg. Ein paar allerneueste Produktionen hat der Künstler zur Anschauung an die weißen Atelierwände gehängt. Nur Reste, wie er sagt. In den letzten Monaten habe er so gut verkauft, dass nicht mehr übriggeblieben sei. Mit großer Umsicht scheinen die traktierten Teile hier kuriert. Streifenweise zerschnittene Zeichnungen hat er akribisch miteinander verwoben, die vielen Löcher hinterlegt. Und geknickte Rohre werden, akkurat angeordnet, zu plastischen Linien auf dem Papier.

Verwirren könnten selbstgemachte Badges, die sich immer wieder ins ungegenständliche Gewebe mischen. Per Sticker baut der Künstler so etwas wie eine inhaltliche Ebene ein. Denn bloß abstrakt, das reicht ihm nicht. Mal ist es ein Auge, mal ein anonymes Gesicht. Anderswo erkennt man zwischen Löchern und Linien das Porträt von Nelson Mandela. Warum Mandela? Albers holt etwas weiter aus – kommt auf seine Kindheit in Namibia zu sprechen. Auf eine Schiffsfahrt vorbei an der Gefängnisinsel Robben Island. Er war fünf und zutiefst bewegt, als ihm der Vater von Mandelas Haft dort erzählte.

Solche Fährten legt Albers gern. Die Badges sollen zur Überlegung anstacheln, das Publikum bei der Stange halten. Gleiche Ziele verfolgt er mit Werktiteln, die manchmal eher wie Geräusche klingen – »eyeeioeiegg«, »sOmeslOwsnOw«. Ähnlich den Bildern sind sie aus zerhackten und anschließend collagierten Wörtern gebaut und so kompliziert, dass der Künstler selbst sie sich kaum merken kann.

Trotzdem gehören sie dazu. Ebenso wie jene eigenwilligen Architekturen, die Albers oft für seine Ausstellungen schafft. Auch in Schloss Morsbroich baut er einen kleinen Parcours, der den Besucher dazu bringen soll, länger zu verweilen und richtig hinzuschauen. Was er selbst mit dem Hammer erledigt, sollen seine Werke auch ohne schaffen. Wie vor ihm Bruce Nauman, so wünscht sich auch Albers, dass seine Arbeiten wirken wie ein »Schlag ins Genick«.

 

LUKA FINEISEN

Etwas müde kommt sie an – beinahe hätte Luka Fineisen das Treffen verschlafen. Der dichte Terminplan ist wohl Schuld: Den ganzen Tag Ausstellungsaufbau in Schloss Morsbroich und am Feierabend dann noch Besuch fürs Atelier. Es liegt nicht gerade um die Ecke: Die Künstlerin bittet deshalb in ihren geräumigen Transporter zu Turnschuhen, Farbdose und Kindersitzen. Dann geht es ziemlich weit raus ins Gewerbegebiet. Fineisen verfährt sich auch mal, weil es dunkel ist und weil sie viel zu erzählen hat. Von all den erfreulichen Dingen, die sich zur Zeit in ihrem recht bewegten Künstlerleben abspielen.

In zwei Tagen fliegt die 36-Jährige nach New York zur Vorbereitung ihrer ersten Galerieausstellung dort – »Es ist eine Art Lebenstraum, der sich da erfüllt«. Für Dezember dann steht das Debüt mit einer Einzelausstellung bei Rupert Pfab in Düsseldorf an. Nicht zu vergessen die Leverkusener Schau. Statt sich dem hübsch barocken Schlossambiente anzubiedern, wird Fineisen mit drei Versuchsanordnungen kontern, die ihren maschinellen Charakter offen zur Schau stellen: Becken, Schläuche und Pumpen in Aktion.

Während sie erklärt, wie es funktioniert, hält ihr Wagen vor einem schnöden Bürogebäude. Drinnen belegt Fineisen drei große Räume. Vom Boden bis unter die Decke türmen sich dort Maschinen und Materialien. Honig in Plastikwannen, bündelweise Zellophanpapier, Gießharz, das wie Milch daherfließt oder die Form von quellendem Reisbrei annimmt. Riesige Seifenblasen, die nicht platzen, weil Fineisen sie – man fragt sich nur wie – aus Kunststoff fertigt.

Es ist, als würde man hinter die Kulissen gucken. Überall Requisiten, die an jene wunderbaren Inszenierungen erinnern: Als sie etwa das Treppenhaus im Kunstmuseum Stuttgart mit einem Meer aus Zellophan »flutete«. Oder wie sie in der Kunsthalle Düsseldorf auf einem großen Tisch Berge von Seifenschaum »züchtete«.

»Am Anfang steht immer die Idee«, sagt Fineisen. Sie habe vor Augen, wie es aussehen soll, aber keine Ahnung, ob und wie man es bewerkstelligen könne. Zur Recherche greift die Künstlerin nach dem Telefon, fragt sich durch etliche Handwerksbetriebe und wird schließlich selbst zur Fachfrau. So absolvierte sie 2004 beispielsweise eine telefonische Fortbildung in Sachen Kältetechnik, denn sie hatte sich vorgenommen, auf dem Fußboden im Museum Baden Raureif wachsen zu lassen.

Wie hier, so gewinnt die Bildhauerin ihren Materialien immer wieder neue, überraschende, oft sehr sinnliche Seiten ab. Hochglänzendes mischt sich mit grob Mechanischem, Weiches nimmt harte Formen an, Künstliches erscheint in naturhaften Prozessen.

Dabei hat die Lust am gewagten Experiment schon Geschichte in ihrem Schaffen. Auf der Rückfahrt im Transporter kommt man auf die Düsseldorfer Akademie zu sprechen. Auf Fritz Schwegler und Irmin Kamp, bei denen sie dort studiert hat. Und auf Markus Lüpertz, über den Fineisen nicht herziehen mag. Dazu erzählt sie eine Geschichte, die sich gegen Ende ihres Studiums zugetragen hat. Fineisen wollte einen Akademieraum kniehoch mit einer pfannkuchenteigähnlichen Flüssigkeit füllen, die per Gebläse gelegentlich zum Blubbern gebracht werden sollte. Während die Verantwortlichen noch überlegten, ob sie so etwas genehmigen könnten, startete die Künstlerin schon mal einen Testlauf – und fühlte sich ertappt, als sie plötzlich Direktor Lüpertz in der Tür bemerkte. Er ließ sie weitermachen. Noch heute höre sie seinen einzigen Kommentar: »Wehe, das ist nicht dicht.«

 

Neues Rheinland. Die postironische Generation. Bis 13. Februar 2011, Museum Morsbroich, Leverkusen. Tel.: 0214/855560. www.museum-morsbroich.de

Kunst
12 / 2010

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Von: KATJA BEHRENS UND STEFANIE STADEL


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