MADONNA, MEDUSA, AMAZONE

Ulrike Rosenbach – man kennt sie als frauenbewegte Videopionierin, als politisch motivierte Medienkünstlerin. In den 70ern machte die Meisterschülerin von Joseph Beuys Furore mit ihren Attacken auf weibliche Klischees. Und bis heute sieht Rosenbach sich als politische Künstlerin. In einer kleinen Retrospektive schaut das LVR-Landesmuseum in Bonn jetzt zurück auf vier Schaffensjahrzehnte. Mit K.WEST sprach die Künstlerin über die Ausstellung, über falsche Amazonen, versteckte Kameras und mehr.

 

TEXT: STEFANIE STADEL

Eine junge Frau im Rampenlicht. Konzentriert zieht sie den Pfeil zurück, wenige Augenblicke später schnellt das Geschoss zwölf Meter weit durch den korridorartigen Raum. Und trifft ins Schwarze – oder besser ins Schwarzweiße. Denn diesmal markiert nicht der übliche dunkle Punkt das Ziel. Nein, die Bogen-Schützin attackiert eine liebliche Muttergottes: Es ist Stephan Lochners »Madonna im Rosenhag«, die ihr von der Scheibe entgegenlächelt. Wieder und wieder schießt Rosenbach drauf los, am Ende durchlöchern 15 Pfeile das schwarzweiße Abbild. Der Clou: Die Videokamera. Durch ein Loch in der Zielscheibe filmt sie den Beschuss. Auf einem Monitor sind die Aufnahmen live zu verfolgen.

Ulrike Rosenbach war Anfang dreißig bei diesem Riesenauftritt im Pariser Musée National d’Art Moderne. Die Frau im weißen Trikot bot ihrem Publikum ein ganz eigenes, neues Kunst-Erlebnis. Ungemein aggressiv, provokant und noch dazu technisch auf der Höhe. Eine solche Video-Live-Aktion hatte man damals, 1975, noch nicht gesehen. Bis heute gehört das martialische Multimedia-Werk zu Rosenbachs bekanntesten Arbeiten. Exemplarisch für ihr Schaffen. Und rätselhaft zugleich, nicht zuletzt wegen seines Titels: »Glauben Sie nicht, dass ich eine Amazone bin«.

HEIM IN DER EIFEL

Was bewog sie zur Attacke auf das prominente Andachtsbild? Warum wollte sie dabei nicht als Amazone dastehen? Und wie geht die Geschichte weiter? Solche Gedanken eilen einem durch den Kopf beim Weg über gewundene Landstraßen. Über Hügel und durch Wälder. Vorbei an Feldern und einem Trecker, der im Regen den Acker umpflügt. Nun sind es nur noch »350 Meter zum Ziel auf der rechten Seite«: Ein altes Häuschen zwischen hohen Bäumen, nahe Nettersheim in der Eifel.

Rosenbach kommt die Holztreppe hinab, in Jeans, auf Strümpfen – ohne Waffen: »Frisch hier draußen, nicht wahr?«. Stimmt. Noch vermutet man, dass Rosenbach den abgeschiedenen Wohnort mitten in der Eifel aus Überzeugung gewählt hat. Wegen der frischen Luft vielleicht. Weil sie die Einsamkeit sucht, die Natur liebt... Umso mehr überrascht ihr Geständnis, dass sie eigentlich viel lieber in der Großstadt leben würde – wäre dort nur ausreichender und bezahlbarer Wohn- und Arbeitsraum zu finden. Mitschuld am offen gestandenen Eifel-Überdruss ist vielleicht der Wasserschaden vor drei Wochen, auf den sie schnell zu sprechen kommt. Der überflutete Keller hat Rosenbach die betagte Immobilie wohl ziemlich verleidet. Zumal im Untergeschoss große Teile ihres Videoarchivs lagerten. Bänder aus vier Jahrzehnten sind nass geworden.  

Seit Anfang der 70er Jahre ist Rosenbach mit der Videokamera experimentell aktiv – eine Pionierin auf diesem Gebiet. Wie so manch ein Kollege in ihrem Umfeld nutzte sie das neue Medium zunächst vor allem für künstlerische Übergriffe auf gesellschaftspolitisches Terrain. Ironisch, kritisch, analytisch und rebellisch, dabei ziemlich erfindungsreich bespiegelte Rosenbach die Rolle und das Bild der Frau in Mythos, Kunst, Medien … einst und gegenwärtig. Etwa wenn sie sich selbst gemeinsam mit der kleinen Tochter Julia in Mullbinden einwickelt. Wenn sie die eigene Gestalt zur Musik von Bob Dylan per Videoprojektion mit Sandro Botticellis berühmter Venus verbündet. Oder wenn sie uns »Das Bild der Frau in der Nachkriegszeit« auf beinahe hundert Bildschirmen ironisierend vor Augen führt.

Bis in die jüngste Zeit reicht der weibliche Blick. Zum Beispiel in der Medienperformance »Trauerschal«, 2012 entstanden für die Biennale im türkischen Çanakkale. Ganz besonders interessierten Rosenbach bei der Arbeit die kraftvollen Trauergesänge der Frauen, die dort nahe dem antiken Troja leben. Rosenbach dachte an die trauernden Troerinnen aus der Tragödie des Euripides und ebenso an aktuelle Medienberichte über Kämpfe und Kriege in der Region, in denen immer wieder laut klagende Frauen zu sehen seien. Beides fließt ein in ihre Arbeit. Der Widerstand gegen die Aufopferung der jungen Männergeneration, die in den Grenzkonflikten des Landes »verheizt« werden, sei in der Türkei ein heiß diskutiertes politisches Thema, so die Künstlerin.

Noch immer steht der Name Ulrike Rosenbach – beinahe synonym – für Frauenthemen und für das Medium Video. Auf jene Bereiche konzentriert sich nun auch eine kleine Retrospektive, die das LVR-Landesmuseum in Bonn der Künstlerin und Trägerin des Rheinischen Kunstpreises des Rhein-Sieg-Kreises eingerichtet hat. »Weiblicher Energieaustausch«, so der bezeichnende Titel. Natürlich habe sie auch andere Themen bearbeitet, und selbstverständlich beschränkten sich ihre Ausdrucksformen nicht auf Performance und Video, so die Künstlerin. Wichtig sei daneben immer auch anderes, die Zeichnung etwa.

Trotzdem stört sie sich offenbar wenig an der Beschränkung. Im Gegenteil, Rosenbach verteidigt sie sogar mit einem Blick zurück in frauenbewegte Zeiten: Als sehr junge Studentin gründete sie ihre erste Frauengruppe an der Akademie in Düsseldorf. »Wir haben natürlich registriert, dass die Kunstszene traditionell extrem männlich geprägt war – finden sie mal einen weiblichen Gegenpol zu Tintoretto oder Tizian. Auch im eigenen Künstlerinnen-Alltag war die Ungleichbehandlung zu spüren. In den 70er, 80er Jahren wurden weibliche Künstler kaum ausgestellt, ganz anders als heute.«

Man sah sich in der Pflicht, solche Zustände anzugehen. Mit den Mitteln der Kunst. Empfindet Rosenbach sich als politische Künstlerin? Mit Einschränkungen: »Politik wird in Deutschland leicht gleichgesetzt mit Parteipolitik, die mich nie interessiert hat. Bei mir geht es um gesellschaftspolitische Fragestellungen.« Der Ansatz erinnert stark an Joseph Beuys – nicht zufällig hatte Rosenbach sich den Erfinder und Verfechter des erweiterten Kunstbegriffs zum Lehrer gewählt. Die beiden fühlten sich einander verbunden, auch wenn Rosenbach medial sehr bald andere Wege einschlug und Beuys’ »soziale Plastik« mit dem eigenen Körper und der Kamera in Bewegung brachte. Was zog sie damals, Anfang der 70er, hin zum neuen Medium? Nam June Paiks erste Schritte auf dem Gebiet der »Videokunst« waren noch ganz frisch. Und überhaupt gab es in der Kunstszene kaum etwas, das man sich zum Vorbild hätte nehmen können.

Für Rosenbach kam die Erleuchtung 1971, als sie die Videotapes einer US-Kollegin in Düsseldorf sah. Sofort war ihr klar, dass die neue Technik genau den eigenen Vorstellungen entsprach. »Film fand ich immer langweilig«, bemerkt sie. Video dafür umso interessanter. Vor allem die Möglichkeit der direkten Aufnahme, Speicherung und Wiedergabe faszinierte Rosenbach. Sie nutzte das Equipment etwa, um sich während einer Performance auf dem Bildschirm live zu beobachten und zu kontrollieren. Und nicht nur das. »Ich konnte mir die Kamera ans Bein binden oder auf dem Kopf befestigen und Bildbewegungen, die durch diese Positionen entstanden, dann sofort auf Monitore im Raum übertragen.«

Eine Ausstellung wie die Bonner kann das komplexe Zusammenspiel von Performance und Video, von Installation und bearbeitetem Bild, das bei Rosenbachs oft in umfangreiche Werkkomplexe mündet, natürlich nur andeuten. Nicht immer ganz leicht zu durchschauen sind auch die zuweilen tiefgründigen Inhalte – vielen der Arbeiten liegen eingehende Recherchen zugrunde. Die Künstlerin wird zur Forscherin. Sie analysiert Alltäglichkeiten, ergründet kulturhistorische Zusammenhänge, entlarvt Klischees.

Mit Blick auf Botticellis »Geburt der Venus« etwa bemerkt Rosenbach einen Bedeutungswandel: »Aus der alten Muttergöttin und ihrem Aspekt der Fruchtbarkeit und Wiedergeburt ist ein Klischee für die erotische Anpassung der Frau an die sexuellen Bedürfnisse einer Männerwelt geworden«. Und gleichzeitig ein perfektes Vehikel der Produktwerbung. Als Belege führt sie Werbekampagnen für Pelzmäntel und Unterwäsche ins Feld, die sich ungeniert des Venus-Bildes bedienen. Rosenbachs Kampfgeist ist nun unüberhörbar.

Steckt doch vielleicht ein Stückchen Amazone in ihr? Der Werktitel von einst hat dies zwar verneint. Doch mit dem Abstand von fast vierzig Jahren sieht Rosenbach die Sache differenzierter. »Das männliche Denken ordnet die Amazone klar einer ganz bestimmten Kategorie zu: Wenn eine Frau aggressiv ist und sich selbst behauptet, wird sie als Amazone bezeichnet«, so ihre Beobachtung. Doch historisch gesehen seien die bogenschießenden Frauen aus der griechischen Mythologie nicht aggressiv gewesen, sie hätten nur ihr Territorium verteidigt. »Das tue auch ich als Künstlerin nach wie vor sehr gerne«, fügt Rosenbach lächelnd hinzu. »So gesehen bin ich also sehr wohl eine Amazone.« 

»Ulrike Rosenbach. Weiblicher Energieaustausch«. Bis 5. Oktober 2014 im LVR-Landesmuseum, Bonn. Tel.: 0228 / 20700. www.landesmuseum-bonn.lvr.de

 

Kunst, Köpfe in NRW
09 / 2014

MADONNA, MEDUSA, AMAZONE

Von: STEFANIE STADEL


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