Alexandre Cabanel: Geburt der Venus, 1863; Öl auf Leinwand, Musée d‘Orsay, Paris

MALEREI WIE PARZIPAN

Allenthalben kramt man die akademischen Künstler des 19. Jahrhunderts aus den Depots. So auch in Köln, wo das Wallraf-Richartz-Museum zur »Wiederentdeckung« eines längst vergessenen Salonmalers ruft. Zu seinen Lebzeiten war Alexandre Cabanel jedoch ein Star. Und einer derjenigen, gegen den sich die Avantgarde durchsetzen musste.

 TEXT: STEFANIE STADEL

Lasziv räkelt sie sich auf dem schäumenden Wellenkamm. Die Augen schläfrig, die Lippen voll. Sanft umschmeichelt das lange Haar den kurvigen Körper der nackten Göttin. Alexandre Cabanels Venus sehe aus wie ein »köstlich elegantes, leichtes Mädchen«, so befand einst Émile Zola recht treffend. »Aber nicht aus Fleisch und Blut – denn das wäre unschicklich –, sondern aus einer Art rosa und weißem Marzipan.« Der Schriftsteller und Kunstkritiker hatte den zuckersüßen Akt 1863 auf dem Pariser Salon gesehen und stand mit seinen abfälligen Bemerkungen damals ziemlich allein da.  Mochte der Rest des Publikums doch die Augen kaum lassen von dem reizvollen »Manifest der neuen Kunst«.

Sollte man den Namen Alexandre Cabanel je gehört haben, dann bestimmt zu allererst in Verbindung mit dieser einst gefeierten »Geburt der Venus«, die heute im Musée d’Orsay hängt und wohl bei den meisten Besuchern eher ratloses Lächeln denn glühende Begeisterungsstürme provoziert. Als Musterbeispiel der Salonmalerei des 19. Jahrhunderts hat Cabanels Liebesgöttin kein leichtes Spiel. Wie die Salonkunst überhaupt, deren Ruf kaum schlechter sein könnte – kitschig, konservativ, absolut unmodern, so lautet das verbreitete Urteil.

Ihre Vertreter gelten als opportunistisch, damals allein darauf bedacht, dem potenten Publikum zu gefallen. Während avantgardistische Heroen um Anerkennung kämpfen und darben mussten, sonnten sich diese Stars der offiziellen Szene im Erfolg – das ist die heute geläufige, freilich etwas vereinfachte Sicht der Dinge. Mit Cabanel holt das Wallraf-Richartz-Museum ein Musterbeispiel der erfolgsverwöhnten Sorte zum Zweck der »Wiederentdeckung« nach Köln. Diese erste Retrospektive überhaupt ist übernommen worden aus Cabanels Heimatstadt Montpellier, wo sie etwas anders und auch ausführlicher gezeigt worden war.

Köln fährt rund 60 Werke auf – dramatische Historien, lieblich-gezierte Göttinnen, süßliche Porträts bleicher Damen mit malerisch perfekt ausgeführter Garderobe. Unbekleidete Göttinnen in vollendeter Pinselführung. Ausgefeilte Kompositionen, deren Themen der Maler oft aus der Literatur bezog und deren Dramatik die Sprache und Gestik des zeitgenössischen Theaters gekonnt zitiert.

In Köln zu sehen ist auch jene berühmte Venus, die für Cabanel im Salon 1863 den ganz großen Durchbruch gebracht hatte. Zwei Jahre zuvor schon hatte der Maler die Reaktion des Publikums testen können, als er am gleichen Ort den Übergriff eines muskulösen Fauns auf eine zarte Nymphe darbot. Aktdarstellungen waren damals rar – das Lob für Cabanels Können auf diesem Gebiet vielleicht auch deshalb so überschwänglich. Die Kritiker bewunderten vor allem die Gegensätze zwischen dem Körperbild des urwüchsigen Wüstlings und dem anmutigen, vollendeten der jungen Frau.

Sicher beflügelt durch den Erfolg, legte Cabanel bald nach. Und landete mit seiner verschlafenen Venus, die fast wie eine Zwillingsschwester der hübschen Nymphe ausschaut, auch beim Kaiser einen Volltreffer – Napoleon III. selbst erwarb das Gemälde und machte dafür einen Platz in seinen privaten Gemächern frei.

Als der ehrgeizige Maler damit den Höhepunkt seiner Karriere stürmte, war er 40 Jahre alt. Und man kann nicht sagen, dass ihm der Erfolg zugeflogen wäre. Der 1823 in einem Vorort von Montpellier geborene Sohn eines einfachen Tischlers war durch eine harte Malerschule gegangen. Mit 16 schon schickte man ihn an die Akademie nach Paris, wo der hochtalentierte Frühstarter 22-jährig, den Prix de Rome, die wichtigste Auszeichnung der Hochschule, errang und damit verbunden ein Stipendium an der Villa Medici in Rom. Das bedeutete fünf Jahre Drill unter extremem Leistungsdruck. Danach war Cabanel reif für seine Aufsehen erregenden Auftritte im Salon. Immer darauf bedacht, seinem Publikum zu gefallen, erschloss er sich dort schnell Zugang zu wohlhabendsten Kundenkreisen. Als er es schließlich geschafft hatte, behielt er das Rezept bei. Zumindest stilistisch tat sich nach dem großen Wurf mit der Venus kaum mehr etwas in Cabanels Kunst.

Während sich das Salon-Publikum von deren entblößter Schönheit hinreißen ließ, musste Édouard Manet draußen bleiben. Sein »Frühstück im Grünen« mit gut gekleideten Herren und nackter Begleiterin befanden die Juroren schlicht für zu obszön – es fehlte das mythologische Alibi.

Heute wissen wir, wie kurzlebig der Hype um Cabanel sein sollte. Einige Jahre nur, und das Blatt wird sich wenden. Manets Skandalbilder, der Realismus eines Gustave Courbet, die zunächst verulkten Impressionen eines Claude Monet werden als wegweisend erkannt und nach oben kippen. Die oft meisterlich gemalten Damen und Dramen von Cabanel & Co. dagegen für Jahrzehnte auf die Schattenseite verbannt.

Gerade in jüngerer Zeit aber fällt auf, dass immer mehr Museen sich die Mühe machen, unters Blatt zu gucken. Wichtige Häuser kramen die verschmähte Salonkunst und ihre heute weithin unbekannten Protagonisten aus den Depots. Im Frühjahr etwa feierte Londons National Gallery den Historienspezialisten Paul Delaroche, und aktuell kann man im Pariser Musée d’Orsay den als Maler und Bildhauer aktiven Jean-Léon Gérôme kennenlernen. Köln liegt mit seiner »Wiederentdeckung« also durchaus im Trend. Wobei man sich natürlich fragen könnte, woher das plötzlich so prominente Interesse an den  akademischen Größen des 19. Jahrhunderts rührt.

Sicher steckt ein gewisser Überdruss an den unermüdlich aufgebotenen Flussläufen, Heuhaufen und Seerosen der Impressionisten dahinter. Doch vielleicht wird die Erweckung der Salonmaler auch vom Zeitgeist beflügelt – von der Freude an einfacher Bilderzählung, an technischer Brillanz, an historischen »Fantasy«-Figuren und -Geschichten.

Der Versuch, die Kunstgeschichte umzuschreiben, kann zumindest kaum hinter solchen Projekten stecken. Was die Salonkünstler ablieferten ist und bleibt – mit Blick auf die Entwicklung der Moderne – zu vernachlässigen. Deshalb gefällt ein Vorstoß wie der Kölner aber nicht weniger.

Denn die Cabanel-Schau befördert eine differenziertere Beurteilung, bereichert das oft auf die Heroen verengte Bild der Epoche um ganz wesentliche Aspekte. Sie zeigt, worum sich die Kunst-Debatte damals drehte, was die Leute sahen und bewunderten. Was Künstler und Kritiker – auch die fortschrittlichen – bewegte. Sie führt vor Augen, gegen wen und was sich die Avantgarde wehrte und durchsetzen musste. Abgesehen von all dem kann man in Köln natürlich durchaus beachtenswerte Gemälde entdecken, die in ihrer Thematik zuweilen sogar recht »modern« sein können.  

Fragwürdiger als die Entscheidung für Cabanel ist jene, als Ausstellungsgestalter einen zwar insolventen, doch überaus prominenten Modeschöpfer ins Haus zu holen und das an die große Werbeglocke zu hängen.

Christian Lacroix, der rein zufällig gleichzeitig auch als Kostümbildner für die »Aida« an der Kölner Oper wirkte, hat in Cabanels Heimatstadt Montpellier studiert, er verehrt den Maler und wollte vor seiner Karriere als Designer selbst einmal Kurator werden. Museumsdirektor Andreas Blühm freut sich über die »ideale Kombination« und geht damit hemmungslos auf Besucherfang: »Cabanel by Christian Lacroix«, so titelt der Flyer zur Ausstellung.

Ist Cabanel nicht Attraktion genug? Muss dem Publikum mit dem Namen Lacroix auf die Sprünge geholfen werden? Läuft man dabei nicht Gefahr, dass es am Ende nur Augen für das schicke Drumherum der Ausstellungsarchitektur »by Lacroix« hat, und die Malerei ins Hintertreffen gerät? Blühm winkt ab, Cabanel könne sich gegen Vieles durchsetzen. Außerdem sei er persönlich um jeden froh, den er locken könne. Auch um einen Lacroix-Fan, der sich, einmal angekommen im Museum, vielleicht auch für die Kunst begeistere.

Wie dem auch sei – ein unangenehmer Beigeschmack von Anbiederung bleibt und ebenso die Bedenken, dass Lacroix’ Kulissen am Ende doch einer ernsthaften Rezeption und Diskussion im Wege stehen können.

Dem Maler selbst, dies mag uns trösten, hätte die populäre Politur gewiss gefallen. Denn Cabanel, das lehrt die Kölner Schau, waren fast alle Mittel recht, wenn es darum ging, das Publikum zu verführen

4. Februar bis 15. Mai 2011; Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln. Tel.: 0221/22121119; www.museenkoeln.de

 

Kunst
02 / 2011

MALEREI WIE PARZIPAN

Von: STEFANIE STADEL


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