Gert und Uwe Tobias: Ohne Titel, 2015. Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin. © VG Bild-Kunst, Bonn 2015. Foto: Alistair Overbruck

NICHT OHNE SEINEN BRUDER

Was machen eigentlich Gert und Uwe Tobias? K.WEST hat die Künster-Zwillinge aus Siebenbürgen im Kölner Atelier besucht und in der großen Ausstellung jetzt auf Schloss Morsbroich in Leverkusen.

TEXT: STEFANIE STADEL

Vor ein paar Jahren eroberten sie mit ihren monumentalen Holzschnitten das Museum of Modern Art und entfachten damit einigen Wirbel in den Medien. Doch haben sich die Künstler-Zwillinge aus Siebenbürgen nicht ausgeruht auf dem Ruhm. Dort zeigen die Brüder allerneueste Arbeiten – auch diese wäre durchaus die ein oder andere Schlagzeile wert.

Der Ort ist bekannt – jener ehemalige Gewerbebau im Westen von Köln. Sieben, acht Jahre liegt der erste Besuch hier zurück. Damals ging es hoch her um Gert und Uwe Tobias. Es war die Zeit, als die Künstler-Zwillinge aus Siebenbürgen ins New Yorker Museum of Modern Art einzogen und ihre riesigen Holzschnitte kurz darauf im Bonner Kunstmuseum zum Besten gaben. Markt und Medien spielten verrückt. Seither hat man von den beiden nicht mehr so viel gehört in der Gegend. Keine einzige größere Ausstellung gab es vor Ort.

Jetzt jedoch sind sie wieder da: Im Museum Morsbroich haben die Zwillinge auf zwei Etagen aktuelle Werke ausgebreitet, um den »Ist-Zustand« vorzuführen, wie sie es nennen. Die Arbeit ist getan – alle Bilder hängen, die Skulpturen sind am Platz. Und so erlebt man sie zwei Tage vor der Ausstellungs-Eröffnung in Leverkusen ziemlich entspannt und gut gelaunt an ihrem Kölner Arbeitsplatz. Uwe trinkt Tee und lässt die meiste Zeit Gert reden, der diesen Job sehr gerne übernimmt, wie es scheint. Derweil sich der kleine weiße Hund namens Juri in seinem Körbchen räkelt.

Juri ist neu. Ansonsten aber hat sich seit dem letzten Treffen nicht viel verändert im Atelier. Ringsum allerdings schon, denn Gert und Uwe haben sich inzwischen auch wohnlich eingerichtet hinter dem hohen Gitterzaun – samt Anhang und Hund sind sie ins Obergeschoss des Gebäudes gezogen. Nun arbeiten sie also nicht nur Seite an Seite – jeden Werktag von 9 bis 18 Uhr. Sie wohnen auch noch unter ein und demselben Flachdach. Ist das nicht zu viel der Nähe? Nein, widersprechen beide. Es gebe reichlich Raum, einander aus dem Wege zu gehen, wenn es sein müsse, meinen sie übereinstimmend.

Sowieso sind sich die beiden meist einig. Gert und Uwe müssen ziemlich versiert darin sein, Spannungen zu vermeiden – oder sie produktiv auszunutzen. »Wir haben unsere Streitkultur ganz gut im Griff«, nickt Gert. Er weiß, wovon er spricht, zweifellos. Haben die 1973 geborenen Zwillinge doch schon während des Studiums bei Walter Dahn an der Kunsthochschule in Braunschweig gemeinsame Sache gemacht. Die erste Koproduktion stammt von 1999. Seither lebt ihr Werk sozusagen von der Zweisamkeit. Was wären sie ohne einander? Könnte man fragen. Muss man aber nicht. Denn Gert und Uwe denken überhaupt nicht daran, das Erfolgsmodell in Zweifel zu ziehen. Solange die besondere Mischung sie weiterhin überraschen kann und Neues bringt.

Auch in Vorbereitung der Leverkusener Schau haben sie wieder allerhand ausprobiert. Zu den Neuigkeiten im Werk zählen etwa großformatige Keramik-Skulpturen und ein erstes Wandbild, das eines der Kabinette auf Schloss Morsbroich schmückt. Ebenfalls neu ist der Einfall, die seit Jahren praktizierte Technik der Schreibmaschinen-Zeichnung auf einen Teppich zu übertragen. Mithilfe einer tibetischen Familie wurde der Plan in die Tat umgesetzt. Und in Leverkusen hängt das Ergebnis jetzt an der Wand. Es könnte aber ebenso gut auf dem Fußboden liegen, bemerkt Uwe. Denn ihm gefällt die Nähe zur Angewandten Kunst: Schließlich müsse es nicht immer das »große Kunstding« sein.

Bisher wenig bekannt im Schaffen der Zwillinge sind ebenso Arbeiten mit Pastellkreiden. »Die lagen hier herum, und wir haben geschaut, was passiert, wenn man sie verreibt«. Wie aus einer fernen Welt scheinen da Gestalten gleich Gespenstern durch einen blau-lila Farbdunst: Tiere, Menschen, ein Gesicht und immer wieder Hände, die nicht selten unvermittelt ins Bild langen. Grundsätzlich haben diese monochrom vernebelten Pastelle wenig gemein mit den typischen Holzschnitten der Brüder, wo klar umgrenzte Farbflächen nebeneinanderstehen. Doch kommt hier wie dort jener unverkennbar unheimliche Ausdruck zum Tragen, der dem ganzen Werk eigen ist. Alles passt irgendwie zusammen.

Es liegt vielleicht nicht zuletzt auch daran, dass Dritte in der Regel außen vor bleiben im Schaffensprozess. Kein einziger Assistent, der dem Duo beim Schneiden, Kleben, Sägen, Drucken zur Hand ginge. »Sogar das Grundieren der Leinwand machen wir selber. Gut oder?« Gert grinst. Angesichts der Menge an Werken, die sie für Leverkusen in gut einem Jahr auf diese Weise zusammengebracht haben, will man die beiden bewundern. Wird aber sofort gestoppt: »Soviel Arbeit war das auch nun wieder nicht – wir sind doch zu zweit«.

Doch wie genau sieht das Miteinander aus? Gibt es eine Arbeitsteilung? Macht der eine dies und der andere jenes? Hat Gert seine Stärken und Uwe andere? Darüber wird man von den beiden wohl nie eine hand-feste Auskunft erhalten. Sicher ist aber, dass sie nicht gemeinsam Stift oder Pinsel führen und die Köpfe zusammenstecken über jedem Blatt, das sie füllen. Es sieht viel eher so aus, dass die Brüder sich gegenseitig erlauben, voneinander abzuschauen, Ideen oder Motive vom anderen zu übernehmen und sie zu variieren. Größere Serien werden auch zusammen erarbeitet. So ist es am Ende tatsächlich unmöglich, irgendeine ihrer Zeichnungen, Collagen, Skulpturen, irgendeinen der Holzschnitte der einen oder der anderen Hand zuzuschreiben. Alles stammt von beiden. Und spricht eine ganz eigene Sprache: Surreal, konstruktiv und finster-folkloristisch zugleich, verquirlt mit einer ansehnlichen Portion Humor. Die nicht nur die Kunst, sondern auch das Gespräch würzt – an diesem Vormittag im Atelier.

Von dem großen Tisch dort hat man einen guten Blick auf das kreative Durcheinander im Rest des weiten Raumes. Überall liegen Tierbücher, Modezeitschriften, Kunstkataloge herum. Lauter Material, das immer wieder konsultiert wird, ja unverzichtbar scheint für die Kunst der Zwillingsbrüder. Dort finden sie jene Gestalten, Konstellationen, Körperhaltungen, die in ihren Bildern meist bis zur Unkenntlichkeit der eigenen Sprache anverwandelt werden.

Mal lenken die Tobias-Brüder ihren Blick auf Models, die mit Tieren posieren, mal auf eine Porträt-Kopie nach Lucas Cranach. Diverse mehr oder weniger geläufige Erinnerungen lassen sie einfließen in ihre geheimnisvolle Bildwelt. Hier blitzen Ensor oder Max Ernst auf. Dort kommen Munch und Malewitsch ins Spiel. Auch volkstümliche Zutaten bleiben wichtig: Masken, Ornamente, Bauernmöbel. Schaut man sich um in der neuen Produktion, so sind es aber zuallererst Anklänge an den Surrealismus, die ins Auge fallen: Wenn die Brüder aus Einzelteilen von Mensch und Tier, Vogel oder Insekt gruselige Gestalten und Ensembles bauen – egal ob in Holzschnitt, Keramik, Collage...

Es scheint ganz so, als wollten sie diese mediale Spannbreite in Leverkusen unterstreichen.  Erst bieten sie dem Besucher die Zeichnungen, die Wandarbeit, die Pastelle und Keramiken, bevor er im Obergeschoss findet, was er kennt und deshalb wohl auch sucht: Die angestammte Tobias-Technik – den Holzschnitt, der die beiden bekannt und berühmt machte. Auch, weil sie es fertig gebracht haben, der Jahrhunderte alten Drucktechnik ganz neue Seiten abzugewinnen. Mit großen Formaten, vielen Farben und Druckstöcken, die in mehreren Lagen auf den Bildträger gedrückt werden.

Im Kölner Wohn-Atelier führt eine schmale Wendeltreppe hinauf ins erste Stockwerk, wo ein eigener Raum für diese Arbeiten reserviert ist. Allerdings nicht so ganz, ein paar Trimm- und Kraftmaschinen stehen dort auch herum. Gleich daneben zwei jener speziellen Apparaturen – am treffendsten würde man sie wohl als  elektrischen Laubsägen beschreiben. Gert und Uwe benutzen sie schon seit Studententagen. Ziemlich frei könne man damit die Formen aus dem Pappelholz schneiden, erklären sie, und noch beim Sägen entscheiden, wo die ein oder andere Linie hingehen solle, fast wie beim Zeichnen.

Wenn die Form steht, wird sie mit Farbe versehen und in mehreren Lagen auf die Leinwand gedrückt – wie ein Stempel. Mal mit mehr und mal mit weniger Druck, ganz nach Belieben. Denn statt der Presse benutzen die Brüder Hände und Füße.

Auf diese Weise haben sie sich auch das manieristische Porträt einer pommerschen Adligen des 16. Jahrhunderts zu eigen gemacht. Kaum wiederzuerkennen ist das alte Vorbild im geheimnisvoll grotesken Riesenholzschnitt. Ganz besonders heben die Tobias-Brüder in dieser künstlerischen Neufassung auf die Hände ab – noch stärker als im Gemälde erscheinen sie hier in die Länge gezogen. Und die züchtige Frisur der edlen Dame formt sich zwischen den Sägeblättern des Zwillingspaars zum weit ausschweifenden Kaufmanns-Und. Nicht nur hier ist es anzutreffen – gleich einem Markenzeichen zieht sich das »&« durchs ganze Gemeinschaftswerk.

 

Museum Morsbroich, Leverkusen. Bis 23. August 2015. Tel.: 0214 / 855560.

Kunst
06 / 2015

NICHT OHNE SEINEN BRUDER

Von: Stefanie Stadel


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