Sigmar Polke: Ohne Titel (Quetta, Pakistant), 1974-78. Glenstone. Foto: © Alex Jamison. © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst Bonn, 2015

PUNKT FÜR PUNKT: IN POLKES ATELIER

Polke privat: Anlässlich seiner großen Werkschau im Kölner Museum Ludwig trafen wir Sohn und Tochter des 2010 verstorbenen Künstlers in seinem ehemaligen Kölner Wohn-Atelier.

TEXT: STEFANIE STADEL

»Ich liebe alle Punkte. Mit vielen Punkten bin ich verheiratet.« Einer der zahlreichen ironischen Kommentare, mit denen Sigmar Polke sein Werk begleitete und das Publikum amüsierte. Diesmal spricht der Künstler ohne Zweifel seine berühmten Rasterbilder an, in denen er sich seit den frühen 60ern etwa Werbefotos aus Illustrierten in akribischer Handarbeit Punkt für Punkt zu eigen machte. »Ich möchte, dass alle Punkte glücklich sind. Die Punkte sind meine Brüder«. Das hört sich lustig an.

Doch wer einmal hinter die schlichten Mauern seiner Arbeitsstätte in einem Gewerbegebiet am Stadtrand von Köln geschaut hat, der entdeckt selbst im witzigen Loblied auf die Punkte einen wahren Kern. Denn es gibt sicher nicht viele Künstler, deren Leben und Kunst eine so innige Verbindung eingehen, wie dies für Polke offenbar galt. Er lebte inmitten seiner Kunst. Wohnte, wo er arbeitete. Wo er schlief, malte er – Punkte und allerhand mehr. Kein hübscher Ort ist das, erst recht nicht romantisch. Der Großkünstler teilte sich das Areal mit einer Schreinerei. Im »Wohnzimmer« lagerte seine beachtliche Bibliothek in Eisenregal-Ungetümen. Und zu Werke ging er in riesigen Werkshallen. Früher einmal lagen und standen hier überall Bilder herum, an die er abwechselnd Hand legte. Oft über einen langen Zeitraum – indem er etwa Farbe schüttete oder chemisch reagieren ließ. Wenn die Experimente besonders giftig wurden, ging er ab und zu auch auf den Parkplatz vor der Haustür. Davon legen unter anderem Staub und Insekten Zeugnis ab, die, vom Wind herbeigeweht, im Malmaterial versanken.

Polkes Kunststücke sind inzwischen an sicherere Orte gewandert. Aber sonst ist noch vieles beim Alten. Der Polke Estate arbeitet sozusagen am Originalschauplatz. Restaurator und Polke-Kenner Michael Trier, der Jurist Georg Castell und zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen sichten und ordnen, kümmern sich um Leihanfragen und gehen das erste Werkverzeichnis an. So etwas gab es bisher nicht – Polke war dagegen. Der Arbeit wegen. Und sicher auch, weil er sich ungern über die Schulter schauen oder verwalten ließ. Die Nachfahren haben das ein Leben lang Verhinderte oder Aufgeschobene nun in Gang gebracht.

Warum überlassen Polkes Kinder, Anna und Georg, und seine zweite Frau Augustine von Nagel den Job der Nachlasspflege nicht, wie sonst üblich, einem Museum oder einer Galerie? »Mein Vater war die ganze Zeit über unabhängig«, bemerkt Anna Polke dazu. »Und ich meine, es ist in seinem Sinne, wenn wir unabhängig bleiben.«

Man hat Platz genommen an einem großen Holztisch in der geräumigen Wohnküche, wo auch Polke einst saß mit seinen Gästen, wenn er denn welche hatte. Jeder weiß, dass er nicht viele Besucher empfing. Die wichtigsten Sammler, Kuratoren, Direktoren ließ er regelmäßig auflaufen und abblitzen. Auch am Telefon, das er zum Selbstschutz vor Störungen in einem Koffer klingeln ließ. Mit bemerkenswerter Konsequenz entzog er sich dem Kunstbetrieb, widersetzte sich neugierigen Blicken über die Künstlerschulter. Begegnete jedem marktfreundlichen Versuch der Einordnung mit einer erneuten Drehung oder Wendung im Schaffen.

Während andere jedes Dokument, alle möglichen Quellen ihrer Kunst sammeln, nummerieren, archivieren, während Kollegen wie Gerhard Richter so die wissenschaftliche Aufarbeitung wie Rezeption gleich in geregelte Bahnen leiten, landete bei Polke das Meiste in Schubladen, Schränken, Kisten, auf und unter Tischen. Ordnung kostet Zeit – und hätte vielleicht mehr verraten, als ihm lieb war.

Wichtiger als all das Drumherum war Polke die Arbeit an seiner Kunst, wie es scheint. Mit ihr war er wohl tatsächlich ziemlich oft allein. Helfen ließ er sich kaum. »Auch die Leinwände hat er selbst aufgespannt und grundiert«, sagt Tochter Anne. »Deshalb wirkte er vielleicht noch zurückgezogener – weil er sich ganz auf seine Arbeit konzentriert hat.«

Farbige Spuren davon finden sich überall auf dem rohen Fußboden nebenan in der großen Halle. Und an den Mauern dort, wo leere Leinwände lehnen, als würden sie warten. Vielleicht hätte Polke sie sich noch vorgenommen, wäre er nicht am 10. Juni 2010 seiner schweren Krankheit erlegen. In den Monaten davor hatte er noch Pläne geschmiedet. Hatte mit der Kuratorin in New York erste Überlegungen für die große Retrospektive angestellt, die nach viel beachteten Stationen in New York und der Londoner Tate Gallery Mitte März in etwas veränderter Form im Museum Ludwig eröffnet. Fast vor Polkes Haustür.

Das Rheinland war seine Heimat, hier lebte der 1941 in Schlesien Geborene seit den 50er Jahren und entwickelte sein Werk. Polke hatte in Düsseldorf studiert und gemeinsam mit dem neun Jahre älteren Gerhard Richter als Schöpfer einer neuen Kunstrichtung reüssiert. Kapitalistischer Realismus, so nannten sie ihre originelle Antwort auf das sozialistische Pendant im Ostblock und die amerikanische Pop Art. Bei den Streifzügen durch die kleinbürgerlichen Wohnidyllen der Nachkriegszeit stieß Polke seinerzeit auf Zierpalmen und Flamingos, Blümchentapeten und bunte Plastikwannen. Als Leinwand-Ersatz benutzte er bald Bettwäsche, Tischtücher, Wolldecken. Dabei wurde ihm das Spiel mit der Kunstgeschichte und -gegenwart mehr und mehr zur Strategie.

Polke bediente sich bei Dada, verarbeitete Surrealismus und Informel auf seine eigene Art. Er adaptierte und ironisierte Minimalismus, Op Art und Konstruktivismus. Joseph Beuys schimpfte ihn einst einen Schlingel; vielleicht hatte er Polkes »Langeweileschleifen« und Schrifttafeln im Kopf, die leicht als spöttische Kommentare auf die seinerzeit aktuelle Erweiterung des Kunstbegriffs erscheinen können.

Mal glänzte Polke als ironischer Beobachter seines künstlerischen und gesellschaftlichen Umfelds, mal tat er sich als fantastischer Erfinder hervor. Als beherzter Experimentator zeigte er sich vor allem seit den 80er Jahren. Damals entdeckte er unerprobte Farbstoffe, Materialien und Chemikalien, versuchte seine Malerei fortzutreiben und führte sie dabei auf kaum bekanntes Terrain. Die Ergebnisse dieser Versuche waren nur bedingt steuerbar, gerade das schien ihn zu reizen. Polke brannte Löcher in Matratzenstoff. Rauchwolken schufen unter seiner Regie Rußbilder auf Glas. Er blies Mineralien und Meteoritenstaub auf die Leinwand  oder verschüttete darauf Kunstharz, Kaffee und Spirituosen. 

So weit die einigermaßen bekannten Seiten. Es gibt aber immer noch weniger ausgeleuchtete Ecken des Œuvres, auch wenn man das angesichts seiner Prominenz und kunstgeschichtlichen Relevanz kaum glauben möchte. Die kollaborativen und politischen Arbeiten der 70er Jahre zum Beispiel blieben in der Betrachtung oft links liegen; speziell sie möchte das Museum Ludwig in Bezug setzen zum Davor und zum Danach. Ein großes Thema in Köln ist darüber hinaus – wie schon in New York und London – die multimediale Spannbreite des Schaffens. Erstmals lässt man Polke mit seiner erstaunlichen Beweglichkeit in allen möglichen Gattungen glänzen. 

Vor allem möchte die Schau seine Filme würdigen. Im Estate hat man begonnen, sie durchzusehen und zu digitalisieren. Ein Job, den Polke selbst auf »später« verschoben hat. Sicher war ihm klar, wie viel Mühe und wertvolle Zeit es gekostet hätte, diesen gewichtigen Part des Schaffens für die Öffentlichkeit aufzubereiten, bei der Masse an Material, die in den Jahren zusammengekommen sein muss. Sah man ihn doch permanent mit seiner 16-Millimeter-Kamera hantieren.

Besonders emsig filmte er 1986 im Deutschen Pavillon der Venedig Biennale. Über zwei Jahre war der Künstler dort unterwegs, näherte sich in experimentell skizzenhaften, mehrfach belichteten Aufnahmen dem Ort an. Der gründlichen Recherche folgten konkrete Vorarbeiten, die er mit der Kamera dokumentierte. Schließlich die filmkünstlerische Bestandsaufnahme des vollends installierten Biennale-Zyklus, der ihm damals den Goldenen Löwen einbrachte. Auch die Preisverleihung hat er festgehalten. Im Anschluss an den Auftritt in Venedig gingen die sechs gelblich-transparenten Lackbilder ans Museum Abteiberg. Um den empfindlichen Arbeiten das Reisen zu ersparen, richtet die Kölner Präsentation eine Dependance in Mönchengladbach ein, wo nun zum allerersten Mal auch Polkes Venedig-Filme zu Ehren kommen.

Es wird gewiss nicht die letzte Entdeckung sein, die der Estate zu Tage fördert. In Polkes Hallen wartet noch einiges, was in den kommenden Jahren unter die Lupe der Nachlass-Forscher wandert – Blätter, Bilder, Bücher, Fotos, Filme, Zeitungsausschnitte.  Man hat sich vorgenommen, die kleinen verstreuten Einzelteile in Bezug zueinander und zum Werk zu setzen. In einer großen Datenbank wird alles miteinander verknüpft.

Es dauert sicher noch Jahre, bis ein Pünktchen zum anderen sortiert ist. Bis Ordnung und Klarheit herrschen. Bis die Geheimnisse, so gut es geht, gelüftet sind. Ob Polke das gefallen hätte? Ihm, der sich seinen Lebtag so ungern in die Karten gucken ließ? Man darf es bezweifeln.

 Alibis: Sigmar Polke. Retrospektive, Museum Ludwig, Köln; 14. März bis 5. Juli 2015, Tel.: 0221 / 221 26165

Kunst
03 / 2015

PUNKT FÜR PUNKT: IN POLKES ATELIER

Von: Stefanie Stadel


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