Anja Ciupka: Skooter, 2005. Foto: Achim Kukulies

SELTEN KOMISCH

In der Ausstellung »Asche und Gold« auf Schloss Moyland wird ihre Arbeit zwischen Werken von Joseph Beuys, Gerhard Richter und Yves Klein gezeigt. Dabei hat die junge Düsseldorfer Künstlerin Anja Ciupka längst ihre eigene Sprache gefunden. Und punktet mit einem raren Gut in der Kunstwelt: Humor.

 

TEXT: INGO JUKNAT

Der Schriftsteller David Foster Wallace wusste, was unterschätzte Stärken sind. Als Gastdozent an der Uni wollte er seinen Studenten beweisen, dass Kafka komisch ist. Wallace versuchte es mit der »Kleinen Fabel«, mit »Poseidon« und anderen Texten. Es half wenig. Die Studenten erkannten in den Geschichten alles Mögliche, aber nicht die Komik.

So ähnlich verhält es sich mit der Kunst von Anja Ciupka. Die 36-jährige Düsseldorferin gewinnt Stipendien und Preise, ihre Werke werden in großen Museen ausgestellt, Kunstkenner loben ihre Arbeiten. Sie entdecken »Irritationen der Raumsymmetrie«, surrealistische Elemente und die »flüchtige Moderne«. Wahrscheinlich stimmt das alles. Und doch wartet man auf den einfachen Satz: Anja Ciupka ist komisch. Nicht nur, aber auch.

Wer sich davon überzeugen will, besucht die Ausstellung »Asche und Gold«, die diesen Monat im Museum Schloss Moyland startet. Ciupkas Beitrag ist ein raumgreifendes goldenes Spinnennetz. Bei genauer Betrachtung sind die Maschen unregelmäßig und schief. Die Inspiration stammt aus einer Naturdokumentation über den Einfluss von Drogen auf Tiere. Darin baut eine Gartenkreuzspinne auf Koffein Chaosnetze mit großen Löchern. Die Falle wird zur Lachnummer.

Ciupkas beste Arbeiten leben von ihrem Humor. Da ist z. B. der Kurzfilm »Angriff auf Meckis Ranch«. Er zeigt, wie zwei vermummte Gestalten nachts in einen überkandidelten Country-Schrebergarten einbrechen, um ausgerechnet die Alarmanlage zu stehlen. In der Ausstellung ist das rote Blinklicht neben dem Video aufgebaut – als Kunsttrophäe, wenn man so will. Auch an anderen Orten hat Ciupka interveniert. Als es bei der WestLB noch was zu lachen gab, trieb sie eine Herde Schafe durch die Bank und filmte das Ganze. Als Abschlussarbeit an der Düsseldorfer Kunstakademie teilte sie den Klassenraum mit einem neun Meter hohen Ballfangzaun. Ob hier jemand ein- oder ausgesperrt wurde, blieb offen. Praktischen Wert hatte die Installation obendrein. Bei der Rundgang-Party schirmte sie den DJ und die Plattenteller von der Tanzfläche ab.

Häufig brechen Ciupkas Werke die White-Cube-Ästhetik ihrer Ausstellungsorte. Ein schönes Beispiel war ihr Beitrag zu »Compilation II«, einer Gruppenausstellung mit  anderen Kunstakademieabgängern. Dafür verpflanzte Ciupka zwei Autoskooter ins Obergeschoss der Düsseldorfer Kunsthalle, samt nachgebautem Stromnetz und funktionierenden Lichtern. Plötzlich wirkte es, als sei die strenge Kunsthalle schon immer als Gleitfläche für blinkende Kirmes-attraktionen gedacht gewesen.

Schafe in der Bank, Autoskooter im Museum, Ballfangzäune in Klassenräumen – Ciupka überträgt ihre Objekte in andere Kontexte, wo sich die Gegenstände mit neuer Bedeutung aufladen. Einen ähnlichen Effekt hat das Spiel mit den Maßen. Da ist das übergroße Spinnennetz, in dem sich ein Mensch verfangen könnte (wenn es nicht so große Löcher hätte). Oder die Arbeit »Car Crash« aus dem Jahr 2007. Sie kehrt das Prinzip um und verkleinert den Gegenstand. In diesem Fall ist es ein VW Beetle mit gestauchter Motorhaube, abgerissenem Seitenspiegel und anderen Unfallschäden. Erst beim zweiten Blick bemerkt man, dass es sich bei dem Bild um ein Spielzeugauto handelt. Zu Ciupkas neueren Werken, die mit der Manipulation gewohnter Größen spielen, gehört der »Rabenpavillion« – eine Mischung aus XXL-Vogelkäfig und Gartenlaube. Halb Gefängnis, halb Ort für Romantik, greift er ein Hauptthema in den Arbeiten der Künstlerin auf – Modelle des Zusammenlebens.

Im Kunstverein Mönchengladbach verstreute Ciupka letztes Jahr 96 Boulekugeln vor einem Liebesgedicht. Die Positionen der Kugeln zu-einander spiegeln die persönlichen Verhältnisse im Text: Freund-Freundin, Freundin-Liebhaber, Mutter-Kind und einige mehr. Die Arbeit wirft Fragen von Steuerbarkeit und Zufälligkeit menschlicher Verbindungen auf. »One House for Separated Parents and their Children« (2003) variiert das Thema »Zusammenleben«. Es ist der architektonische Entwurf eines Familienhauses, das keines ist. Gemeinschaftsraum und Kinderzimmer bilden die Schnittmengen zweier Wohnungen, die ansonsten strikt getrennt sind – wie die Eltern, die darin leben. Es bleibt dem Betrachter überlassen, ob er diesen Entwurf als pragmatische Lösung eines modernen Beziehungsproblems sieht. Oder als Kommentar zur kalten Pragmatik genau solcher Lösungen.

Einen gleichzeitig fiktiven und nicht fiktiven Wohnraum bildete das Projekt »Passionate Single« von 2008, Ciupkas bislang komplexestes Werk. Für den Kunstverein Arnsberg richtete sie eine ganze Wohnung ein. »Ich wollte die Situation wie eine Bühne oder die Location für einen Film nutzen«, erzählt die Künstlerin. Das Ergebnis hat gewisse David-Lynch-Elemente. Ein seltsam schmales Hochbett ohne Leiter, eine zu groß wirkende Kaffeemaschine auf einem Podest, eine Duschkabine mitten im Wohnzimmer. Es sind subtile Verschiebungen ins Surreale, die die Kraft der Ausstellung ausmachen. Einige Möbel wirken kurios in ihren veränderten Dimensionen, andere beinahe unheimlich. Hier verschwimmen sie, die Grenzen zwischen Komik und Unbehagen.

Asche und Gold, 13. Mai bis 19. August, www.moyland.de + www.anjaciupka.de

 

 

Kunst
05 / 2012

SELTEN KOMISCH

Von: INGO JUKNAT


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