Kristina Buch: The Lover, 2012. Foto: Markus J. Feger

Kristina Buch: The Lover, 2012. Foto: Markus J. Feger

David Link: Loveletters_1.0, 2009. Zur Verfügung gestellt von David Link und Alexander Ochs Galleries, Berlin and Beijing. Foto: Markus J. Feger

DOCUMENTA: TIERISCH, TECHNISCH

Die 13. Documenta ist gut angelaufen. Nach all der Skepsis im Vorfeld hat man sich schnell angefreundet mit dem extrem weit gespannten Kunstbegriff, den Carolyn Christov-Bakargiev als Leiterin der Großausstellung zu Grunde legt. Gut ins tier- und technikfreundliche Bild fügen sich auch zwei junge Teilnehmer aus NRW, von denen bisher kaum etwas zu hören oder zu sehen war.

 

TEXT: STEFANIE STADEL

Disteln und Nesseln wuchern, Weidenröschen und Natternkopf stehen in voller Blüte, dazwischen knallen Kornblumen mit ihrem beinahe fluoreszierenden Blau. Und irgendwo im Dickicht sieht man es flattern. Der Kenner identifiziert das Fleckenmuster des Gorganus-Falters, stellt dann aber sehr bald ernüchtert fest, dass alles bloß Attrappe ist – die Flügel aus Plastik, ihr Schlag solarbetrieben.

Eigentlich hat Kristina Buch das Stückchen Erde vor dem Staatstheater in Kassel als echtes Schmetterlingsparadies angelegt. Doch weit und breit ist kein Exemplar der Gattung Lepidoptera auszumachen. Abgesehen von jenem falschen Falter, den ein witziger Documenta-Besucher ins Blumenbeet gesteckt haben muss. Die drollige Zugabe zieht einige Aufmerksamkeit auf sich. Auch ein Fernsehteam, das soeben das Mikro ergriffen und die Kamera geschultert hat, klammert sich nach vergeblicher Suche nach biologischem kurzerhand an das technische Geflatter im üppigen Grün.

Buch selbst ist noch nicht eingetroffen, wird aber sicher bald kommen – bereit für das nächste TV-Interview. Inzwischen hat die 29-Jährige Übung. Denn ihre verschmähte Schmetterlingsinsel gehört zu den Rennern in Kassel. Und das bis vor kurzem kaum bekannte Documenta-Nesthäkchen zu den Gefragtesten im Medienrummel dieser Tage. Vielleicht nicht zuletzt, weil beides so gut passt ins Bild dieser 13. Ausgabe der Mega-Schau, die einen extrem weitgesteckten Kunstbegriff zur Anschauung bringt. Dabei erfreulich wenig Wert auf allenthalben herumgereichte Künstlergrößen legt.

Neben den sicherlich karrierefördernden Auftritten vor Mikrofon und Kamera treiben Buch aber noch ganz andere Verpflichtungen hierher in ihr bepflanztes Rondell – Tag für Tag, nicht selten mehrmals. Sooft nämlich der heimische Zuchtbetrieb Nachschub produziert. Unter Tageslichtröhren in selbstgezimmerten Schlupfboxen zieht die Künstlerin Puppen zu Schmetterlingen heran und setzt sie, sobald flugbereit, dort aus.

Im nahen Café bei einem Glas frisch gepresstem Orangensaft nimmt die zielstrebige Jungkünstlerin sich Zeit, alles zu erklären. Die Gorganus-Fälschung am Spieß hat Buch mitgebracht. Zwar freut sie sich über den unbekannten Schmetterlings-Spender, weil er ihr Spiel mit den großen Erwartungen offenbar durchschaut habe. Aber soweit, dass sie den originellen Fremdkörper im Beet belassen möchte, geht die Begeisterung dann wohl doch nicht.

Lieber sind Buch eben die echten Exemplare: Weißlinge, Bläulinge, Tagpfauenauge, Große und Kleine Füchse … Um die 40 heimische Tagfalterarten hat sie im Repertoire. Und jedem von ihnen bietet das Mikro-Biotop ein ausgewogenes Menü. Die allenthalben sterbende Artenvielfalt – hier wird sie auf ein völlig unnatürliches, ja absurdes Übermaß hochgeschraubt. Der nur 100 Quadratmeter kleine, prominent platzierte Grünfleck bedient alle und berücksichtigt noch dazu sämtliche Entwicklungsstufen mit Gewächsen zur Eiablage, mit Pflanzen, die Raupen schmecken und mit solchen, aus denen sich der fertige Schmetterling mit Nektar versorgt.

Buch macht keinen Hehl daraus, dass nur die wenigsten ihrer Zöglinge dieses Angebot zu schätzen wissen. Manche suchten, soeben aus der Transportbox befreit, sofort das Weite, ohne irgendein Interesse an der Nektarsituation. Andere würden schlicht weggeblasen. Einige sehe man aber auch von der Insel tanzen und dann umkehren. »Vielleicht, weil sie merken, dass es hier mehr gibt, als in der kargen Weite drum herum, vielleicht aber auch einfach aus Zufall.«

Doch auf all das komme es letztlich gar nicht an. »Richtig wichtig sind mir Mühe und Hingabe, die Liebe und die Vergeblichkeit, das nicht Kontrollierbare, nicht Festhaltbare, nicht Besitzliche. Jeden Morgen komme ich hierher, und der Wind hat das meiste von dem weggeblasen, was ich am Tag zuvor gebracht habe.«

Für Buch haben Mühe und Hingabe lange vor der Documenta begonnen. Mit gründlichen Recherchen: Welcher Falter braucht welche Gewächse? Und was benötigt jede einzelne der 180 Pflanzenarten, um zu gedeihen? Seit März ist die Künstlerin in Kassel, um das Gärtlein zu bestellen. Um Pappel, Birke, Saalweide einzusetzen – alles Raupenfutter-Lieferanten. Brennnesseln, die wichtig sind zur Eiablage des Tagpfauenauges. Und Disteln als Nektarpflanze für praktisch jede der zig angesiedelten Falterarten.

Wenn sie diese Dinge auseinanderlegt, hört man sehr deutlich die Fachfrau heraus. Buch hat einen Bachelor in Biologie; kaum fertig damit, bekam sie einen Platz am Royal College of Art in London. Und während ihres anschließenden Studiums an der Düsseldorfer Akademie bei Rosemarie Trockel erhielt sie letztes Jahr die Einladung aus Kassel. Für Buch ein völlig unerwartetes, absolut beglückendes Ereignis: »Es gäbe, glaube ich, keinen besseren Zeitpunkt, keinen schöneren Kontext, das Vorhaben zu realisieren.«

Die Künstlerin stimmt überein mit Carolyn Christov-Bakargiev und ihren Attacken gegen das anthropozentrische Weltbild. Auch wenn die Documenta-Leiterin solche Anstöße zuweilen abenteuerlich überspitzt vorbringt, etwa das Wahlrecht für Bienen und Erdbeeren einfordert. Ideal scheint Buch auch der konkrete Schauplatz für das Projekt in Kassel – zwischen Documenta-Halle, Naturkunde-Museum und einer Kirche. Seien doch Biologie und Theologie wesentliche Interessenfelder, die immer wieder in ihre Kunst einfließen. Auch methodisch macht sich Buchs Werdegang bemerkbar – in der naturwissenschaftlich grundierten, insgesamt überaus planvollen Anlage dieser Arbeit.

Eigenheiten, die das noch schmale Schaffen immer wieder durchscheinen lässt. Zum Beispiel die Abschluss-Arbeit am Royal College of Art, in der Buch bereits 2009 um Wesen und Wert menschlicher Kultur kreiste: Als Assistenten hatte sie sich drei Schimpansen aus dem Londoner Zoo ausgesucht und ihnen Tonklumpen zum Kneten in die Hand gedrückt. Das Ergebnis präsentierte die Künstlerin unter dem Titel »Before the I Was Folded« zusammen mit einer Plastiktüte, die – an einem Ventilator befestigt –, endlos durch den Raum wirbelte. Was steckt hinter der Kunst? Absicht, Willkür oder Zufall?

Gut ins Schaffen fügt sich nun auch die Sache mit den Schmetterlingen – sie schwebt der Künstlerin nicht erst seit der Documenta vor. Berückt vom zarten, verspielten, unbeholfenen Falter-Flug, hat sie die Idee schon lange zuvor entwickelt und genießt ihre Verwirklichung nun in vollen Zügen. Bis zum Ende der 100 Documenta-Tage will sie in Kassel bleiben und in dieser Zeit über 3.000 Falter-Tiere aufziehen und aussetzen. Für Buch käme es nicht in Frage, die Gartenarbeit in Kassel einem anderen zu überlassen. Der Titel des Werks »The Lover« ist für sie Programm und die eigene Hingabe ein wesentlicher Teil des Ganzen.


Auf völlig anderem Terrain, aber gewiss nicht minder hingebungsvoll widmet sich David Link, der andere Teilnehmer aus NRW, seiner Kunst. Wenn auch mit weniger sinnlichem und publikumswirksamem Ergebnis. In der barocken Orangerie in Kassel steht seine Installation aus Computer, alter Elektronik, gebrauchten CR-Röhren, einem ausgeschlachteten Fernschreiber in der Vitrine und bedruckten Blättern am großen schwarzen Brett für eine lange Geschichte, aus der Link gern und mit viel Liebe zum Detail erzählt.

Zwei Tage nach dem Start der Documenta trifft man ihn in Köln. Während Kristina Buch noch in Kassel weilt, ist er wieder zu Hause und auf dem Sprung nach London, wo er einen Vortrag zum 100. Geburtstag des britischen Logikers und Mathematikers Alan Turing halten wird – der »Vater des Computers«, so Link, und nebenbei eine Schlüsselfigur seiner Documenta-Installation. Aber dazu später.

Denn die Story beginnt eigentlich mit jenem Computerprogramm, das Link sich vor ein paar Jahren in der Bodleian Library in Oxford besorgt hat – 1951 von dem Software-Pionier Christopher Strayche entworfen, ist es eines der frühesten überhaupt. Der Witz dabei: Es diente nicht etwa dazu, Geheimnachrichten zu entschlüsseln oder Raketenflugbahnen zu berechnen. Es war allein dazu bestimmt, Liebesbriefe zu generieren. Ziemlich schwülstige Dinger – aber das sollte Link erst später erfahren. Denn es dauerte einige Zeit, bis er den Quellcode entziffern und das Programm zum Laufen bringen konnte. Link musste den »Manchester Mark I« erst rekonstruieren, um das Liebesbrief-Programm darauf auszuführen.

Das Authentische ist ihm sehr wichtig. Fiktion, wie sie in der Kunst so oft zu finden ist, interessiert ihn nicht. Ganz der Wissenschaftler, legt Link Wert darauf, alles genau zu ergründen, originalgetreu nachzuempfinden. Dabei macht es durchaus stutzig, dass man bloß ins vergangene Jahrhundert zurück muss, um sich als Archäologe fühlen zu dürfen. Als Künstler und »Medienarchäologe« wird Link im Documenta-Katalog geführt. Zwar stört ihn ein wenig der inzwischen kaum mehr fassbare Medien-Begriff. Bezogen auf seine Arbeit findet er die Bezeichnung »algorithmische Artefakte« passender. Aber Archäologe treffe die Sache in jedem Fall, wie Link meint. Ja, auch er gräbt Verschüttetes aus. Wegweisende Systeme, an die kaum mehr einer denkt. Das müssen nicht unbedingt Computerprogramme sein. Auch die Zairja, mit der arabische Astrologen im 13. Jahrhundert auf mechanischem Wege Ideen generierten, konnte schon Links forschenden Künstlergeist wecken.

Bei Link, geboren 1971 in Düsseldorf, führte der Weg in sein einzigartiges, eigenartiges Terrain über das Studium der Philosophie, Germanistik, Kunstgeschichte und Theologie. Und über die Auseinandersetzung mit Friedrich Kittler, der die Technik als Weltgeist beschrieb. Den Aufschreibesystemen einer Epoche wesentliche Bedeutung beimaß für alles, was der Mensch ist und denkt. 2004 promovierte Link zum Thema »Poesiemaschinen/Maschinenpoesie – Zur Frühgeschichte computerisierter Texterzeugung«.

Dieser wissenschaftlich-künstlerische Background brachte ihm 2009 einen Ruf als Professor an die Hochschule für Graphik und Buchkunst nach Leipzig ein, wo er den eben geschaffenen Lehrstuhl für »Experimentelle Technologien im Kunstkontext« besetzte. Allerdings nicht lange. Link gab den Job schnell wieder auf, fühlt sich wohler als freier Künstler. Seit kurzem sogar mit einer Galerie im Rücken.

So kann er sich in aller Ruhe des nächsten verschütteten Computerprogramms annehmen. Eine Art Damespiel, das unter Links Händen sicher bald wieder funktionieren wird. Vielleicht schon im Herbst. Wenn Buchs Blumenpracht zu welken beginnt, die Büsche erste Blätter lassen und der letzte Falter in Kassel das Weite sucht.

Documenta 13. Kassel; bis 16. September 2012; http://d13.documenta.de

Kunst, Köpfe in NRW
07 / 2012

DOCUMENTA: TIERISCH, TECHNISCH

Von: STEFANIE STADEL


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