Eduardo Chillida: Das Haus von Johann Sebastian Bach, 1981. Corten-Stahl

UM DEN WIND ZU KÄMMEN

Sein Werk ist auf eine fast altmodische Weise konsequent – und vielleicht auch deshalb so überzeugend. Das Picasso-Museum in Münster richtet dem baskischen Bildhauer Eduardo Chillida eine eindrucksvolle Ausstellung aus.

 

TEXT: KATJA BEHRENS

Ignacio Chillida, der älteste Sohn des Künstlers, geht froh zwischen den Werken seines Vaters umher, berührt hier eine Kante, streicht dort über eine Oberfläche. Er bleibt stehen. Als ein Podest umgedreht werden soll, hebt er kurzerhand eine Skulptur hoch, bis der Sockel richtig hingestellt ist. Er wandert an den Objekten und Bildern vorbei, mit denen er so lange gelebt hat, erinnert sich. Er ist voller Geschichten, die er gern erzählt.

Jetzt hat er aus Anlass des zehnten Todestages seines Vaters eine große retrospektive Werkschau zusammengestellt: einen weiten Überblick über das Schaffen eines Künstlers, der beinah 50 Jahre lang still und konzentriert zentrale Fragen der Skulptur und ihres jeweiligen Materials untersucht hat. Der sich mit Raum, Volumen, Form auseinander gesetzt, Schwerkraft und Mehransichtigkeit thematisiert hat. Und der weder vor der materiellen noch vor der spirituellen Dimension der eigenen Kunst zurück schreckte.

Eduardo Chillida, 1924 im baskischen San Sebastián geboren, hat Abstraktion und Raumerleben in seiner Kunst zusammengebracht, hat riesige Stahlbalken geknickt und wie Papier gefaltet, hat dicke Blöcke auseinander geschnitten, gegeneinander verschoben, durchbrochen, verschachtelt, wieder zusammengefügt. Er hat Balken gebogen und verdreht.

Aus den Beständen der Fundacio Chillida im spanischen Hernani und der Fondation Maeght im französischen Saint-Paul de Vence sind nun 131 Arbeiten nach Münster gereist. Ignacio hätte gerne noch mehr mitgenommen, aber der Platz reichte nicht. So hängen nun Zeichnungen neben Papiercollagen, ruhen Alabasterblöcke neben kleinen und großen Stahl- oder Keramikskulpturen und Holzstelen. Deren weiche gemaserte Oberflächen sind dem Künstler selbst offenbar fast zu schön erschienen; irgendwann hörte er auf, in Holz zu arbeiten.

Konzentriert hat er sich eine Zeitlang auf andere Oberflächen. Er brennt schamottierte Tonerde in langwierigen Prozessen im Holzofen und nimmt sich selbst zurück. Nicht seine modellierende Künstlerhand, sondern Länge und Temperatur des Brennvorgangs im Feuer verleihen den »lurras«, die zwischen 1977 und 1981 entstehen, ihre unterschiedlichen Oberflächen. Diese sind eingekerbt, geschnitten und zerlegt, der kompakte Tonblock als Form aber bleibt erhalten. Er ist zu einem energiegeladenen Objekt geworden, als ob er das lange Feuer in sich gespeichert hätte. Das materialspezifische Reagieren des Tonklopses im Ofen ist deutlich sichtbar, die Oberflächen erzählen von seiner langsamen Entstehung im Feuer. Die Unvermeidlichkeit hat sich ihnen eingebrannt.

Im Gegensatz dazu demontiert der Künstler mit seinen raumgreifenden Stahlskulpturen die Formen. Positiv und Negativ als räumliche Qualitäten geraten in den Blick, Zwischenräume werden aktiviert, Umrisse aufgebrochen. Den Arbeiten gelingt es, Fülle und Leere als räumliche Qualitäten anschaulich erlebbar zu machen, Masse und Gewicht in Balance zu bringen. Sie formulieren die Beziehung zwischen Körper und Volumen, die Gesetze des Materials und der Proportionen.

Ab 1977 installiert Chillida in der Bucht von San Sebastián die »peines del Viento«, große krallenartige »Windkämme« aus Corten-Stahl, die den steten Wind überm Meer zu kämmen, den Himmel zu greifen scheinen. Sie sind zweifellos eine der zentralen Arbeiten Eduardo Chillidas, gehören wohl auch zu seinen bekanntesten: ausgreifende Stahlfinger, kraftstrotzende Greifarme eines Giganten und zarte Tentakel zugleich. Wind und Meeresrauschen sind in ihnen Gestalt geworden.

In der Ausstellung in Münster haben die zeichnerischen und skulpturalen Vor- und Nacharbeiten zu den großen Windkämmen einen eigenen Raum bekommen. Immer wieder umkreisen die kleinen und großen Skulpturen jene Motive und Themen, die sich fast von Beginn an als wesentlich für sein bildhauerisches Schaffen erweisen sollten. Als ein Ausgangspunkt dienen ihm dabei die Handstudien, mit denen er Raum und Zwischenraum untersucht. Unschwer ist zu erkennen, wie die Handfalten und die Bewegung der Finger zu abstrakten Richtungen werden, auch Jahrzehnte später noch.

Die Bleistift- und Tuschzeichnungen der Anfangsjahre breiten sich allmählich auf der Fläche aus, der Akt als Motiv wird von der immer wieder gezeichneten Hand abgelöst. Beschnittene Papierkanten weisen auf die späteren Collagen hin, dann verlässt das Werk den erkennbaren Gegenstand, nur um selbst zum Objekt zu werden. Auch an den Papierarbeiten lassen sich Vokabular und Grammatik Chillidas ablesen. Auch hier strahlt dieses Werk, still und konzentriert.

Fast könnte man sagen, die Lithografien und Radierungen, die Tuschzeichnungen und Collagen Chillidas sind wie ein Schnitt durch eine seiner Plastiken: klar geschnittene Formen greifen ineinander, dicht gefügte Blöcke und Leerräume, die zu schmalen, labyrinthischen Gängen und Schächten geworden sind, bilden eine Einheit. Die Prinzipien seines plastischen Arbeitens überträgt er auf Papier. In den Collagen treten schwarze Tuschbalken ins Gespräch mit den sanften Schatten der Papierkanten, manche erinnern an architektonische Grundrisse von Kapellen oder Kirchen. Doch nicht nur ausgezeichneten Orten, auch Personen wie etwa Wassily Kandinsky oder dem von ihm besonders verehrten Johann Sebastian Bach erweist er in einigen Arbeiten seine Referenz. Dem spanischen Mystiker des 16. Jahrhunderts, Juan de la Cruz, widmet Chillida mehr als 30 Werke, Zeichnungen und andere Papierarbeiten, die die Tiefe seiner Gotteserfahrung zum Ausdruck bringen.

Besonders eindrucksvoll sind in dem Zusammenhang die Gravitaciónes: mit zwei Stichen zusammengenäht, hängen die geschichteten Papier- oder Filzarbeiten vor der Wand, leicht und schwer zugleich. So wie Chillida seine Eisenblöcke geschnitten, die metallenen Balken »gefaltet« hat, so hat er umgekehrt das Papier (oder den dicken Stoff) zu einem dreidimensionalen Medium gemacht.

Die geringen Abweichungen von exakter Geometrie und die Spuren der Arbeit und des Materials lassen hier wie dort das Werk lebendig erscheinen: »… Natürlich hat meine Auffassung von Raum eine spirituelle Dimension, wie dieser ja auch eine philosophische hat. Mein ständiges Rebellieren gegen die Gesetze der Gravität hat einen religiösen Aspekt.«

Kurz vor seinem Tod hatte Eduardo Chillida sich mit seinem eigenen Museum in der baskischen Heimat einen Traum erfüllt, hatte ein altes Bauerngehöft und den dazugehörigen Garten in eine wunderbare Kunstlandschaft verwandelt. 40 seiner Großplastiken hat der Künstler in dem Museum in der Kleinstadt Hernani bei San Sebastián aufgestellt, daneben unzählige Kleinskulpturen, Zeichnungen und grafische Arbeiten in einem Studienzentrum zugänglich gemacht. Vor einem Jahr nun musste das Museo Chillida-Leku wegen finanzieller Nöte nach zehn Jahren schließen. Die Familie des Künstlers erklärte die Gespräche mit der Regierung über eine Rettung des Museums für vorerst gescheitert. Ignacio Chillida ist darüber sehr betrübt, bekräftigt aber, dass er und seine Geschwister das Museum irgendwann wieder öffnen werden.

Derweil reist eine Auswahl der Werke um die Welt. Münster ist die erste Station der Wanderausstellung, die anschließend nach Südkorea, in verschiedene Länder Südamerikas und nach Kanada gehen wird. Und vielleicht auch noch weiter.

Bis 22. April 2012 im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster. Tel.: 0251/41447-10. www.kunstmuseum-picasso-muenster.de

Kunst
03 / 2012

UM DEN WIND ZU KÄMMEN

Von: KATJA BEHRENS


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