Nic Hess: Der Stoff aus dem die Träume waren, Installationsansicht, Kunsthalle Münster, 2015/2016. Courtesy und Foto: Nic Hess.

Verklebte Träume

Nic Hess flutet die Kunsthalle Münster mit Bildern. Die Großraum-Installation des Schweizer Künstlers erzählt von alten Illusionen und neuen Tatsachen.

Text Stefanie Stadel

Fast wie eine Sucht sei das. Immer wieder ziehe es ihn hin zu jenen Bildern, die seit Monaten die Medien beherrschen: Menschen auf der Flucht. In der Kunsthalle Münster hält Nic Hess die Bilderflut für ein paar Wochen fest: im Porträt eines kleinen Jungen, der mit großen Augen durch einen Gitterzaun schaut und seine zum Peace-Zeichen geformten Hände durch die Stäbe steckt. Eine berührende Momentaufnahme, im Großformat direkt auf die Wand geklebt.

Wer nun aber eine moralisch motivierte, politisch engagierte Ausstellung zum Top-Thema unserer Tage erwartet, liegt falsch. Die Sache ist komplizierter. Denn der 1968 geborene Schweizer lässt sich nicht festnageln, gibt sich lieber assoziativ, persönlich, verspielt, manchmal witzig, selten beliebig. Auch in seiner hallenfüllenden Inszenierung für Münster geht es Hess offenbar um das Bild an sich: als allgegenwärtiges Phänomen, als mächtiges Zeichen, vielleicht auch als »Stoff, aus dem die Träume waren«. Diesen unverbindlichen Ausstellungstitel habe er nicht zuletzt gewählt, weil er ihm so viele Freiheiten lasse. Eine Art »Carte blanche« also, auf der die Hoffnungen eines Flüchtlingsjungen ebenso Platz finden wie profane, durch werbliche Verlockungen produzierte Konsum-Träume – etwa vertreten durch hochpolierte Autoteile.

Zwischen diesen beiden Polen, zwischen Not und Luxus, Genuss und schlechtem Gewissen pendelt der Parcours. Seinen Stoff breitet Hess weitschweifig aus, benutzt den Raum als Bühne. Darin ist er groß. Embleme, Landkarten, Ikonen der Kunstgeschichte, Werbe- und Pressefotos, Buchillustrationen, Ausstellungsplakate werden manipuliert, collagiert, in fremde Zusammenhänge gebracht, großzügig mit neuem Sinn befüllt. Und noch vernetzt mit viel Klebeband, des Künstlers liebstes Material. In der Kunsthalle zieht sich das Tape als grafisches Element über Wände und Böden, weist Hess als Zeichner aus und mag dem Besucher als Leitfaden dienen.

Er führt etwa zu großen, leuchtend rosa hinterfangenen Türen, die Schönes und Gutes verheißen. Oder ist es bloß Blendwerk? Ein Arzt wäscht seine Hände, womöglich in Unschuld, während unter der Decke eine Gottesanbeterin hängt, die Hess aus Bildern von Scheibenwischern zusammengesetzt hat. Schräg gegenüber lässt er in einer wandfüllenden Collage einen automobilen Fetisch mit einem überfüllten Flüchtlingsboot kontrastieren. Daneben sind die Schiebetüren des Lifts getarnt durch einen fotografischen Blick von oben in Hess’ schmutziges Spülbecken.

Zum Finale wird der Künstler ins Bett geschickt. »Schlafen Sie gut, Herr Hess«, der Spruch aus einer Werbe-Wurfsendung wird begleitet vom Bild eines gemütlichen Matratzenstapels. Ob man hier tatsächlich seine Ruhe finden kann? Das ist zu bezweifeln. Denn wer hinter die behagliche Kulisse schaut, wird gruselig überrascht von einem gehenkten Monster aus aufgerolltem Klebeband. Alles hat eben zwei Seiten. Und manch ein Traum speist sich aus nichts als schönen Bildern.

KUNSTHALLE MÜNSTER, BIS 28. FEBR. 2016, TEL.: 0251 6744675

Kunst
12 / 2015

Verklebte Träume

Von: Stefanie Stadel


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