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Mit 33 Künstlern inszeniert das Kunstmuseum Bonn einen schönen Blick über die rheinische Kunstlandschaft. Beinahe ebensoviel Raum wie die wohlbekannten Stars nimmt auf dem Parcours der künstlerische Nachwuchs ein.

TEXT: STEFANIE STADEL

Alle reden vom Niedergang, vom Exodus. Von der glänzenden Vergangenheit des Rheinlandes als internationaler Dreh- und Angelpunkt der Kunstwelt und von der eher düsteren Gegenwart im Schatten von Berlin. Bonn kontert: Allem Gejammer zum Trotz behauptet das Kunstmuseum steif und fest, dass »Der Westen leuchtet«. Für die Ausstellung unter diesem Titel wurde Axel Schultes’ schönes Haus an der Museumsmeile praktisch komplett ausgeräumt. Eingezogen sind 33 Künstler – alte bekannte und jüngere unbekannte – aus dem Rheinland, die auf 3.500 Quadratmetern unter Beweis stellen sollen, dass es so schlecht vielleicht gar nicht bestellt ist um die Strahlkraft der hiesigen Szene.

Nachdem im Erdgeschoss Beuys, Palermo, Knoebel, Polke und Richter das historische Fundament gelegt haben, breitet sich oben das aktuelle Panorama aus. Ohne Platznot: Jeder Künstler inszeniert sich im Einzelzimmer, nicht wenige mit speziell für diesen Anlass entstandenen Arbeiten.

Thomas Schütte möbliert und tapeziert seinen Saal im eigenen Design. Isa Genzken, dummerweise längst in Berlin zu Hause, stellt im Gedenken an Michael Jackson drei Meter hohe Stelen in den ihren – teils stoffverhüllt und mit Fotos, Plüschtieren oder chinesischer Keramik bestückt. Eine große Hütte aus schwarz-verkohlten Brettern beherrscht, auch olfaktorisch, den Raum von Gereon Krebber. Und Andreas Gursky füllt die eigenen vier Wände mit sechs Quadratmeter großen Exemplaren seiner brandaktuellen Ozean-Serie, die einen echten Bruch im Werk markiert. Denn zum ersten Mal kommt das Rohmaterial seiner Arbeit nicht aus der eigenen Produktion. Gursky hat Satellitenaufnahmen gekauft und anschließend am Computer montiert. Das Ergebnis zeigt Landmassen rings umher und mitten drin das blaue Meer.

Die Ausstellung setzt sich weder thematische noch mediale Grenzen. Sie erhebt keinen enzyklopädischen Anspruch und unternimmt auch nicht den abwegigen Versuch, etwaige rheinische Eigenheiten zu entlarven. Sie breitet einfach nur ihre exemplarische Auswahl vor uns aus. Das ist sicher die einfachste, aber auch die sinnvollste Lösung.

Was den historischen Background angeht, so verweist man auf den Katalog. Jürgen Harten, lange Zeit Leiter der Kunsthalle Düsseldorf, nimmt darin den Aufstieg der rheinischen Kunstszene seit der wegweisenden Kölner Sonderbundausstellung 1912 erneut wissenschaftlich in Augenschein. Jeder weiß, wie misslich die schöne Geschichte sich Richtung Gegenwart entwickelt: Ist doch spätestens seit den 90ern der Bedeutungsverlust des Rheinlands als Kunststandort nicht mehr zu übersehen. Da hilft es nur bedingt, immer wieder auf die günstige geografische Lage, die kauffreudige Sammlerschaft und die unglaublich große Zahl wichtiger Institutionen hinzuweisen, die sich hier halten.

Die Abwanderung von Galerien und Künstlern nach Berlin macht der Szene nach wie vor zu schaffen. Auch deshalb wäre es abwegig, eine Ausstellung, die den lichtvollen Westen bejubelt, allein mit daheim gebliebener Prominenz zu bestücken, deren Aufstieg sich im Rheinland der 70er und 80er Jahre abgespielt hat – zu einer Zeit also, als hier noch die Post abging.

Umso besser, dass die Schau in Bonn nicht nur auf Lockvögel setzt, sondern auch den Nachwuchs wichtig nimmt. Eine gute, wenn auch nicht ganz unproblematische Idee war es, die Verantwortung für diesen jünge-ren Part in Künstlerhände zu legen. Jeder Star durfte seinen Favoriten nennen. Wie zu erwarten, ist dabei eine nicht ganz glatt gebügelte Liste herausgekommen. Etwas stören könnte, dass manch ein Auserwählter vielleicht noch Anregungen in der Gegend erfahren hat, inzwischen aber längst weg ist aus Nordrhein-Westfalen. Allein drei der mehr oder weniger Jungen leben heute in Berlin.

Trotz solcher Schönheitsfehler gefällt das Verfahren, weil es einmal nicht nur die ohnehin überall herumgereichten Jungstars erfasst. Und auch, weil es durchaus interessant sein kann, den einzelnen Paarungen nachzugehen. Auf den ersten Blick erstaunlich wirkt es etwa, wenn das Ehepaar Blume, bekannt durch seinen anarchischen Umgang mit dem Alltag, in Martina Debus eine eher spröde arbeitende Konzeptkünstlerin für den Auftritt in Bonn aussucht. Ebenso überraschend die Wahl des Fotokünstlers Gursky – sie fiel auf Bernd Kastner, Spezialist für kleine Terracotta-Figuren. Gegensätze ziehen offenbar den wilden »bad painter« Albert Oehlen an, der Thomas Arnolds mit absolut aufgeräumten gelb-rot-blauen Setzkastenmalereien ins Kunstmuseum holt.

Interessant auch Jürgen Klaukes Auftritt. Der Performance-Künstler und Provokateur ist lange schon Professor an der Kölner Kunsthochschule für Medien. In Bonn präsentiert er unter dem Titel »Wackelkontakt« Fotoarbeiten, die mit den Motiven Kabeln und Steckdose umgehen. Dazu lädt er seinen Schüler Christian Keinstar, der wie Klauke selbst offenbar die Extreme sucht: Mit einer Installation aus großen, beheiz-baren Bauschuttbrocken trieb der 35-Jährige Aufbauteam wie Sicherheitsleute in Bonn an ihre Grenzen.

Die Mühe hat sich gelohnt. Wenn der Stecker in der Dose ist und die Heizdrähte oben auf dem Schutt zu glühen beginnen – dann sieht es wirklich so aus, als leuchtete er, der Westen.

Kunstmuseum Bonn; 10. Juli bis 24. Okt. 2010; Tel. 0228/77 62 60. www.kunstmuseum-bonn.de

Kunst
07 / 2010

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