Céline Berger: Betterment Room, 2014. © C. Berger. Courtesy Céline Berger / Kunststiftung NRW

WARTEN AUF BESSERUNG

Céline Berger macht sich zu schaffen auf dem Feld zwischen Kunst und Business. In Krefeld etwa setzte die Französin ein gutes Dutzend Managertypen ins Museum und schaute ihnen beim Nichtstun zu. K.WEST sprach mit der ehemaligen Ingenieurin und Trägerin des Nam June Paik-Förderpreises über die künstlerischen Seiten des Geschäftslebens und die Effizienz im Künstleralltag.

 

TEXT: STEFANIE STADEL

Sie sitzen da – Bernd H., Klaas P., Iris W. – und tun nichts. Bloß warten, warten, warten. Bärbel G. hat ihre Handtasche neben dem Stuhl abgestellt, Rainer T. die Beine übereinandergeschlagen, Jochen T. schaut stoisch vor sich hin. So viel Untätigkeit irritiert. Sind es doch lauter Leute, wie man sie sonst in Geschäftsetagen, an Konferenztischen oder auf Flughäfen trifft: Die Damen mit Pumps und Kostüm, die Herren im Anzug mit Krawatte, verhandelnd oder umhereilend. Handy am Ohr und Notebook auf dem Schoß. Für ihren harten Job in Haus Lange aber mussten sie sich für Stunden von ihrem liebsten Equipment trennen. Denn dort wurden sie zum Nichtstun abgestellt. Oder besser abgesetzt – auf schlichten, weißen Kunststoffschalen-Stühlen, die in jedes Wartezimmer passen würden.

Wollte man ihnen bis zu Ende beim Warten zuschauen, müsste man sechs Stunden vor dem Monitor verharren – von 11 Uhr früh, bis das Museum um 17 Uhr schließt. So lang hatte Céline Berger ihre 14 Akteure mit Überwachungskameras gefilmt. Genau am selben Ort – in einem der kleineren Räume in Mies van der Rohes Krefelder Villa – zeigt sie nun das Ergebnis des Experiments in Form einer Videoinstallation mit dem gewitzten Titel: »Betterment Room«, »Besserungsraum«. Ein Projekt, das der 41-Jährigen lange schon vorgeschwebt hatte und das sie nun – nach einigem Warten – als Trägerin des Nam June Paik-Förderpreises in Krefeld umsetzen konnte. Ein großes Glück, wie sie sagt.

BUSY IN SACHEN KUNST

Zum Gespräch trifft man sie allerding nicht dort, vor Ort, im »Besserungsraum«. Sondern in Köln, wo die zierliche Französin am liebsten lebt und arbeitet, aber in letzter Zeit selten weilte. Weil sie immer woanders war, busy in Sachen Kunst. An diesem Vormittag befindet sie sich auf der Durchreise von Rotterdam nach München. Zwar nicht in Kostüm auf dem Flughafen, sondern im schlicht schwarzen Pulli. Das Notebook hat Berger aber dabei. Ein schickes, schlankes Modell, das sie sofort hervorholt, um es auf dem Tisch im Café aufzuklappen und sich durchs eigene Werk zu klicken.

Sie blickt auf gerade mal fünf Schaffensjahre zurück. Sehr viel zu sehen gibt es also noch nicht. Aber Berger hat viel zu erzählen, und man hört der wortgewandten Künstlerin mit dem leichten Akzent gerne zu. Wohl auch wegen der interessanten Perspektive, die sie in ihrem zweiten Berufsleben eingenommen hat und die aufs Engste mit Bergers Vergangenheit zusammenhängt: Nach dem Studium der Physik und Materialwissenschaften arbeitete sie jahrelang als Ingenieurin für verschiedene Halbleiterhersteller. In dieser Welt fühlt sie sich offenbar noch immer heimisch.

»Wie oft habe ich dagesessen, in einer dieser Teambesprechungen und gestaunt über die Sprache, die Dynamik, die sich da entwickelt«, sagt sie. Schon damals dachte Berger: »So etwas müsste man einmal filmen«. Als ihr Arbeitgeber dann kurz vor der Pleite stand, ergriff sie die Gelegenheit und machte den lange gehegten Wunsch wahr: Mit Hilfe des Sozialplans ging sie mit Mitte dreißig den beruflichen Neustart an. Es folgten das Studium an der Kunsthochschule für Medien in Köln und ein Aufenthalt an der Rijksakademie in Amsterdam. Mit künstlerischen Mitteln und analytischem Ehrgeiz betrachtet Berger seither die Konzepte und Methoden aus der Welt der freien Wirtschaft. Auch der besondere Sprachgebrauch fasziniere sie.

DIE ARBEITE SCHWEIGT

Die Krefelder Arbeit hüllt sich allerdings in tiefes Schweigen. Dafür lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn Bergers Arbeit erschöpft sich durchaus nicht im originellen Einfall, geschäftige Typen zum Müßiggang zu zwingen. Viel wichtiger sind der Künstlerin Fragen nach Effizienz und nach dem Bezug zur Zeit, dem Umgang mit Zeit und der Darstellung von Zeit – einst und heute. Bergers musealer »Besserungsraum« findet dabei ein direktes Vorbild in den »Betterment Rooms«, die zwei Unternehmensberater Anfang des 20. Jahrhunderts in verschiedenen Firmen eingerichtet hatten. Sie filmten dort Männer, wie sie in einem Affenzahn Stempel auf Karteikarten drückten, oder nahmen Frauen beim Schälen und Polieren von Seifenstücken ins Visier. Um anschließend darüber nachzudenken, wie sich solche Arbeitsprozesse wohl zeitlich optimieren lassen.

Ganz anders im »Besserungsraum«, den Berger in Haus Lange installiert hat. Wichtig sei ihr gewesen, dass dort die Zeit nicht gefüllt, also auf irgendeine Weise produktiv genutzt werden konnte. Bücher, Zeitschriften, Handys waren ausgeschlossen. »Es durfte nichts passieren – auch keine Krise«, so Berger. Deshalb habe sie den Probanden Pausen zugestanden. Trotzdem sei die Situation – diese absolute Unproduktivität – für alle sehr intensiv gewesen. Ob sie sich in den sechs Stunden »gebessert« haben? Von außen betrachtet ist das kaum zu entscheiden. Zumindest aber hat das endlose Warten sie um eine Erfahrung reicher gemacht, die Bergers Arbeit auch dem Publikum in Haus Lange recht nahe bringen kann.

Weniger schweigsam gestaltet sich das neueste Projekt der Künstlerin. Es schwelgt geradezu in Worten. Seit einigen Monaten betreibt die Künstlerin dafür Studien an diversen Coaching-Schulen, wo sie Trainingsgespräche aufnimmt, sie anschließend haarklein transkribiert und zu einer Art Collage verarbeitet. Berger mischt die Passagen, macht sie zu Teilen einer neuen Erzählung, die am Ende von professionellen Schauspielern vorgetragen und verfilmt werden soll. Jede Betonung, jede Pause müsse dabei sitzen, so ihr Wunsch. Um jene Poesie erkennbar werden zu lassen, die Berger aus der Business-Sprache heraushört.

Wenn sich eine Künstlerin der Wirtschaft so eng verbunden fühlt, liegt eine Frage nahe: Wie nimmt sie selbst ihre künstlerische Arbeit wahr, was Kategorien wie Produktivität oder Effizienz angeht? Ihre jetzige Tätigkeit sei für sie keinesfalls mit einem geringeren Produktivitätsdruck verbunden als die frühere Beschäftigung als Ingenieurin, so Berger. »Nur ist der Druck viel diffuser«. Einen entscheidenden Unterschied gebe es allerdings: »Niemand erwartet meine Arbeit. Es bestehen keine formulierten Anforderungen – was eine gewaltige Freiheit bedeutet.« Sagt sie, klappt den Rechner zu, schwingt sich aufs Fahrrad und macht sich auf den Weg in ihre Kölner Bleibe. Dort will sie noch schnell ein paar Sachen zusammenpacken. Denn um 16 Uhr geht der Zug nach München.

Museum Haus Lange, Krefeld. Bis 15. Februar 2015. Tel.: 02151 / 975580. www.kunstmuseenkrefeld.de

 

Kunst, Köpfe in NRW
11 / 2014

WARTEN AUF BESSERUNG

Von: STEFANIE STADEL


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