Maik und Dirk Löbbert: Installationsansicht Kunsthalle Münster, 2014. © VG Bild-Kunst Bonn / Maik+Dirk Löbbert

Maik und Dirk Löbbert: Installationsansicht Kunsthalle Münster, 2014. © VG Bild-Kunst Bonn / Maik+Dirk Löbbert

ZU ZWEIT VOR ORT

Seit Jahrzehnten ein Paar – was ihre Kunst angeht, sind Dirk und Maik Löbbert nicht zu trennen. Sie haben miteinander Hütten gebaut und zusammen studiert. Seit Jahren haben sie gemeinsam einen Lehrstuhl in Münster inne. Dort bespielen die Brüder nun mit einer Groß-Installation die Kunsthalle – und zeigen einmal mehr, wie mühelos sich Kunst und Alltag vermischen lassen. K.WEST traf die beiden in ihrem Kölner Atelier.

 

TEXT: STEFANIE STADEL

Düsseldorf-Oberbilk 1986: Eine Unterhemd auf dem Bügelbrett, daneben das heiße Eisen mit direktem Draht zur Steckdose in der Wand. Daheim wäre das nichts Außergewöhnliches. Doch Maik und Dirk Löbbert platzierten die Haushaltswaren vom Sperrmüll mitten auf dem Bürgersteig neben einer Backsteinmauer. Dann schossen sie schnell noch ein Foto, um das inoffizielle Stillleben anschließend seinem Schicksal zu überlassen. Bald 30 Jahre sind seither vergangen. Doch vieles in der Arbeitsweise der Künstlerbrüder erinnert heute noch an dieses und weitere »anonyme« Abfall-Arrangements aus den 80ern.

Köln-Sülz 2014: Noch immer arbeiten die Löbberts, inzwischen Mitte fünfzig, gerne an der »frischen Luft«, wie sie sagen. Allerdings nicht an diesem Tag – zu schwül. Darum ziehen sie das kühlere Atelier dem hübsch verwilderten Hinterhof-Garten vor. Nachdem die steile Treppe in den ersten Stock erklommen ist, nimmt man Platz um einen der großen Tische, wo sich Bücher, Bilder, Unterlagen türmen. »Seit Wochen laden wir alles nur noch hier ab«, bemerkt Dirk. Die Professur an der Akademie in Münster und die große Ausstellung in der Kunsthalle dort hätten keine Zeit zum Aufräumen gelassen. Dirk klagt, während Maik das Durcheinander ein wenig beiseite schiebt, um Platz zu machen für die Zitronenrolle und den Espresso in kleinen Gläschen.

Überhaupt sei das ja eigentlich überhaupt kein Atelier, sondern eher ein Planungsbüro, führen die beiden aus. Denn die Werke entstünden eigentlich immer anderswo. Wie bei der aktuellen Ausstellung in Münster. Auch diesmal sind es keine vorgefertigten Arbeiten, die in die Kunsthalle getragen wurden. Wieder ist das Künstlerpaar vor Ort aktiv geworden. In engem Austausch mit der Dachkonstruktion des ehemaligen Kornspeichers am Industriehafen in Münster, wo die Kunsthalle seit zehn Jahren sitzt und dieses Jubiläum mit dem Auftritt der Löbberts begeht.

Gemeinsam haben sie die Halle erkundet, die Arbeit im Kölner Planungsbüro zusammen konzipiert. Nur in der praktischen Ausführung komme für sie Arbeitsteilung in Frage. »Dann macht jeder, was er am besten kann«, sagen die Künstler. »Damit es möglichst schnell vorwärts geht.« Als gelernter Metallbildhauer hat Dirk zum Beispiel die rund 60 schlanken, hellen Stangen gesägt, die nun in der fünften und obersten Etage der Kunsthalle Münster vom Boden weit nach oben ragen. Man bewegt sich zwischen ihnen wie in einer Art Stangenwald und verliert dabei mehr und mehr das Vertrauen in den festen Halt des Gebäudes. Denn die vermeintlichen Stützen stehen schief, reichen gar nicht ganz hinauf, scheinen nur lose ans tatsächlich stützende Gestänge unterm Dach gelehnt. Welche der Stangen gehören ursprünglich zur Halle, welche haben die Löbberts dazu erfunden? Das ist schwer zu sagen beim zunehmend wankenden Gang durch den Stangenwald.

ZU ZWEIT AUF DEM LEHRSTUHL

Für Unruhe sorgt außerdem der Lift, denn er hält nicht – wie sonst üblich – im vierten Stock, sondern landet geradewegs in der Ausstellungsetage. Dort öffnen und schließen sich seine Türen, Menschen betreten oder verlassen den Saal. Das bringt Bewegung ins Spiel. Eine Idee, die auch den Raum am Rande belebt, wo 22 Video-Projektionen an den Wänden kreisen: Hauptmotiv ist eine rotierende Drehscheibe vom Spielplatz, dazu passen Autos, die im Kreisverkehr kurven, der im Wind wippende Wäscheklammereimer, ein Mann, der sich fegend auf einem Platz umtut.

Diese und ähnliche Aufnahmen entstehen immerzu im Vorübergehen, aus der Hand, ohne Stativ. Filme wie Fotos – die Künstler vergleichen sie mit Skizzen. Für die aktuelle Arbeit haben sie sich mit ihrer Kamera in Münster selbst auf Erkundungstour begeben. In einer Stadt, wo Kunst durch die Skulptur Projekte Münster ohnehin längst einen festen Platz draußen im Alltag hat. Seit Jahren sind sie dieser Stadt verbunden, denn 2001 konnten die Löbberts als Paar einen einzigen Lehrstuhl an der Kunstakademie Münster ergattern – auch dies ein kleines Kunststück. Denn bis dahin habe es eine solche Doppelbesetzung an deutschen Kunsthochschulen nicht gegeben, wissen die beiden. Inzwischen ist Maik gar zum Rektor aufgestiegen.

DER SPERRMÜLL VON HEUTE…

Wühlen die Herren Professoren weiterhin in ausrangiertem Inventar, um die Beute anschließend künstlerisch zu recyceln? »Eher selten, aber wenn es passt schon«, sagt der eine und beginnt sofort, über die schlechte Qualität und mangelnde Aura des Sperrmülls von heute zu klagen. Während der andere das Fortschreiten ihrer Kunst fort von den anonymen Abfall-Ensembles hin zu mehr geometrischen Interventionen im öffentlichen Raum skizziert. Wollte man den Gedanken etwa ausschmücken, könnte man die Entwicklung als eine vom eher Erzählerischen zum zunehmend Formalen beschreiben.

Klar, dass beide dabei sein und mitreden müssen, wenn es um ihre Arbeit geht. Schließlich lassen sich Maik und Dirk als Künstler kaum mehr trennen. Spätestens seit sie das Bügeleisen und all den anderen Kram auf der Straße arrangierten, bilden sie eine Einheit. Doch genau genommen haben sie sich schon viel früher verbündet. Als Kinder beim Hütte Bauen, wie es damals hieß. »Heute nennt man es Kunst«, streut Dirk lächelnd ein. »Wir nannten es eben Hütte bauen.«

Als die Jungs nach der Schule die Künstlerlaufbahn einschlugen, wurde schnell klar, dass ihre Vorstellungen auf diesem Gebiet ziemlich nah beieinander lagen. Das habe zuweilen zu regelrechten Urheberrechtsproblemen und auch zu Streit geführt. Doch konnte man die Energie nutzen, sich zusammenzuraufen. Nach dem getrennten Start in Kassel und Köln fanden die beiden Ende der 80er Jahre an der Kunstakademie in Düsseldorf zusammen. Und wenn sie den Professoren ihre Werke vorstellten, dann waren es in der Regel schon damals Koproduktionen – was Lehrer wie Mitschüler oft »ein bisschen komisch« gefunden hätten.

…IST AUCH NICHT MEHR, WAS ER MAL WAR

Noch zu Studienzeiten hatten die Löbberts mit ihren Sperrmüllarbeiten die Düsseldorfer Straßen erobert. Sorgfältig wählten sie dabei ihr Material aus, packten es ins Auto und machten sich auf den Weg. Meist hätten sie gleich mehrere Ensembles bei Nacht und Nebel auf die Straße gestellt. So etwas sei schließlich verboten – und erinnert nicht nur darin an Keith

Harings Mal-Aktionen in der New Yorker U-Bahn. Inzwischen heißt so etwas Street Art und hat seinen festen Platz im offiziellen Kunstgeschehen. Seinerzeit aber konnten solche künstlerischen Übergriffe auf den urbanen Alltag durchaus noch verstören.

Überrascht blieb man stehen, schaute auf das bisschen Poesie am Straßenrand. Erkannte vielleicht die Ironie. Der eine ärgerte sich vielleicht über den Müll, andere ließen sich womöglich hineinziehen in die oft nostalgisch angehauchte Atmosphäre. Und waren dann vermutlich enttäuscht, wenn das kleine Störmanöver am nächsten oder übernächsten Tag wieder verschwunden war aus dem Stadtbild.

Heute agieren die Löbberts natürlich ganz legal – doch im selben Geist. Wenn sie etwa auf eine Straßenkreuzung in Turin mit Wasser einen großen Kreis malen, der in der italienischen Morgensonne nicht einmal eine halbe Stunde überlebt. Wenn sie direkt neben die Kölner Zoobrücke ihr »Highlight« installieren – eine Straßenlaterne, deren Mast so lang ist, dass ihr Kopf auf Augenhöhe mit den Artgenossinen auf der Brücke leuchtet.

Oder wenn sie irgendwo in Wuppertal ein mit grauen Betonschindeln verkleidetes Stück Wand abstellen – als täuschend echte Kopie der umliegenden Hauswände. Wo kommt das her, wo soll es hin? Fragt sich unwillkürlich der zufällige Betrachter und beginnt, sich umzuschauen: Hat sich vielleicht ein Stück aus der Wand gelöst, oder soll irgendwo ein neues eingesetzt werden? Wurde das Wandstück womöglich gar vergessen? Oder hat jemand es absichtlich dort abgestellt?

Ganz ähnliche Fragen dürfte sich der Düsseldorfer einst mit Blick auf die Sperrmüll-Installationen gestellt haben. Wie diese wurzeln auch die neueren Interventionen im Alltag und wirken oft beiläufig. Weiterhin sind Wandel, Bewegung, auch Vergänglichkeit wichtige Themen für die Brüder. Und noch immer wohnt ihren Arbeiten jener stille Humor inne, niemals aber scheinen sie vom Ehrgeiz getrieben, ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Tatsächlich lebt die Kunst der Löbberts nicht vom Spektakel, sondern von der »frischen Luft«, von der gleichsam »zufälligen« Begegnung.

Eigentlich ist es keine Kunst für die Institution, so möchte man meinen. Doch gibt es inzwischen zig Beispiele dafür, dass sie auch im Ausstellungsraum funktionieren kann. Wenn sie nicht als Fremdes dort hingestellt und dargeboten wird, sondern sich mit dem Raum verbündet. Wenn man – wie jetzt in Münster – verwundert zwischen schrägen Stangen steht und sich fragt: Wo hört die Konstruktion auf, und wo fängt die Kunst an?


Kunsthalle Münster, bis 28. September 2014. Tel. 0251 / 6744675. www.muenster.de/stadt/kunsthalle

 

 

Kunst
07 / 2014

ZU ZWEIT VOR ORT

Von: STEFANIE STADEL


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