Foto: Thilo Schmülgen

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Die Ebertplatz-Passage zählt zu den größten Bausünden Kölns. Doch ausgerechnet hier hat sich eines der interessantesten Kunstbiotope der Stadt entwickelt. Gleich drei Off-Räume beleben die Betonwüste – und sorgen dafür, dass der Platz nicht nur den Drogen und dem Alkohol gehört. Ob es weitergehen kann mit der Kunst, ist trotzdem unklar. Die jungen Galerien stehen zum Teil vor finanziellen Problemen.

 

TEXT: INGO JUKNAT

Schwer zu sagen, was der Mann verbrochen hat. »Ich bin Hausarzt«, steht auf dem Plakat. Auf dem Foto lächelt er freundlich. Dabei tritt ihm einer der lokalen Junkies seit zwei Minuten ins Gesicht. Die jungen Menschen auf der anderen Seite der Unterführung nehmen den bizarren Bildersturm kaum wahr. Irre sind sie hier gewohnt. Vielleicht ist es der Ort selbst, der manchen durchdrehen lässt. Wenn es einen Preis für die traurigste Kulisse in Köln gäbe, dann hätte der Ebertplatz gute Gewinnchancen. Das gilt erst recht für die Unterführung. »Mehr oder weniger unattraktiv« nennt Kölns Baudezernent Bernd Streitberger den Betonalbtraum aus den 70er Jahren. Der Architekt Albert Speer will die Passage gleich ganz zuschütten lassen. Dass diese Umgebung nicht völlig verfällt, ist eigentlich nur der Kunst zu verdanken. Manche halten den Ebertplatz sogar für den derzeit interessantesten Kunst-Ort in Köln überhaupt.

Gleich drei Off-Räume sind hier entstanden. Die Galerie »Bruch & Dallas«, die »Halle der vollständigen Wahrheit« sowie die »Boutique«. Letztere hat heute Abend zur Vernissage geladen. Der Künstler Peppi Bottrop stellt mit seiner Kollegin Melike Kara aus. Beide studieren an der Düsseldorfer Kunstakademie, bei Andreas Schulze bzw. Rosemarie Trockel. Die Arbeiten der jungen Künstler hängen in zwei seltsam geschnittenen Räumen, von denen besonders der hintere nichts für Klaustrophobiker ist. Auf der vorletzten Art Cologne stieg in diesem Bunker eine Party – wie Bar, Tanzfläche und DJ-Pult hier reingepasst haben, weiß keiner mehr so recht. Heute findet ein Großteil des Geschehens vor der Tür statt. Gut angezogene junge Menschen stehen in Trauben vor der »Boutique«. Sie sprechen über Kunst – und darüber, ob sie sich an diesem Ort noch mal wiedersehen werden. Seine Zukunft ist ungewiss.

Eigentlich war die »Boutique« nur als Provisorium gedacht. Früher wurde hier Damenmode verkauft, 31 Jahre lang. Das Geschäft gibt es immer noch, die Besitzerin zog an die Oberfläche, auf die Neusser Straße unweit vom Ebertplatz. Seitdem kümmert sich das Kölner Liegenschaftsamt um die städtischen Räume. Die Vermietung erwies sich als schwierig. Niemand wollte in der tristen U-Bahnunterführung einen Shop eröffnen. Schließlich schaltete sich das Kulturamt ein und vermittelte die brach liegenden Räume an den Künstler Maximilian Erbacher. Er brauchte sie für ein eigenes Projekt. Sieben Tage sollte das Ganze dauern. Zwei Jahre später ist Erbacher immer noch da. Aus der »Boutique« hat er eine Art Allzweckraum für junge Kunst gemacht. Der Schwerpunkt liegt auf Installationen und Arbeiten, die die Umgebung mit einbeziehen. Seitdem ist eine Menge passiert. Mal versank die Ebertplatz-Passage in Seifenblasen, mal verwandelte sich die Ausstellungsfläche der »Boutique« in ein Terrarium, mal wurde hier mit selbstgebastelten Instrumenten gejammt – unter anderem mit einem Plastikwellensittich. Ein »unelitärer« Kunst-Ort will die »Boutique« sein, so steht es auf ihrer Internetseite. Das gilt auch für die Nachbarn »Bruch & Dallas« und die »Halle der vollständigen Wahrheit«. Die Neugier von Passanten ist ausdrücklich erwünscht, an den besten Tagen verschmelzen hier Kunst und öffentlicher Raum. Wenn es nach Erbacher und seiner Partnerin Yvonne Klasen geht, soll das auch so bleiben. Aber das Geld wird langsam knapp.

CROWDFUNDING IM INTERNET

7.000 Euro braucht die »Boutique«, damit es weitergehen kann. Das Geld wird für Miete, Energie und Ausstellungsflyer benötigt. Der kleine Zuschuss der Stadt deckt die laufenden Kosten nicht mehr. Um Geld einzuspielen, haben die Betreiber eine Crowdfunding-Aktion im Internet gestartet. Knapp 1.000 Euro kamen so zusammen. Für die heutige Vernissage haben die Künstler eine spezielle Edition gespendet. Der Verkaufserlös fließt ohne Abstriche an die »Boutique«. Am Ende des Abends sind alle Editionen verkauft, ein gutes Zeichen. »Wir sind hochmotiviert«, sagt Mitbetreiberin Klasen, die in Köln noch ein anderes ungewöhnliches Projekt betreut. »Karat« besteht aus 14 Vitrinen an der Außenwand eines Parkhauses. Früher wurden sie für Werbung genutzt, heute stellt Klasen dort Freunde und/oder internationale Künstler aus. Das letzte Projekt war ein Künstleraustausch zwischen Köln und Porto. »The Ocean and the River« war auch ein Beispiel für die Kooperation am Ebertplatz. Neben den »Karat«-Kästen dienten auch die »Boutique« und die »Halle der vollständigen Wahrheit« als Ausstellungsfläche.

Das Netzwerken macht sich inzwischen bezahlt. Jüngst wurden Klasen und Erbacher zum »Multiplace Festival« in Tschechien eingeladen, um das »Boutique«-Konzept (und die dazu gehörigen Künstler) vorzustellen. In Köln selbst hat es ein bisschen länger gedauert mit der Aufmerksamkeit. Zumindest außerhalb der Kunstszene. Erst seit bekannt ist, dass das Biotop am Ebertplatz bedroht ist, mehren sich die Stimmen, die vom Kulturamt einen Ausbau der Förderung erwarten. Klasen ist verhalten optimistisch: »Wir stehen mit dem Kunst- und Kulturrat in Kontakt – eine Entscheidung ist aber noch nicht gefallen.«

Für zusätzliche Aufmerksamkeit hat eine originelle Sonderausstellung gesorgt. Zur letzten Art Cologne verwandelte die Künstlerin Stefanie Klingemann den Off-Raum am Ebertplatz in das, was er 31 Jahre lang war: ein Textilgeschäft. Das Ergebnis wirkte täuschend echt. Klingemann drapierte Modepuppen und schrieb in großen Lettern »Wiedereröffnung« auf die Schaufenster. Auch drinnen stimmten die Details: voll bestückte Kleiderstangen, Umkleidekabinen und Verkaufstresen erinnerten an früher. Die Aktion hatte laut Klasen einen interessanten Nebeneffekt: »Sie hat vielen die Augen geöffnet. Sie dachten, unser Kunstraum sei jetzt verschwunden«. Manchmal weiß man schon vorher, was man vermissen wird. Und kann noch reagieren.

»Boutique« – Raum für temporäre Kunst: www.boutique-koeln.de. »Bruch & Dallas«: www.bruchunddallas.de. »Halle der vollständigen Wahrheit«: www.halle-der-wahrheit.com

 

Kunst, Kulturpolitik
06 / 2013

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Von: INGO JUKNAT


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