Judith Kuckart. Foto: RVR/Frebel

Aufzählen, was im Leben nicht war

Judith Kuckart bekommt den diesjährigen Literaturpreis Ruhr zuerkannt.

Von Hannes Krauss

Der Literaturpreis Ruhr wird seit 1986 an Autoren verliehen, die aus dem Ruhrgebiet stammen oder deren Texte Bezug nehmen auf die Realität der Region. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Wir drucken einen Auszug aus der Laudatio.

//   Vordergründig handeln Judith Kuckarts Texte von Allerwelts-Themen: vom deutschen Alltag der letzten 50 Jahre und seiner Vorgeschichte, von Beziehungen (zwischen Frauen und Männern, Kinder und Eltern, Untergebenen und Vorgesetzten), von Untreue, von Freundschaften, von Berührungen (zärtlichen und gewaltsamen) – und vermutlich auch von Liebe. Vielleicht nicht von der wahren, aber von der wirklichen. Schon ein kurzer Blick auf die beiden letzten Romane lässt allerdings ahnen, dass diese Themen in nicht-alltäglichen Konstellationen verarbeitet werden. »Kaiserstraße« (2006) ist eine Art Chronik, die an der Figur des Leo Böwe und seiner Tochter Jule fünf Jahrzehnte Geschichte der westdeutschen Republik nachzeichnet. Leo macht Karriere (vom Waschmaschinenvertreter zum CDU-Abgeordneten im sächsischen Landtag), Jule beschließt 1967 nach einem Fernsehbericht von Benno Ohnesorgs Tod: »Papi, wenn ich groß bin, erschieße ich dich auch« – und dem Leser wird ein Deutsch-

land-Bild präsentiert, dessen Details er kennt, die sich aber in Kuckarts Inszenierung zur beunruhigenden Kulturgeschichte formieren. »Die Verdächtige« (2008) erzählt die Geschichte einer Frau, die ihren vorgeblich auf dem Rummelplatz (in einer Geisterbahn) verschwundenen Freund bei der Polizei als vermisst meldet und bald selbst unter Verdacht gerät – aber auch in eine Affäre mit dem ermittelnden Polizisten Robert, der wie George Clooney aussieht.

Solche Inhaltsskizzen machen vielleicht neugierig auf die Bücher; über ihre spezifischen Qualitäten verraten sie wenig. Judith Kuckarts Themen (misslungene Lieben und versäumte Leben, nationalsozialistische Vergangenheit und politischer Terrorismus der 70er Jahre, deutscher Alltag in der Provinz) werden zwar in gängigen Genres präsentiert: als Familienroman, Reisegeschichte, Krimi. Deren Handlungsmuster allerdings sind durch originelle Arrangements immer wieder gestört, und sie werden bedient in einer ungewöhnlichen Sprache. So ist es möglich, Geschichten zu erzählen, die eigentlich nicht funktionieren können. Beispielsweise ein »Remake« von Goethes Affäre mit  der Pfarrerstochter in Sesenheim (»Dorfschönheit«): Obwohl die Protagonistin, eine Lehrerin Ende 30, auch Friederike Brion heißt und ihr Liebhaber, der sie verlassen hat, später erfolgreicher Schriftsteller wird, hat dieser Text nie auch nur eine Spur von Peinlichkeit. Genauso wenig wie die Geschichte vom Bibliothekar, der sich in eine Amour fou mit einer halb so alten Striptease-Tänzerin verstrickt (»Der Bibliothekar«). Oder eine Kulturgeschichte der Bundesrepublik unter dem Leitmotiv des Prostituiertenmordes (»Kaiserstraße«).

Derlei unerschrockene Kompositionen werden von der Literaturkritik in der Regel anerkennend goutiert; nur gelegentlich evozieren sie Aversion und aggressive Polemik. Aber das Lob ist nicht immer frei von Irritationen: Details werden  gepriesen, das Ganze eher reserviert beurteilt. Manche Kritiker suchen Zuflucht in Bildern, teils paradoxen, teils solchen von bemühter Originalität: von »beharrlicher Ratlosigkeit« ist die Rede, von »zarter Empirie« oder einem »magischen Gefühlsmosaik«.

Judith Kuckarts Prosa passt in kein Raster. Sie nutzt (scheinbar unbefangen) triviale literarische Muster, aber sie tut dies in einer ungewöhnlichen Sprache, die schwer zu beschreiben ist. Kindheitserinnerungen klingen dann so: »Schaut Fede im Haus der Kindheit nach dem Rechten (…) zieht sie den blauen Kittel der Mutter an und hängt ihn nach zwei Stunden wieder hinter die kleine Tür zum Garten, an den türkisfarbenen Haken, der früher zu hoch für sie war. Wenn sie dort ist, hört sie manchmal, mit dem Rücken an jene kleine Tür gelehnt, das Herz in sich schlagen und zählt mit, was in ihrem Leben nicht war.« Von einer Politikkarriere heißt es: »Er baute seine Ehrenämter aus, um eine lauernde Nutzlosigkeit herum«. Und trostloser Sex wird so beschrieben: »Sie sah in sein Gesicht und dachte, so sehen Männer also aus, wenn sie onanieren.«

Diese Sprache erklärt nicht, sie evoziert soziale Realitäten, in denen man sich zurecht finden muss. Das funktioniert nicht ohne Anstrengung, zumal Judith Kuckart auch eine Meisterin des Weglassens ist. Unaufmerksamkeit beim Lesen rächt sich schnell, aber die wird durch die Struktur dieser Texte ohnehin erschwert. Kuckarts Sprache ist außerordentlich diszipliniert, mitunter fast lakonisch. Und trotzdem nimmt sie einem beim Lesen gelegentlich die Luft. Einzelne Sätze reißen Löcher in die Oberfläche (der Handlung und der Wahrnehmung) und eröffnen zugleich Spiel-Räume für (noch) nicht erzählte Geschichten. Alltagsroutinen (von Protagonisten und Lesern) werden verletzt und durch frische Perspektiven überlagert. Lesen wird hier – wie Reinhard Baumgart es formulierte – zum »wunderbaren Unglück«.

Diese Texte haben etwas Gemachtes, Künstliches, aber ihre Künstlichkeit bereitet Vergnügen: ästhetischer Genuss, der im Kopf entsteht (und vielleicht ein bisschen der Arbeit des Schreibens ähnelt). Eine Kritikerin betont: Diese Autorin »denkt viel beim Schreiben«. In der Begegnung mit Pina Bausch sieht Judith Kuckart »ihre extremste ästhetische Erfahrung im Leben«. Ihrer Prosa scheint man das anzumerken. Realität wird hier nicht imitiert, sondern inszeniert. Die Figuren sind konstruiert, die Requisiten (Autos, Eiscafés, Geisterbahnen) mit Sorgfalt gewählt. So entstehen Bilder, die Ihre Konstruiertheit nicht vertuschen und gerade deshalb auf kunstvoll-eindringliche Weise lebendig werden. So entstehen Bilder des Alltags, die im realen Alltag unter der Gewöhnung verborgen sind.

In einem 1984 entstandenen Essay über Else Lasker-Schüler deutete Judith Kuckart deren Schreiben »als Widerstand gegen die Forderungen einer äußeren Realität.« Das funktioniert offenbar auch beim Lesen Kuckartscher Texte: Sie ermuntern zu einem selbstbewussteren Blick auf den Alltag. Ihre Bücher liefern weder kohärente Bilder noch schlüssige Interpretationen der Realität, aber sie offerieren Material, das der Leser zu eigenen Bildern zusammenfügen kann. Das ist manchmal ganz schön anstrengend (in doppeltem Sinn). Aber es wird belohnt mit unerhörten Einblicken in das, was man längst hinter sich zu haben glaubte.

Warum wurde Judith Kuckart mit dem Literaturpreis Ruhr ausgezeichnet? Man kann auf die Orte Ihrer Kindheit verweisen (Schwelm und Dortmund-Hörde). Man kann Schauplätze ihrer Romanen und Erzählungen auflisten: den »kleinen Ort S.«, diverse Ruhrgebietsstädte (für Judith Kuckart ist das Ruhrgebiet nach eigenem Bekunden »eine sichere Kulisse für erfundene Geschichten«). Man kann aber noch eine andere Erklärung wagen: Judith Kuckarts Art, Alltag in unerwarteten, aber präzisen Bildern zu schildern, schafft beim Lesen ein ganz eigenes Heimatgefühl. Man fühlt sich mitunter fast wohl in dieser Prosa – bis blitzartig, im Boxsport würde man sagen: ansatzlos, neue Perspektiven aufgerissen werden. Auch unbehagliche, aber selbst die entschädigen für die Tristesse des Geschilderten mit Glücksmomenten des Verstehens. Vielleicht ist das ein intellektuelles Pendant zu ruhrgebietsspezifischer Kommunikation; nicht besonders höflich, aber immer deutlich und ehrlich.   //

Der Autor, Germanist an der Universität Duisburg-Essen, ist Mitglied der Jury des Literaturpeises Ruhr.

Literatur
12 / 2009

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