Buch des Monats: Jenseits vom Paradies

Stewart O’Nan erzählt in »Westlich des Sunset« vom Absturz des Schriftstellers F. Scott Fitzgerald.

TEXT ANDREJ KLAHN

Sie waren ein Traumpaar der Goldenen Zwanziger und ihr Leben lieferte reichlich Stoff für die bunten Seiten der amerikanischen Promi-Magazine. Das »Wunderkind und die Flapper-Braut«, er ein viel versprechender junger Schriftsteller, der durch sein Roman-Debüt »Diesseits vom Paradies« über Nacht bekannt geworden war und später »Der große Gatsby« schreiben sollte, sie eine fabelhaft aussehende, eskapistische junge Frau. Doch die guten Zeiten haben F. Scott und Zelda Fitzgerald längst hinter sich, als er 1937 in Los Angeles aus dem Zug steigt, um sich zum dritten Mal in seinem Leben als Drehbuchschreiber Hollywood anzudienen. Reporter warten nicht mehr am Bahnhof auf Fitzgerald, ein Berg von Schulden muss abgetragen werden, während die labile, suizidgefährdete Zelda in einer Nervenheilanstalt im Osten der USA untergebracht ist.

Drei Jahre bleiben F. Scott Fitzgerald noch, bis er mit gerade mal 44 Jahren an einem Herzinfarkt stirbt. »Aber ich bin noch nicht fertig«, mit diesem letzten Gedanken lässt Stewart O’Nan Fitzgerald in seinem Roman »Westlich des Sunset« abtreten. O’Nan, ein empathischer Meister in der Schilderung sich auflösender Verhältnisse, beschreibt den Niedergang, den verzweifelten Kampf gegen den Alkohol und die Selbstaufgabe. Scott Fitzgerald folgt er aus der Halbdistanz, nahe genug am Geschehen, um seiner verblasst glamourösen Figur tief in die Seele blicken zu können, distanziert genug, um das Drama ohne melodramatische Untertöne zu Ende zu bringen.

Ganz nebenbei schaut Stewart O’Nan auch immer mal wieder hinter die Kulissen der erbarmungslosen Traumfabrik Hollywood. Fitzgeralds Duzfreunde Humphrey Bogart und Ernest Hemingway paradieren durch das Untergangsszenario, die Bosse der großen Studios haben ihren Auftritt genauso wie zahlreiche Stars und Sternchen. Fitzgerald feilt an Dialogen für Vivien Leigh, Spencer Tracy oder Joan Crawford und geht daran zugrunde, sein Talent auf drittklassige Drehbücher zu verschwenden, die am Ende bis zur Unkenntlichkeit umgeschrieben oder in Produzentenschreibtisch-Schubladen entsorgt werden.

»Das war das Problem mit Hollywood: Alles verwandelt sich in einen Plot«, so lässt Stewart O’Nan Fitzgerald sein Unbehagen am Westküsten-Leben auf den Punkt bringen. Fitzgerald scheitert unter der Sonne Kaliforniens daran, sich neu zu entwerfen und das eigene Leben in den Griff zu bekommen. Er verliebt sich in die jüngere Klatschreporterin Sheilah Graham, was er Zelda gegenüber bei seinen seltenen Besuchen in der Klinik aber verschweigt. Nicht um ihrer Genesung willen, denn Aussicht auf Heilung besteht nicht. Allein um Schonung geht es noch, was den endgültigen Bruch aber unmöglich macht und Fitzgeralds schlechtes Gewissen monströs vergrößert.

Famos sind die Passagen, in denen Stewart O’Nan diese abgründige, von der Vergangenheit zusammengehaltene Beziehung ausleuchtet. Wenige Szenen braucht er, um die fein nuancierte Mischung aus Bitterkeit, Hass, Mitleid, Verbundenheit und Melancholie abzuschmecken. Um das Porträt eines Mannes zu zeichnen, der sich bis zuletzt gegen die von ihm selbst formulierte Einsicht wehrt, dass es in einem amerikanischen Leben keinen zweiten Akt gibt.

Stewart O’Nan: »Westlich des Sunset« Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016, 416 Seiten, 19,95 Euro; Lesung am 9. Juni im Literaturhaus Köln

Literatur
06 / 2016

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