Das Haustier der Zivilgesellschaft

Dieter Wellershoff im Gespräch über Religion, das Amt des Schriftstellers und das Geländer, das einen durchs Leben führt 

Interview: Andrej Klahn

//   Der Mann, der als Lektor und Schriftsteller ein beachtliches Kapitel deutscher Literaturgeschichte geschrieben hat, ist wieder in aufgeräumter Stimmung. So wie vor knapp vier Jahren, als Dieter Wellershoffs 80. Geburtstag begangen werden wollte. In der Zwischenzeit sind ein autobiografischer Essay- und ein Lyrikband erschienen. Seit August liegt der neue Roman, »Der Himmel ist kein Ort«, in den Buchhandlungen. Die Geschichte des Pfarrers Ralf Henrichsen, der nachts zu einem Unfall gerufen wird, weil ein Mann seinen Wagen ohne ersichtlichen Grund in den See gesteuert hat. Dessen Frau wird tot geborgen, der Sohn fällt ins Koma. Gerüchte kursieren: die Ehe des Fahrers sei zerrüttet  gewesen, die Frau habe sich trennen wollen, weil der Mann krankhaft eifersüchtig gewesen sei. Entgegen der sich verfestigenden Dorfmeinung hält Pfarrer Henrichsen an der Unschuldsvermutung fest, obwohl ihm der Mann unsympathisch ist. Vor diesem Hintergrund stellt Wellershoff Ralf Henrichsen auf die Probe, zeichnet die Glaubens- und Lebenskrise eines Gottesmannes nach, innere Haltlosigkeit und äußerliche Verwahrlosung. Risse in der Fassade eines Lebens, die zunächst ganz fein und leicht zu übersehen sind, bis dann das ganze Gebäude vom Einsturz bedroht ist.Dieter Wellershoffs Arbeitszimmer wirkt aufgeräumt. Am Tag nach dem Interview geht es in den Urlaub, an die Nordsee. Tee und Plätzchen serviert der Schriftsteller mit robustem Schwung.

K.WEST: Was löst die Betrachtung des Sternenhimmels in Ihnen für Gefühle aus?

WELLERSHOFF: Ein Gefühl der Unendlichkeit, für die Absurdität unserer Position unter diesem weiten Bild.

K.WEST: Bewunderung?

WELLERSHOFF: Staunen – ein Moment von Schrecken ist auch dabei.

K.WEST: Auch Ehrfurcht?

WELLERSHOFF: Nein, das würde ja bedeuten, dass es einen Grund zur Anbetung gäbe. Es ist etwas anderes. Diese mich umgebende Ungeheuerlichkeit, unter der wir leben, lässt mich den Kontrast zwischen der Kürze meines Lebens, meiner empfindlichen Befindlichkeit und diesen unendlichen Fernen spüren, die von mir nichts wissen.

K.WEST: Was bedeutet der Himmel für Sie?

WELLERSHOFF: Der Himmel ist eine Art Mantel, der uns vor der Einstrahlung des Kosmos schützt. Insofern hat es etwas sehr Sanftes und Schönes.

K.WEST: In Ihrem Roman betrachtet Ralf Henrichsen lange den klaren Sternenhimmel und sagt: »Gott ist da nicht zu entdecken.« Was hat Sie gereizt, einen Kirchenmann in eine Sinnkrise geraten zu lassen?

WELLERSHOFF: Mich hat immer interessiert, was Pfarrer denken. Je mehr ich mich mit ihnen unterhalten habe, auch mit jüngeren Pfarrern, desto mehr habe ich gemerkt, dass es eine große Dis-tanz gibt zwischen der Volksfrömmigkeit einerseits und andererseits der fortschreitenden Spiritualisierung der Theologie. Die führt ja dazu, Glauben nicht mehr in anschaulichen Begriffen zu interpretieren. Aber als Betreuer von Gläubigen und Schutz suchenden Menschen sind die Pfarrer in der seltsamen und schwierigen Lage, die Sprache der Volksfrömmigkeit sprechen zu müssen.

K.WEST: Wie haben Sie sich die Lebenswelt eines Landpfarrers erschlossen?

WELLERSHOFF: Ich bin selber protestantisch aufgewachsen, und meine Frau, eine geborene von Thadden, kommt aus einer sehr protestantischen, der bekennenden Kirche nahe stehenden Familie. Ihr Halbbruder war der Erfinder des Kirchentags. Insofern war mir das Milieu nicht fremd.

K.WEST: Pfarrer Henrichsen führt der wachsende Zweifel an seinen ohnehin nicht gefestigten religiösen Überzeugungen in eine Lebenskrise. Sie selber haben häufig betont, dass die Befreiung von kollektiven Sinnzumutungen auf Sie stimulierend gewirkt hat. Gab es Momente in Ihrem Leben, in denen Sie diese Freiheit als Last empfunden haben?

WELLERSHOFF: Niemals. Ich hatte immer das Gefühl, dass mir ein Schleier weggezogen wurde, dass ich die Dinge klarer sehe. Das markante Erlebnis war in diesem Zusammenhang der Zusammenbruch einer politischen Ideologie. Durch meine Kriegserlebnisse sind mir alle kollektiven Sinnangebote verdächtig.

K.WEST: Aber ein Schleier, zumal ein religiöser, lässt die Dinge manchmal weicher wirken, als sie sind. Das könnte doch auch etwas Trostreiches haben?

WELLERSHOFF: Durch den Schleier sieht man ein harmonisiertes Bild. Es gibt Menschen, für die solche Bilder Vorteile haben. Doch die Vorstellung, dass es eine personale Instanz gibt, die alles gemacht hat und alles regelt, zu der man beten muss, ist für mich eine Monstrosität.

K.WEST: Religiös unmusikalische Menschen diskutieren seit ein paar Jahren – angeregt nicht zuletzt durch Jürgen Habermas – darüber, ob Religion in einer postsäkularen Gesellschaft nicht doch eine moralische Funktion haben könnte. Ist das für Sie nachvollziehbar?

WELLERSHOFF: Kulturgeschichtlich sieht es ja so aus, dass das Christentum ganz wesentlich für die Weiterentwicklung und Humanisierung der Menschen gewesen ist. Doch Gott ist in die Transzendenz getreten. Dadurch ist die ganze Sphäre unseres praktischen Lebens freigegeben worden für die Bearbeitung – auch durch die Wissenschaft. Ich glaube nicht, dass man diese Entwicklung rückgängig machen kann. Das wäre der Gottesstaat, so wie er noch im Islam existiert, verschärft auch als Abwehrhaltung gegenüber der säkularisierten Welt. Bei uns ist die Kirche das Haustier der Zivilgesellschaft. Religion ist nur noch ein Konsumangebot, das man wählen kann oder nicht.

K.WEST: Am Ende des Romans steht für Henrichsen der Entschluss, pragmatisch mit dem eigenen Glauben umzugehen? Dazu rät ihm auf dem Höhepunkt seiner Krise Superintendent Pauly. Ein Mann, der hinkt.

WELLERSHOFF: Er setzt den Fuß ein bisschen nach innen.

K.WEST: Ist es Zufall, dass ein evangelischer Superintendent dem Teufel ähnelt?

WELLERSHOFF: Das ist nicht beabsichtigt. Pauly vertritt eine etwas zynische Haltung. Eine pragmatische Position, die auch als solche wahrgenommen und praktiziert wird. Es ist ja unmöglich, Texte einer uralten Vorstufe unserer Kultur wörtlich zu nehmen. Man kann sie nur als grundsätzlichen Hinweis und als Angebot verstehen. Aber natürlich nicht mehr in dem Sinn, dass Gott Sintfluten auf die Erde schickt, weil er der Meinung ist, dass die Menschen insgesamt sündig sind. Das sind sehr archaische Vorstellungen. Das Problem ist aber, dass das Christentum mit diesem archaischen Gottesglauben verschmolzen ist. Christus hat eine Verstehensmoral eingeführt, eine individuelle Vielfalt gelten lassende Moral, die die Vorstellung einer Strafe nicht kennt. Andererseits ist Christus Beisitzer beim Jüngsten Gericht. Doch da gehört er nicht hin.

K.WEST: »Das Leben ist ein Abgrund, und ein Amt ein Geländer, an dem entlang man hindurchgehen kann.« Dieser Satz findet sich in »Der Himmel ist kein Ort«. Er könnte aber in jedem Ihrer Romane stehen.

WELLERSHOFF: Man muss etwas haben, das einen an die Realität bindet und wofür man verantwortlich ist, das einen diszipliniert. Mein Amt ist es, Schriftsteller zu sein und eine Familie zu haben.

K.WEST: Ist Schreiben ein lebenslang tragfähiges Geländer?

WELLERSHOFF: Ich verdanke dem Schreiben alles, meine ganze Person. Es ist meine ganz persönliche Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Sterben.

K.WEST: Was hat Sie über die Jahre motiviert, sich jeden Morgen hinzusetzen und zu schreiben?

WELLERSHOFF: Das ist jedes Mal eine mir selbst auferlegte Existenzprobe. Bin ich da? Was sehe ich? Was denke ich? Kann ich das noch fassen? Habe ich noch einen Blick auf die Welt, der auch für andere interessant sein könnte?

K.WEST: Wobei Literatur die Möglichkeit eröffnet, durchzuspielen, was im Abgrund stattfindet, ohne selber dort hineingezogen zu werden?

WELLERSHOFF: Ohne eigene Lebenserfahrung hätte ich nicht schreiben können, was ich geschrieben habe. Man muss Berührung mit dem Leben haben, man muss Krisen durchgemacht haben, und man muss vieles gesehen haben, um schreiben zu können. Das Schreiben ist eine Vertiefung dieses Prozesses.

K.WEST: Dennoch: Gilt auch umgekehrt, dass das Schreiben vor bestimmten Erfahrungen schützt?

WELLERSHOFF: Das ist richtig. Literatur ist ein Simulationsraum, in dem wir uns auf Erfahrungen einlassen können, die man praktisch vermeiden möchte. Unser Leben, so wie wir es leben, ist von Zufällen geprägt. Wenn man die Uhr zurückdrehen würde zum Anfang unserer Geburt und sie wieder ablaufen ließe, würde jedes Mal etwas anderes herauskommen, weil uns das Weltgeschiebe immer anders prägen würde. Dieser weite Horizont des Möglichen ist der Raum, in dem sich die schriftstellerische Phantasie bewegt.

K.WEST: Es geht in Ihren Büchern ja nicht nur um Krisen, sondern immer auch ums Maßhalten. Menschen erkennen, dass das exzessiv Gefühlte und Gelebte meist keine Lösung für ihre Probleme ist. Henrichsen gliedert sich am Ende auch wieder in den Pfarrdienst ein. Ist die Normalität etwas, das es zu schützen gilt?

WELLERSHOFF: Normalität kann sehr leicht in etwas anderes umschlagen. Die Menschen richten sich in ihrem Leben ein, bauen sich eine Existenz und halten daran fest, insofern ist die Normalität vielleicht ein Schutzwall.

K.WEST: Fühlen Sie sich mit dieser positiven Hinwendung zum Normalen in einer Minderheitenposition in der deutschsprachigen Literaturszene?

WELLERSHOFF: Junge Leute schreiben sehr leicht egomanisch. Das ist mit wachsender Lebenserfahrung für mich auf Dauer kein Konzept. Man muss ein entwickelteres Bild vom Leben haben. Ich könnte nicht mehr exzessiv wie ein Mitte 20-Jähriger empfinden und denken.

K.WEST: Schreiben Sie einen neuen Roman?

WELLERSHOFF: Ich bin 83 Jahre alt, meine Augen lassen nach, und ich möchte nicht irgendetwas schreiben. Wenn, muss es ein notwendiges Buch sein.

K.WEST: Nehmen wir mal an, »Der Himmel ist kein Ort« ist Ihr letzter Roman. Dann lautet der letzte Satz dieses letzten Romans: »Der Himmel war strahlend blau.« Ist das ein guter Satz?

WELLERSHOFF: Ich finde schon. Blau, das ist eine Illusionsund Hoffnungsfarbe. Ein Hinweis darauf, dass der Mensch ein Hoffnungstier ist.   //

Dieter Wellershoff, Der Himmel ist kein Ort, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 299 Seiten, 19,95 Euro

Literatur
10 / 2009

Das Haustier der Zivilgesellschaft


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