Judith Kuckart. Foto: Laima Chenkeli

IM ENDEFFEKT HEIMWEH

Buch des Monats März: Judith Kuckarts Roman »Wünsche«

 

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

»Heute« – mehr steht nicht auf der leeren Reklametafel der Gärtnerei gegenüber. Das muss reichen. »Heute« ist Silvester und Veras 46. Geburtstag. Beides wird am Abend gefeiert werden, wie jedes Jahr in dieser kleinen Stadt. Mit alten Bekannten, mit der Vorführung eines Films, in dem Vera als Kind mitgespielt hat, und einigen Tabletts voller Mettbrötchen. Eingeübte Rituale und Gewohnheiten, eine Art Dinner for One; mit dem Unterschied, dass alle noch am Leben sind.

An diesem Abend aber werden sie vergeblich auf Vera warten. Die hat im Schwimmbad die vergessene Sporttasche mit den Ausweis-papieren einer fremden Frau gefunden und sich damit auf den Weg nach London gemacht. Sie hat plötzlich das »Gefühl, sie könnte tatsächlich das Gesicht der anderen ausprobieren wie ein Kleid und dazu deren Leben, wie eine zweite Biografie, die genauso möglich gewesen wäre wie die, die zufällig ihre eigene geworden ist«. Zurück bleiben Mann und Sohn, alte Bekannte und Freunde wie Friedrich Wünsche, der das geerbte »Haus Wünsche« wieder in ein Warenhaus im Stil der 50er Jahre verwandeln möchte und die alte Drehtür wieder einbauen lässt.

Viel Zukunft scheint es hier nicht zu geben, dafür lähmende Gegenwart und zu viel Sehnsucht nach der Vergangenheit. Es spricht vieles dafür, dass mit der »Kleinstadt am Rande des Ruhrgebiets« in Judith Kuckarts Roman »Wünsche« deren Geburtsstadt Schwelm nahe Wuppertal gemeint ist. »Alle Geschichten gehörten irgendwie zusammen« in diesem Ort, der Vera zu eng geworden ist. Sie steht im Mittelpunkt dieser Geschichten, diese scheinbar so unabhängige Lehrerin, die von ihren Berufsschülern wissen will, wie sie sich das Leben ab 30 vorstellen und »wie man es schaffen kann, das man gerne lebt, bis zum Schluss«. Die sich das folgende Schweigen lange ansieht und dann von ihrem Jugendtraum erzählt, nach dem Abitur in eine große Stadt zu gehen und auf die anschließende Frage ihrer Schüler nach Kindern souverän »Sind auch nur Gast im Leben« antwortet. Und die dann die Menschen, die sie seit Jahrzehnten kennt, an diesem Silvestertag tatsächlich zurücklässt.

Man kann diese Flucht nicht ohne Veras bisherige Alltagsangehörige erzählen, und so rückt Vera selbst im Laufe der Lektüre wie eine Erinnerung zunehmend in den Hintergrund, während die anderen Figuren an Schärfe gewinnen. Ihr Mann Karatsch, der sich mit ihrem Weggang fast abfindet und der bald erwachsene Sohn Jo, der selbst die Stadt verlässt und zur See fahren wird. Der Retro-Romantiker Friedrich Wünsche, der schon als Kind für Vera geschwärmt hat und dessen etwas exzentrische Schwester Meret, die vor langer Zeit Veras beste Freundin gewesen ist. Ein gutbürgerlicher Kleinstadt-Kosmos voller alter Bekannter, denen man ständig über den Weg läuft.

Auch das kann eine Heimat sein, die im Endeffekt Heimweh hervorruft. Die Schriftstellerin und Theaterregisseurin Judith Kuckart zeigt, wie sich ein Mensch verändern muss, wenn er sich auf die Suche nach einem vermeintlich besseren Leben unter einer falschen Identität macht. »Warum konntest Du eigentlich nicht als Vera Conrad verschwinden«, fragt Meret Wünsche irgendwann ihre frühere beste Freundin. »Ach, sagt Vera, die hätte sich nicht getraut.«

Judith Kuckart: »Wünsche«; Dumont Buchverlag, Köln 2013, 300 Seiten, 19,99 Euro   

Lesungen am 22. März 2013 im Museum Folkwang, Essen; am 8. April in der Buchhandlung Köndgen, Wuppertal; am 9. April 2013 im TalTonTheater, Wuppertal, am 10. April 2013 im Literaturhaus Köln und am 7. Mai im Kulturbüro Hagen.

 

Literatur
03 / 2013

IM ENDEFFEKT HEIMWEH

Von: VOLKER K. BELGHAUS


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