Heinz Strunk. Foto: Mathias Schindler

»KINDHEIT GLÜCKLICH, JUGEND UNGLÜCKLICH«

Heinz Strunk erzählt in seinem autobiografischen Roman »Junge rettet Freund aus Teich« von seiner Kindheit und Jugend und schlägt dabei ungewohnt ernste Töne an. Ist jetzt Schluss mit lustig?

 

INTERVIEW: VOLKER K. BELGHAUS

Hamburg-Harburg in der 1960er Jahren. Reihenhäuser, gestutzte Hecken, im Fernsehen laufen »Was bin ich?«, »Flipper« und der »Hase Cäsar«. Man trinkt Bluna und isst »Leckerschmecker«-Schokoriegel; die Nachbarskinder tragen Vornamen wie Joachim, Wiebke, Uwe und Heike. Die Welt ist noch in Ordnung, auch für den sechsjährigen Mathias Halfpape, der sich 24 Jahre später den Künstlernamen Heinz Strunk zulegen und als Musiker, Indie-Komödiant (»Studio Braun«), Schauspieler (»Immer nie am Meer«, »Fraktus«) und Autor (»Fleisch ist mein Gemüse«, »Fleckenteufel«) bekannt werden wird.

Strunks fünfter Roman »Junge rettet Freund aus Teich« ist die Geschichte seiner eigenen Kindheit und Jugend zwischen 1966 und 1974. Bei retrospektiven Coming of Age-Texten besteht natürlich immer die Gefahr akuter, verklärender Pril-blumenhaftigkeit. Und wenn jemand wie Heinz Strunk so einen Roman schreibt, dann hat er gefälligst auch komisch zu sein. Ist er aber nur begrenzt – Strunk verzichtet bewusst auf vordergründiges Witzemachen und schildert seinen Weg von der Kindheit zur Pubertät als teils schmerzhafte Entwicklung.


K.WEST: Sie schreiben aus der Perspektive des Ich-Erzählers unter Ihrem eigentlichen Namen Mathias Halfpape; auf dem Umschlag steht aber Heinz Strunk. Heinz Strunk schreibt über Mathias Halfpape. Gibt es eine Distanz zwischen den beiden Personen?

STRUNK: Das kann man so sagen, ja. Es fand ja bei mir eine Art Umbenennung statt, da war ich aber schon 30. Ich hätte ihn auch ganz anders nennen können, aber es schien mir für den letzten Teil meiner biografisch geprägten Bücher naheliegend zu sein, auf meinen eigentlichen Namen zurück-zugreifen.

K.WEST: Der Roman erzählt also realistisch die Geschichte Ihrer Kindheit?

STRUNK: Nein, das ist ja der Unterschied zwischen Literatur und Tagebuchschreiben. Letzteres hat keinen literarischen Anspruch und ist einfach nur die Abbildung dessen, was passiert ist und ist meistens begleitet von schlechtem Stil. Ich habe alle Erinnerungsfragmente, derer ich habhaft werden konnte, aufgeschrieben und die fehlenden Stellen ergänzt.

K.WEST: Ihre Kindheit riecht nach Kassler mit Salzkartoffeln und Dr. Oetker-Vanillepudding mit selbstgemachter Kirschsoße. Warum spielt das Essen im ersten Drittel des Romans, wo Sie sechs Jahre alt sind, so eine große Rolle?

STRUNK: Ich hab versucht, mich in die Gedanken eines Sechsjährigen zurückzuversetzen, und in meiner Erinnerung spielte das Essen eine erhebliche Rolle; man freute sich auf nichts so sehr wie auf das Essen. Man hatte irgendwie das Gefühl, man könnte nicht genug bekommen. Ich hatte meine gesamte Kindheit hindurch immer so ein latentes Appetit-Gefühl; ich dachte immer, ich könnte noch was essen. Von allen Sinnesfreuden war das die größte, weil es eben auch die einzige war. Man hatte ja noch kein Nikotin, und Alkohol gab’s auch noch nicht. Wir unterhielten uns als Kinder beim Spielen auch immer darüber, was es beim anderen zu Mittag gegeben hat.

K.WEST: Der Roman ist ungewöhnlich ernst. Es kommen zwar auch einige typisch strunksche, angeschrägte Figuren vor, aber die Grundstimmung ist eher melancholisch und teilweise verzweifelt. Ist jetzt Schluss mit lustig?

STRUNK: Die Grundidee des Buches ist ja eine formale, nämlich die riesigen Entwicklungssprünge, die zwischen sechs, zehn und vierzehn Jahren stattfinden, abzubilden und mit einer hohen Genauigkeit das Denken, Empfinden und Handeln nachzuvollziehen. Kinder wissen nicht, was ein Konjunktiv ist oder was Ironie bedeutet. Deswegen hat es sich geradezu verboten, im ersten Drittel irgendwas Witziges zu schreiben. Es gibt nichts Witziges! Kinder lachen gerne, sind aber nicht lustig. Kinder machen unfreiwillig Wortdreher, bei mir war das z.B. das »Gluck-Gluck-Männchen«.

K.WEST: Eine unterirdische Ölpumpe, die merkwürdige Geräusche machte, eine Kindheitsattraktion, die Sie mit ihrem Opa besuchten.

STRUNK: Ich hab’ da unbewusst was vor mich hingelabert, und das fanden die Erwachsenen lustig. Der Anteil an lusti-gen Geschichten wird zum Ende hin größer, also dass sich der Tonfall ändert und so eine gewisse lakonische, humoristische Grundierung gewinnt; am Ende wird’s lustiger. Das entspricht, glaube ich, dem jeweiligen Entwicklungsstand. Wenn man sich schon mal vorgenommen hat, das so genau wie möglich zu machen, dann muss man auch dabei bleiben und nicht am Ende denken, dass da zu wenig Witze drin sind und die dann noch reinschreiben.

K.WEST: Die anfängliche Geborgenheit weicht stetig einem Abgrund, einer Veränderung. Ihr Großvater wird dement und kommt ins Heim, Ihre Mutter erkrankt psychisch. Gerade auf den letzten Seiten ist das ziemlich harter Stoff.

STRUNK: Das Ende ist natürlich hart, das gebe ich zu. Neben der formalen Ebene geht’s ja auch darum, den Übergang zwischen Kindheit und Jugend zu schildern als eine stetige Verdüsterung, als Verzweiflung; wenn Rechnen plötzlich Mathematik heißt, man nicht mehr mitkommt und sich fühlt wie der letzte Versager. Entscheidend ist auch die Pubertät in Verbindung mit der Sexualität; womit man ja meistens als Junge überhaupt nichts anfangen kann. Das war bei mir noch dramatisiert durch die zeitgleichen biografischen Erlebnisse; die Demenz des Großvaters, die Hinfälligkeit der Großmutter und eben die Erkrankung der Mutter. Rückblickend war das: Kindheit glücklich, Jugend unglücklich.

K.WEST: Sie haben gesagt, dass dieser Roman der letzte aus der biografischen Reihe sei. Das Buch und der Film »Fleisch ist mein Gemüse« oder die Filmfigur Bernie Schwanenmeister, den Sie in »Immer nie am Meer« verkörpern, waren auch biografisch. Wie geht es in Zukunft literarisch weiter?

STRUNK: Es muss ja weitergehen – wenn es denn weitergehen soll – mit fiktionalen Inhalten.

K.WEST: Gibt es da schon Ideen?

STRUNK: Klar, die nächsten drei bis fünf Bücher hab ich schon eingetütet. Aber bei meiner Schriftstellertätigkeit ist das ja so: Ich mache so lange weiter, wie mir der Erfolg gewogen bleibt. Ich mache auch viele andere Sachen, und wenn ich merken sollte, dass ich nur noch 5.000 oder 10.000 Bücher verkaufen würde, dann würde ich den Betrieb einstellen, dann hätte ich da keine Lust zu.

 

Heinz Strunk: »Junge rettet Freund aus Teich« Rowohlt Verlag, Reinbek 2013, 288 Seiten, 19,95 Euro   

Lesungen am 7. April 2013 im Gleis 22, Münster; am 23. Mai 2013 im Fritz-Henßler-Haus, Dortmund; am 25. Mai 2013 im Gloria, Köln; am 28. Mai 2013 im Zakk, Düsseldorf

 

Literatur
04 / 2013

»KINDHEIT GLÜCKLICH, JUGEND UNGLÜCKLICH«

Von: VOLKER K. BELGHAUS


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