Der Mount Everest, Schauplatz von »Das größere Wunder«. Foto: Luca Galuzzi

Thomas Glavinic 2013. Foto © Ingo Pertramer www.pertramer.at

© Hanser Verlag

»LIEBE UND TOD, DARÜBER SOLLTE MAN SCHREIBEN«

Lit.Cologne: Der österreichische Autor Thomas Glavinic ist immer noch ein bisschen ein Geheimtipp. Obwohl sein im Herbst erschienenes »Das größere Wunder« sein mindestens zehnter Roman ist. Und wahrscheinlich sein bester. Im März kommt seine Nähkästchenplauderei »Meine Schreibmaschine und ich« heraus, im März auch kommt der 1972 in Graz geborene Autor nach Köln zur Lit.Cologne. Anlass für eine Buchbesprechung und ein Email-Interview mit Glavinic.

 

TEXT UND INTERVIEW: ULRICH DEUTER

Ein Himalaja-Drama. Der Traum einer Kindheitsanarchie. Eine Liebesgeschichte, mehrere Liebesgeschichten. Die erzählerische Erforschung völliger Lebensfreiheit. Eine Coming of Age-Story. Nicht zuletzt: die Einladung zur Leseflucht aus einer zugestellten Welt. Denn Thomas Glavinic’ jüngster ist auch ein Abenteuer- und Reiseroman, sein Held ein schwermütiger James Bond, der alles bewerkstelligen kann, was ihm einfällt, der über Kampfkünste und unbegrenzte finanzielle Mittel verfügt, aber der sich statt auf der Jagd nach dem Weltbösen auf der Suche nach dem Archimedischen Innenpunkt befindet, um an ihm sein Leben in die Angel zu heben. Jonas heißt der Protagonist von »Das größere Wunder«, ist Kind einer verwahrlosten Mutter, wächst gemeinsam mit dem geistig behinderten Zwillingsbruder Mike bei seinem ebenfalls auf den Tag gleich alten Freund Werner auf – einander in Liebe und Fürsorge verbundene Drillinge und Doppelspiegel des Jonas-Selbst. Hüter der Kinder ist Werners Großvater, ein von seiner Entourage Picco genannter millionenschwerer Pate und zugleich gütiger, großzügiger, zauberischer Patriarch, der Traum eines jeden Kindes vom Erwachsenen als Beschützer und Ermöglicher und Rächer alles Bösen. Ein Märchen, zweifellos – spätestens als Jonas und Werner einander ganz selbstverständlich in den Gedanken lesen, als Jonas ihm unbekannte Sprachen verstehen kann, als Picco den Knaben zu ihrem Zwölften ein geheimnisvolles Haus schenkt, eine »Zeitkapsel« mit verschlossenen Räumen, zu denen sich in großen Abständen auf unbekannte Weise Schlüssel einstellen.

Jonas hieß bereits der Protagonist zweier früherer Glavinic’-Romane, in »Das Leben der Wünsche« erfüllten sich dessen heimliche und unheimliche Fantasien, in »Die Arbeit der Nacht« war die Welt eines Morgens menschenentleert bis auf ihn. Jetzt ist sie übervoll, finanziell und numerisch: Picco vererbt Jonas sein Vermögen, doch Bruder und Freund sind zuvor tragisch zu Tode gekommen, schon als junger, früh gereifter Mann beginnt er ein unstetes Leben, Jetset-gleich, bindungslos: von sinnsüchtiger Melancholie. Mal zwei Jahre in einer römischen Wohnung, ohne sie zu verlassen. Mal nach Buenos Aires, nur um im nächsten Flugzeug wieder zurück nach Rom zu fliegen. Von dort nach Oslo, Amsterdam, Paris, Brüssel, Istanbul. Hier eine Privatinsel, da und dort eine Frau. Der Architektin Tic gibt er eine Million, damit sie ihm ein fünfstöckiges Baumhaus in den norwegischen Wäldern baut. In der Ukraine lässt er mithilfe eines flaschengeistmächtigen Anwalts, dem er in Tokio das Leben gerettet hat, Straßenkinder aus der Gosse holen. Oder einen ausrangierten Waggon aus Neuseeland nach Österreich und zurück.

»Ich mag Bücher, die leichtfüßig von der Schwere erzählen. (…) Ich mag Bücher, die oberflächlicher wirken, als sie sind. Ich mag Bücher, die den Leser, der es sich zu einfach macht, hereinlegen.« Bekennt Thomas Glavinic in seinem sehr persönlichen Schreibwerkstattbericht »Meine Schreibmaschine und ich«. Dass Glavinic diese Vorliebe auch bei seinen eigenen Romanen anwendet, lässt sich wieder in »Das größere Wunder« erfahren: Er führt seinen Helden an alle Abgründe alpiner, mental-emotionaler und lebensweltlicher Art – und manchmal darüber hinaus. Dies jedoch mittels einer Sprache, die in der Ebene bleibt: gemäßigt, stellenweise elegant und ohne metaphorisches Geröll. »Ein Leben ist nur dann geschützt, wenn es einer Sache gewidmet ist, die größer ist als der Mensch, der es lebt und der Sache dient.« Geht es Jonas auf 7700 Metern Höhe durch den sauerstoffmangelgemarterten Kopf. Wer alles hat, hat nichts, wenn er das Jetzt und Hier nicht kennt, das Tat Tvam Asi, das Nunc stans. Wer alles hat, hat nur den Tod nicht. Oder die Liebe. Nachdem er die Liebe seines Lebens, (auch diesmal wieder) Marie, verloren hat, befindet sich Jonas wenig unterhalb des Gipfels des Mount Everest. Hier herrscht höchste Ferne (und zugleich der Basislagerzirkus des internationalen Extremtourismus), von hier erkennt Jonas die Erdkrümmung und entfaltet sich in kapitelweisen Rücksprüngen sein früheres Leben, das sich schließlich mit dem Jetzt vereint. Dem End- und Wendepunkt. Denn wie jeder gute Abenteuerroman bietet auch dieser eine furiose, auch sprachlich auf den Graten balancierende Peripetie. Ein Wunder – das aber in jenem idealen »familiären« Damals begründet liegt –, dass Jonas Höhe und Höhenwahn und alle symbolische Aufladung überlebt. »Das größere Wunder« aber ist wohl etwas anderes … Die Liebe? – Ein kleines Wunder auf jeden Fall ist der eigenartige, anfangs zu süß wirkende, am Ende süchtig machende Geschmack dieses Romans, dessen Rezept sich um die gute Backtradition nicht schert. Und gerade darum Michelin-Sterne verdient.

 

K.WEST: Herr Glavinic, wenn man so will, kann man »Das größere Wunder« als Abschluss der Lebensgeschichte von Jonas verstehen. Wobei Abschluss hier Anfang bedeutet, denn die drei Bücher »Die Arbeit der Nacht«, »Das Leben der Wünsche« und eben »Das größere Wunder« erzählen Jonas’ Leben rückwärts: in »Die Arbeit der Nacht« stirbt er. (Stirbt er?) Aber Jonas – ist das überhaupt eine Person? Und Marie, seine große Liebe: ein und dieselbe Frau? GLAVINIC: Ja, wenn man so will. Ich will das Buch nicht so verstehen. Aber ich habe Verständnis für diese Sicht der Dinge. Wobei ich zugeben muss, dass es auch für mich schwierig ist, diese Fragen zu beantworten. Ich denke, diese drei Jonasse und Maries sind ein Jonas und eine Marie, aber gewissermaßen in Paralleluniversen. Es sind dieselben Persönlichkeiten in jeweils anderer Biografie. Doch ich glaube, ich bin als Autor für die Beantwortung dieser Frage gar nicht zuständig, darum müssten sich Literaturwissenschaftler kümmern. Ich verstehe meine Bücher ja selbst nicht, jedenfalls nicht umfassend. Und das ist auch gut so.

K.WEST: Das weckt die Hoffnung, Jonas könnte in noch weiteren »Universen«, also Romanen auftauchen (und Marie auch). Können Sie diese Hoffnung nähren?

GLAVINIC: Ich denke schon. Das heißt, ich weiß es sogar, aber ich möchte noch gar nicht viel darüber sagen.

K.WEST: Sind diese drei Bücher als Trilogie konzipiert worden? In »Meine Schreibmaschine und ich« plaudern Sie ja ein bisschen aus dem Nähkästchen. Erzählen etwa, wie Ihnen die Idee zum »Leben der Wünsche« in einem Café kam (»… wie oft ich mir schon vorgestellt hatte, meine Partnerin würde plötzlich sterben und ich wäre frei«), und da zweifelt man auf einmal daran, dass der Trilogie ein Plan zugrunde lag.

GLAVINIC: Nein, das verhielt sich ein wenig anders. Ab Mitte der Arbeit an der »Arbeit der Nacht« hatte ich die vage Ahnung, dass dieser Jonas noch in anderen Büchern auftauchen könnte. Dann passierte, was Sie auf S. 84 in der »Schreibmaschine« nachlesen können: Es tauchte ein neues Motiv auf, das der sinnlosen Handlungen, das, wie ich schnell feststellte, nicht in die »Arbeit der Nacht« gehörte, das jedoch zu Jonas gehörte. Somit wusste ich von einem zweiten Buch. Darauf war mir aber schnell klar, dass es noch ein drittes geben würde, dessen Inhalt mir jedoch noch unklar war – dieses wurde »Das Leben der Wünsche«.

K.WEST: Ich darf mal zitieren aus der »Schreibmaschine«, S. 84: »Gegen Ende des Romans ereignete sich etwas Sonderbares. Ich stellte fest, dass da auf 100 Seiten ein neues Motiv aufgetaucht war. Plötzlich tat Jonas Dinge, die keinerlei Sinn ergaben, und berauschte sich daran. Das passte nicht in dieses Buch, aber es war etwas: Ich würde es aufgreifen, ich würde hier weitermachen müssen, mit Jonas, mit diesem Motiv. Doch diese hundert Seiten löschte ich erst einmal.« Zu denen, die Sie als Ihre Lieblingsdichter bezeichnen (Denis Johnson, John Burnside, Roberto Bolaño, Emmaunuel Bove, Truman Capote, Bukowski, Chandler, Kundera …), zählt er zwar nicht. Aber mir kommt beim Lesen Ihrer Romane, zumindest aber der Jonas-Trilogie, oft Haruki Murakami in den Sinn. Warum mir der einfällt? Wegen der geraden Sprache, die wie mit Primärfarben malt. Wegen der fehlenden Scheu, die Romanfiguren an existenzielle Grenzen gehen zu lassen, sie existenzielle Zustände erleben zu lassen und dem unbekümmerten Mut, dies in Worte zu fassen. (Sätze, die einfach den Zeigefinder ausstrecken und auf den Mond zeigen.) Wegen der fast frech wirkenden Selbstverständlichkeit, paranormale, nicht-reale oder trans-reale Situationen zu erzählen. Ich kenne keine anderen zwei Schriftsteller, die das tun und so können.

GLAVINIC: Ich muss gestehen, noch zu wenig von Murakamigelesen zu haben, aber das, was ich von ihm kenne, hat mich sehr beeindruckt. Ich möchte aber auch festhalten, dass ich mich schon frage, warum so viele Autoren ihre Roman-figuren nicht an die von Ihnen erwähnten Grenzen führen. Wovon bitte soll Literatur denn sonst handeln, wenn nicht von existenzieller Dramatik? Die Liebe und der Tod, das sind die größten Motive, und darüber sollte man doch bitte eher schreiben als dreißig Seiten lang über einen Bleistift, an dem man kaut, während man auf einen regentrübverhangenen Nachmittag schaut. Solche Schriftsteller nehme ich nicht ernst.

K.WEST: Woher kommt die Sicherheit zu wissen, bis hierin kann ich bei der Erfindung nicht-realer Situationen gehen und ab wann wird es lächerlich? Mehr noch: In »Die Arbeit der Nacht« ist die Welt auf einmal menschenleer, nur der Protagonist Jonas noch da. Das ist ein heftiges »Setting«. Außerdem: Schon so einige Schriftsteller vor Ihnen haben diese verlockende Idee zur Grundvoraussetzung eines Romans genommen. Woher kam die Sicherheit, es noch einmal (und ganz anders und wieder neu) versuchen zu können?

GLAVINIC: Ehrlich gesagt, war ich damals zunächst der doch naiven Ansicht, der erste zu sein, dem das eingefallen war. Als sich dieses Missverständnis aufgeklärt hatte, musste ich trotzdem weitermachen – der Stoff hatte mich schon zu sehr gepackt. Ich konnte nur hoffen, etwas Neues entstehen zu lassen. Und was heißt Sicherheit – ich war sogar extrem unsicher! Aber was bleibt einem denn anderes übrig, als es zu versuchen?

K.WEST: Tod, Liebe, Auflösung – all die ganz großen W’s des Lebens: Sind Sie schon einmal an den Punkt gekommen, wo Sie sich eingestehen mussten: Nein, das lässt sich nicht mehr beschreiben?

GLAVINIC: Nein. Aber es gibt Dinge, über die ich aus ethischen Gründen nicht schreiben würde.

Thomas Glavinic: Das größere Wunder. Roman; Hanser Verlag, München 2013. 524 S., 22,90 Euro

Thomas Glavinic: Meine Schreibmaschine und ich; Hanser Verlag, München 2014, ca. 115 S., 14,90 Euro (erscheint 17. März)

Lesungen: 04. März 2014, bücher. transer und medien, An der Schlanken Mathilde 3, Dortmund / 13. März 2014, Unsere Buchhandlung am Paulusplatz, Paulusplatz 6, Bonn / 14. März 2014, Kulturkirche Köln, Siebachstraße 85, im Rahmen der Lit.Cologne. www.lit-cologne.de

 

Literatur
03 / 2014

»LIEBE UND TOD, DARÜBER SOLLTE MAN SCHREIBEN«


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