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DIE POP-OMA

Langsam erreichen sie alle die 50, die Popstars der 80er – nach Madonna, Prince und dem verstorbenen Michael Jackson nun auch Gabriele Susanne Kerner aus Hagen, besser bekannt als Nena. Grund genug, sich zu fragen, wie die erste Generation der MTV-Stars mit dem Altern umgeht.

 

TEXT: INGO JUKNAT

Es war noch nie leicht, im Pop alt zu werden. Wie auch, wenn das Produkt, das man verkauft, so eng mit Jugendlichkeit verknüpft ist? Alternde Popstars haben dasselbe Problem wie Profisportler – einen vorverlegten Zenith. Als Schriftsteller können Sie mit 60 einen großen Wurf schaffen; als Pop-Ikone – sehr unwahrscheinlich. Das ist eine bittere Wahrheit, die man erst mal verarbeiten muss.

Wie das geht (und wie nicht), dafür sind die MTV-Stars der 80er ein Präzedenzfall. Sie sind die erste Generation vollmedialer Berühmtheiten – anders als, sagen wir, die Beatles oder Stones. Die Video-Ikonen der 80er haben inzwischen fast alle die 50 erreicht. Mit unterschiedlichen Ergebnissen. Madonna versucht, sich immer wieder neu zu erfinden. Inwieweit das klappt, ist Ansichtssache; immerhin gewinnt sie immer noch neue Fans und kocht nicht nur das Frühwerk auf. Das erspart ihr die unwürdige Erfahrung von Nostalgietouren durch mittelgroße Provinzhallen.

Michael Jackson ist an dem Versuch, als ewiger Peter Pan durchs Leben zu gehen, bekanntlich zerbrochen. Er war leider auch ein Beweis für die These, dass die Zeit umso schneller verrinnt, je mehr man sie aufzuhalten versucht.

Nun ist auch Nena, der größte deutsche Musikstar der frühen 80er, bei der 50 ange-kommen. Mit zwei Enkeln ist sie die erste Pop- Oma. Nicht, dass sie danach aussähe. Beinahe möchte man sagen, sie habe sich »gut gehalten« – wenn die Phrase nicht implizieren würde, dass sichtbares Altern etwas Verwerf-liches, nicht Erstrebenswertes sei. Womit wir wieder beim eigentlichen Problem wären.

Natürlich kann man Nena nicht mit Madonna oder Michael Jackson vergleichen. Wohl aber mit ihren Weggefährten hierzulande. Wenn man das tut, dann fällt einem auf, dass sie eine der wenigen NDW-Stars ist, die überhaupt noch auf dem Radar erscheinen. Ein paar Bands touren noch, graue Männer mit bunten Songs wie Extrabreit, andere wie Trio sind in der Anonymität verschwunden und manche, wie Falco, leben gar nicht mehr.

Kurzum: Viel ist nicht übrig geblieben von der Neuen Deutschen Welle. Als Soundtrack ist sie nur noch auf Ü30- und Motto-Partys zu hören, oder auf Hochzeiten, wenn der DJ nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner sucht. Das zu sagen bedeutet nicht, die Leistung von Nena komplett infrage zu stellen. Von ein paar Kraftwerk-Stücken abgesehen, ist »99 Luftballons« vermutlich der einzige deutschsprachige Popsong, der von Menschen weltweit abge-rufen werden kann (selbst Familienvater Homer singt ihn in einer Folge der »Simpsons« – auf Deutsch). Abgesehen davon – wer kann schon von sich behaupten, den Sound einer ganzen Zeit mitgeprägt zu haben?

Und was die Oma betrifft: Mit vier Kindern und zwei Enkeln hat man bei Nena zumindest das Gefühl, sie habe ein Leben außerhalb der Musik. Und das ist vermutlich das wichtigste für alternde Popstars. Insofern: Herzlichen Glückwunsch!

Musik
03 / 2010

DIE POP-OMA


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