Alte Instrumente, neue Töne: Poppy Ackroyd. Foto: Kat Gollock

EIN E FÜR EIN U

Früher stand die Verbindung von Pop und Klassik für Rondò Veneziano und New-Age-Beschallung im Massagesalon. Eine neue Generation von Künstlern nimmt den Versuch, die Klassik zu erneuern, ernst. Sie experimentiert mit Instrumenten, elektroni-scher Musik und neuen Spielweisen. Wie das Ganze klingen kann, vermitteln gleich mehrere Festivals im November.

 

TEXT: INGO JUKNAT

Wenn Ólafur Arnalds darüber nachdenkt, wie klassische Konzerthäuser nach jungem Publikum fischen, muss er oft lachen. In seiner Heimat Reykjavik haben sie neulich einen DJ in die Opernlobby verpflanzt. Mit dem Rest des Abends hatte er nichts zu tun, die Aktion sollte einfach modern wirken. »Das ist ein bisschen so, als ob dir deine Eltern eine CD mit Popmusik schenken, von der sie annehmen, dass sie dir gefällt. In Wirklichkeit ist sie gar nicht dein Geschmack.« Arnalds weiß, wovon er spricht. Er pendelt seit Jahren zwischen den Welten von Klassik und Pop.

In seinen Songs versucht er, diese Welten zu verbinden. Der 26-Jährige gehört zu den erfolgreichsten Vertretern einer neuen Musikergeneration, die sich um den Unterschied von »U« und »E« wenig schert. Was nicht heißt, dass sie die »Verpoppung« der Klassik betreibt. Zumindest nicht im Sinne von Rondò Veneziano in den 80ern. Arnalds und Gleichgesinnten wie Francesco Tristano, Brandt Bauer Frick, Nils Frahm oder Hauschka geht es darum, klassische Musik zu erneuern und ihre Zielgruppe zu erweitern.

Das tun sie auf sehr unterschiedliche Weise. Manche präparieren ihre Instrumente, um ihnen neue Töne zu entlocken. Andere kreuzen Orchestersounds mit elektronischer Musik. Und dann sind da noch Ensembles wie Brandt Bauer Frick. Ihre Musik kehrt das moderne Sampling-Prinzip auf interessante Weise um. Statt Streicher oder Klaviere am Laptop zu simulieren, stellen sie digitale Klänge mit analogen Mitteln her.

Für Jennifer Dautermann sind Künstler wie Ólafur Arnalds oder Brandt Bauer Frick die Guten. Die Gründerin des C3-Festivals (»Club Contemporary Classic«) weiß, dass es in der Schnittmenge von Pop und Klassik auch anders zugehen kann. »Es gibt sehr, sehr viele peinliche Projekte«, sagte sie letztes Jahr der Berliner Zeitung. »Man versucht, die Klassik irgendwie aufzupeppen. So etwas wie: Wir haben eine Geige und schmeißen da Beats rüber.« Das C3-Festival soll einen Gegenentwurf bieten, sprich: echte Experimente statt weichgespülter »classical music meets pop«-Aufführungen.

VON SCHWEINEN UND MG’S

Diesen November findet die Veranstaltung in der Zeche Zollverein zum dritten Mal statt. Große Gefälligkeit kann man dem Festival sicher nicht vorwerfen. Viele der auftretenden Künstler fordern die Aufgeschlossenheit des Publikum heraus. Das gilt besonders für Matthew Herbert. Der englische Produzent macht um traditionelle Soundquellen von jeher einen Bogen. In den letzten 15 Jahre hat er so ziemlich alles von der Fahrradklingel bis zum McDonald’s-Burger zum Instrument gemacht. Seine letzte Platte »One Pig« dokumentierte musikalisch das Leben eines Schweins – von der Geburt bis zum letzten Station auf dem Teller. Herbert samplete so ziemlich alles vom Grunzen bis zu den Umgebungsgeräuschen im Stall. Tierschutzorganisationen waren nicht amüsiert. Der Brite schlachte das Leiden des Schweins zu Unterhaltungszwecken aus (kein Wortspiel beabsichtigt).

Beim C3-Festival präsentiert er sein bisher radikalstes – und minimalistischstes – Projekt. »The End of Silence« basiert auf einem fünfsekündigen Tonschnipsel. Die Aufnahme stammt vom Kriegsfotografen Sebastian Meyer, der einen Bombenangriff in Libyen mitgeschnitten hat. Zu hören sind Gefechtsgeräusche: Maschinengewehre, ein warnendes Pfeifen, dann die Explosion der Bombe selbst. Streng genommen, ist »The End of Silence« nichts anderes als eine 40-minütige Variation dieser Töne, eingespielt mit realen Instrumenten von einem Quartett, das Herbert auch in Essen begleitet. Wer das Ganze zu abstrakt findet, der kann Herbert anschließend im »Hotel Shanghai« in seiner eher traditionellen Rolle als DJ sehen. (Was nicht heißt, dass die Musik, die er in dem Essener Club auflegt, durchgehend auf die Tanzfläche zielt.)

Matthew Herbert ist nicht der einzige Künstler beim C3-Festival, der auf düstere Atmosphäre setzt. Das Gleiche gilt für Fernando Corono, alias Murcof. Der Mexikaner vermischt Elemente von Techno, Jazz, Filmmusik und Klassik. Manche seiner Stücke klingen maschinenhaft-bedrohlich, insofern ist die Industriekulisse der Zeche Zollverein nur allzu passend. Andere Künstler folgen dem Beispiel von Brandt Bauer Frick. Da wäre, zum Beispiel, das Wiener Duo Rotterdam, das Techno mit traditionellen Instrumenten wie Cello, Flöte und Tuba kombiniert.

CINE SOUND

Künstler wie Matthew Herbert, Murcof oder Rotterdam würden auch zum Düsseldorfer Approximation Festival passen. Acht Jahre gibt es diese Konzertreihe bereits, damit gehört sie in diesem Genre zu den Pionierveranstaltungen in NRW. Ursprünglich ging es nur um Experimente am Klavier, inzwischen ist das Festival ein Soundlabor im weitesten Sinne. Organisator Hauschka (selbst ein wichtiger Vertreter der neuen Klavierschule) tritt mittlerweile nicht mehr selbst auf. Dafür hat er Soundschrauber aus aller Herren Ländern eingeladen. Da wäre, zum Beispiel, das französisch-britische Duo Piano Interrupted mit seinem »Klavier plus Laptop«-Ansatz. Andere Künstler haben sich dem Film verschreiben. Der Australier SimonJames Philip z.B. vertont live den Klassiker »South«. Frank Hurleys Film von 1919 dokumentiert die gescheiterte Antarktis-Expedition von Ernest Shackleton während des Ersten Weltkriegs. Ein paar Tage später tritt der Isländer Valgeir Sigurdsson auf. Er schrieb schon Soundtracks für Matthew Barney (»Drawing Restraint No.9«) und Spike Jonze (»Being John Malkovich«). Beim Approximation Festival teilt er sich die Bühne mit der New Yorkerin Violinistin Nadia Sirota.

C3 und Approximation bilden den Höhepunkt einer bemerkenswerten Festivalsaison für Musiker zwischen Klassik und Pop. Es scheint, als würde sich eine ganze Reihe von Künstlern aus der Nische herausbewegen. Gleichzeitig trauen Konzertveranstalter ihrem Publikum mehr zu. Besucher des diesjährigen Haldern-Pop-Festivals erinnern sich an den Auftritt des ukrainischen Pianisten Lubomyr Melnyk in der Dorfkirche. Anfang dieses Monats spielt Avantgarde-Pianist Nils Frahm auf dem New Fall Festival in Düsseldorf – dass es dieser Künstler vor ein, zwei Jahren ins Programm geschafft hätte, ist eher unwahrscheinlich.

Und dann ist da noch das Essener Denovali Swingfest. Das »Festival für experimentelle Musik« widmete den neuen Klavierkünstlern im letzten Monat einen ganzen Abend. Mit dabei waren u.a. die Engländerin Poppy Ackroyd und der Münchner Carlos Cipa. Beide Künstler sind bei der Bochumer Plattenfirma Denovali unter Vertrag. Vorzeitigen Grund zum Jubeln sieht Labelchef Timo Alterauge – trotz der erhöhten Sichtbarkeit von »Crossover-Musikern« wie Ackroyd oder Cipa – noch nicht: »Es gibt in Deutschland weiterhin den Elfenbeinturm der ›klassischen‹ Klassikmusiker oder der ›Neuen Musik‹. Diese Künstler haben es einfacher, weil sie in Deutschland institutionell wesentlich stärker gefördert werden. Musiker, die nicht in diese Strukturen passen, müssen sich eigentlich alles selbst erarbeiten. In anderen Ländern – wie z.B. Belgien – sind die Rahmenbedingungen wesentlich besser.«

 

C3-Festival, Essen, Zeche Zollverein und Hotel Shanghai, 8. bis 10. November 2013. www.c3festival.com

Approximation Festival, Düsseldorf, Salon des Amateurs und Filmwerkstatt, 26.–30. November 2013. www.approximation-festival.de

 

Musik
11 / 2013

EIN E FÜR EIN U

Von: INGO JUKNAT


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