Foto: Felix Broede

Glückshormon Schubert

Der Komponist und Klarinettist Jörg Widmann zu Gast in der Kölner Philharmonie

//   »Er ist der beste Klarinettenspieler der Gegenwart, nicht nur weil er meine Musik spielt! Er spielt auch sonstige Musik sensationell.« Mit so einem Zeugnis kann nichts mehr schief gehen. Zumal es von einem der einflussreichsten und klanggewaltigsten Komponisten unserer Zeit, von Wolfgang Rihm, stammt. Solch ein Lob aus berufenem Munde ist für Widmann schmeichelhaft und Bestätigung alles bisher Geleisteten. Als Klarinettist ist Widmann weltweit gefragt, sei es als Solist beim Mozart-Konzert oder als Kammermusiker. Auf der anderen Seite gibt es eben den Komponisten Widmann, der aus dem Stand heraus den Sprung aus den Szene-Festivals wie Donaueschingen geschafft und sich wie kein Zweiter seiner Generation in den internationalen Konzert- und Opernhäusern etabliert hat.

Schon sein erstes abendfüllendes Musiktheater-Werk »Das Gesicht im Spiegel« wurde 2003 an der Bayerischen Staatsoper uraufgeführt (und ist ab März 2010 an der Düsseldorfer Rheinoper zu erleben). Neben all den Konzert-Porträtreihen, die ihm landauf landab, von den Salzburger Festspielen über das Luzern Festival bis – jetzt – in der Kölner Philharmonie gewidmet werden, stehen besonders zwei jüngste Auftragswerke für Widmanns ständig nach oben weisende Erfolgskurve. Im Sommer hatte er, gemeinsam mit Anselm Kiefer,  seine Musikinstallation »Am Anfang« in Mortiers Pariser Oper gestellt. Im nächsten Monat brechen die Wiener Philharmoniker unter Leitung des Widmann-Fans Christian Thielemann mit einem brandneuen Orchesterstück zu ihrer EU-Tour auf.

Wer angesichts dieser Popularität aber vermutet, mit Jörg Widmann wäre die zeitgenössische Musik richtig kreuzbrav und konsensfähig geworden, muss nur einen Blick in seine Partituren werfen. »Pferdewiehern, wilde Ansatzveränderungen« oder »Quälend langsames Flageolett« lauten da die Anweisungen, bei denen selbst ausgebufften Neue Musik-Spezialisten der Schweiß auf die Stirn tritt. Auch eingespielte Widmann-Kombattanten wie das Vogler- oder Minguet-Quartett lassen sich immer noch verblüffen, wie Widmann die Klangpalette ihrer Streichinstrumente grenzüberschreitet, um der Musik neue Brennstäbe einzuziehen. Hat man sich dann beide Extreme, den wilden Furor und die abtauchenden Geräuschpartikel, erarbeitet, bekommt das Kontur, was sich Widmann grundsätzlich erträumt: Es ist das Freie, das Ungebundene.

Doch auch er selbst ist stets wieder überrascht, zu welchen Leistungen die Klarinette vorangetrieben werden kann – dabei kann sich der Komponist Widmann auf den Klarinettisten Widmann verlassen. »Denn Lernen«, so seine Devise, »kann man nur durch das Machen, auch durch das Machen von Fehlern«.  Seit dem ers-ten offiziellen Kammermusik-Werk, einem 1990 komponierten Streichquartettsatz, sind rund

40 Stücke für die unterschiedlichsten Besetzungen entstanden, die für Widmanns Lust am Suchen und Finden stehen. Dass für ihn die Kammermusik zum Dreh- und Angelpunkt wurde, hat einen einfachen Grund. Er fühlt sich dort am meisten Zuhause.

Wenn der Klarinettist sich dem Repertoire des 18. und vor allem des 19. Jahrhunderts widmet, hat auch der Komponist etwas davon. »Der Einfluss von Mozart und Schubert auf mein Werk ist nicht zu leugnen. Obwohl wir bei diesen Namen eigentlich nur unsere Bleistifte und Federn aus der Hand legen können. Allein das Schubert-Oktett, dieses Zwittergebilde zwischen Orchestralem und Kammermusik, ist das allergrößte.« Trotz Ehrfurcht von den Meistern will es Widmann dennoch mit ihnen aufnehmen. Wenn er etwa mit einem eigenen Oktett auf Konkurrenzkurs geht: Bei seinem Kölner Residence-Aufenthalt steht es im Angebot neben demjenigen Schuberts.

Die spannungsvolle Balance aus Tradition und Moderne wurde zum Markenzeichen Widmanns; in seinen Werken gibt es oftmals direkte Rückbezüge auch zu Robert Schumann. Das scheinbar Gegensätzliche gehörte für ihn seit jeher zum künstlerischen Lebenselixier. Nach ersten Klarinettenstunden des Siebenjährigen und frühem Kompositionsunterricht als Elfjähriger studierte er zunächst die Klarinette bei Gerd Starke an der Musikhochschule seiner Heimatstadt München und danach bei Charles Neidich an der New Yorker Juilliard School. Noch während des pädagogischen Kontrastprogramms suchte er Kontakt zu Kompositionslehrern, die dem Normenkartell in der zeitgenössischen Musik ohnehin mehr als kritisch gegenüberstanden. Hans Werner Henze, Wilfried Hiller, Heiner Goebbels und vor allem Wolfgang Rihm wurden zu Förderern und Freunden. Von ihrer Klangästhetik her konnten sie unterschiedlicher gar nicht sein. Doch wie bei seinen Klarinettenlehrern hat er bei ihnen eben gelernt, »nach dem eigenen Klang zu suchen, nach der eigenen Musik«.

Diese Erfahrung gibt Widmann mittlerweile auch lehrend weiter. Nach Kursen und Vorträgen, die er seit 1993 unter anderem an der Royal Academy of Music in London und am Konservatorium in Odessa gehalten hat, ist er seit 2001 Professor in Freiburg. Vor allem überrascht ihn, wie offen seine Studenten für die Neue Musik sind. »Bis auf einen japanischen Studenten habe ich noch keinem sagen müssen, doch bitte mehr neue Musik zu machen.« Wer dennoch Berührungsängste haben sollte, dem empfiehlt er zum Beispiel ein wunderbares Stück von Luciano Berio. Mit solchen Repertoire-Tipps will Widmann niemand zu seinem Glück zwingen. Aber er kann Neugier wecken. Das gelingt ihm nicht zuletzt als Kammermusiker, der sich auf die Unterstützung Gleichgesinnter verlassen kann.

Mit namhaften Solisten wie Heinz Holliger und András Schiff bildet er All-Star-Ensembles, um Werke von Mozart, Holliger, Berio, Alban Berg und Sándor Veress  zu spielen. Die Kombination aus Alt und Neu, Bekanntem und Gewagtem ist für Widmann eine Herausforderung, an der er das Publikum teilhaben lassen möchte. Nicht, um es mit erhobenem Zeigefinger zu belehren, sondern um es einfach emotional anzusprechen. Für solche Programme »lohnt es sich zu leben«. Im besten Fall gehen die Zuhörer dann wie Jörg Widmann erschöpft, aber glücklich nach Hause.

10., 11. und 24. Oktober 2009; www.koelner-philharmonie.de

Musik
10 / 2009

Glückshormon Schubert

Von: Guido Fischer


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