Nike Wagner. Foto: Meike Böschemeyer

»ICH BAU’ MIR EINEN AUFBLASBAREN KAMMERMUSIKSAAL«

Nike Wagner ist die neue Intendantin des Beethovenfests in Bonn. Ein Gespräch mit der Nachfahrin des großen, problematischen Richard.

 

INTERVIEW: MICHAEL STRUCK-SCHLOEN

»Götterfunken« überschreibt Nike Wagner ihre erste Spielzeit als Intendantin des Beethovenfests. Wenn man bedenkt, dass Beethovens Neunte Sinfonie mit Schillers »Götterfunken«-Text das einzige Werk aus nicht-wagnerischer Feder ist, das offiziell bei den Bayreuther Festspielen erklingen darf, ist die Verbindung zwischen Wagner und Beethoven, zwischen Bayreuth und Bonn zwanglos hergestellt. Familiär reichen die Bande noch weiter: Nike Wagners verehrter Ururgroßonkel Franz Liszt, den sie als Chefin des Weimarer Kunstfests in den Mittelpunkt rückte, begründete 1845 die Tradition der Beethovenfeste. Und dass ausgerechnet in dem Nest am Rhein die erste nachhaltige Demokratie in Deutschland aufgebaut wurde, wirkt wie ein kraftvoller Kontrapunkt zum Regime des Wagnerianers Adolf Hitler, der sich gern auf dem Balkon des Bayreuther Festspielhauses zeigte. Genug Themen also für ein Gespräch mit der klügsten Denkerin aus dem Hause Wagner.

K.WEST: Frau Wagner, während Angela Merkel beim Beethovenfest selten zu sehen ist, kommt sie regelmäßig zu den Bayreuther Festspielen – was Sie ihr einmal als politische Instinktlosigkeit angekreidet haben.

NIKE WAGNER: Weil es eine sehr spezielle Art von Kultur ist, zu der sie sich da bekennt. Sie wechselt ja nicht ab und geht auch einmal zu den Festivals für Neue Musik, nach Donaueschingen etwa oder zur neuen Kammermusik nach Witten. Allenfalls ist sie in Salzburg anzutreffen. In Bayreuth aber muss man wissen, wo man sich geschichtlich befindet. Wenn unsere Regierungschefin auf den Balkon des Vorbaus geht und in die Menge grüßt, wo jeder noch die Bilder von Adolf Hitler beim Gruß ans Volk in Erinnerung hat, dann fehlt mir eine historische Sensibilität bei ihr. Diese Nähe einer Bundeskanzlerin zu einem Festival, das in der deutschen Geschichte eine ideologisch zwielichtige Rolle gespielt hat, muss nicht sein.

K.WEST: Welches Motiv könnte die Kanzlerin haben?

WAGNER: Sie kam vor Jahren nach Bayreuth, weil ihr Mann ein großer Wagnerianer ist. Und dann hat Richard Wagner wohl auch seine Magie auf sie ausgeübt – denn Bayreuth ist ja nicht gerade ein Ferienparadies.

K.WEST: Ein Besuch im Festspielhaus war von Wagner ohnehin nicht als Erholung gedacht. Man ist zusammengepfercht im glutheißen Festspielhaus, auf harten, engen Sitzen.

WAGNER: Das gehört zu Wagners Theaterrevolution. Kunst hat nicht der Unterhaltung zu dienen. Es gab bei ihm eben nicht nur den Riesenanspruch auf nationale Repräsentanz, er hat auch eine demokratische Theaterarchitektur nach antikem Vorbild gewollt. Die hat er mit Gottfried Semper in den Dresdner Barrikaden-Jahren ausgearbeitet. Allerdings könnte man, nach den Erfahrungen des Totalitarismus, im Zuschauerraum von Bayreuth auch Aspekte einer totalen Vereinnahmung erkennen. Wir sind ja nicht im Freien wie in Griechenland, sondern in einem geschlossenen Raum, sollen zu einer Masse verschmolzen werden, zu einem einzigen Körper.

K.WEST: Die Schatten des totalitären NS-Regimes lasten auf Bayreuth bis heute. Als Hans-Jürgen Syberbergs berühmtes Interview mit Ihrer Großmutter Winifred Wagner, die in den braunen Jahren die Festspiele geleitet hat, in die Kinos kam, kochte das alles wieder hoch. Wie sind Sie damit als Tochter von Wieland Wagner umgegangen?

WAGNER: Ich war entsetzt, weil ich die Arbeit meiner Eltern in der Nachkriegszeit miterlebt habe. Sie haben alles getan haben, um diesen Geist aus-zutreiben – und hopp, war er wieder da und bekam eine breite Öffentlichkeit.

K.WEST: Wurde in der Familie darüber geredet? Ihr Vater war doch auch eng mit dem Regime verbandelt.

WAGNER: Er war ein Begünstigter. Hitler sah im jungen Wieland den Erben Bayreuths und ein idealtypisches Bildnis seiner selbst, wenn man so will. Hitler war ja »Künstler« gewesen und hatte als Maler angefangen – wie mein Vater auch. Also wurde Wieland gefördert, durfte Fotografien der NS-Größen vertreiben, und bekam von Hitler einen Mercedes vor die Tür gestellt. Erst nach dem Krieg hat Wieland seine Fehlsteuerung begriffen. Darüber konnte er aber nicht laut reden, dazu war er zu nah am »Familienfreund« gewesen, er konnte sich nur indirekt äußern, im Medium seiner radikalen Bühnen-Ästhetik.

Absichtlich holte er viele Links-Intellektuelle in sein Neubayreuth und hat dann die ersten Anzeichen der Studentenrevolte sehr genau aufgenommen. Er hat die übelsten Auseinandersetzungen mit seiner Nazi-Mutter durchgestanden, hat nach dem Krieg nie wieder ihr Haus betreten und zu Anfang der sechziger Jahre gespottet: »Die glaubt immer noch an den End-sieg«. Also, er hat schon sehr scharfe Grenzen gezogen.

K.WEST: Sie haben das Haus Wagner immer wieder aufgefordert, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Was ist noch zu tun?

WAGNER. Die Aufarbeitung ist inzwischen geleistet worden. Vielleicht findet man noch das eine oder andere NS-Dokument in irgendeiner Kiste, aber das wird nichts am Gesamtbild der politischen Verstrickung der Wagners seit den zwanziger Jahren ändern. Natürlich war es eine böse Konstellation, dass Adolf Hitler Wagnerianer war und sich an seinen Abenden in Wahnfried pudelwohl fühlte bei Gesprächen mit Künstlern. Da hatte meine Großmutter sicher recht: Von Politik wurde nicht geredet. Aber zu ignorieren, dass Hitler immer Politiker war, gehört in eine fatale geistesgeschichtliche Tradition in Deutschland, die besagt: Kunst hat nichts mit Politik zu tun.

K.WEST: Sie selbst wollten sich aus diesem Dunstkreis lösen, haben Literatur studiert und in den USA über Karl Kraus und die Wiener Moderne promoviert. Aus Protest?

WAGNER: Zumindest war ich erst einmal in einer sehr gesunden Gegenwelt. Bis ich begriff, dass auch das Wien um 1900 in dicken Wagnerismus getaucht war. Arthur Schnitzler etwa hat ständig die Meistersinger-Ouvertüre mit seiner Mutter gespielt, vierhändig.

K.WEST: Sie waren bisher nie Intendantin eines regulären Opernbetriebs, sondern von Festspielen: in Weimar, jetzt in Bonn, und um Bayreuth haben Sie sich damals auch beworben. Was fasziniert Sie am Festspielgedanken?

WAGNER: Vielleicht hab ich ja bei Wagner was gelernt! Er hat den Festspielgedanken exemplarisch ausgearbeitet. Das fängt bei der Topografie an – ein einsames Haus auf einsamem Hügel – und setzt sich in der Gesamtdramaturgie fort: Die Vorstellung fängt schon um vier Uhr an, gerade hat man noch Zeit, sich darauf vorzubereiten. Das Außerordentliche gehörte zum Konzept – das Heraustreten aus dem Alltag und das gemeinsame Erlebnis, das zu einer Art Gemeinde verschweißt. All das gilt auch heute noch für Festivals – warum würden wir sonst hingehen? Wir wollen raus aus der Alltags-Routine, wir wollen die besondere Qualität, wir wollen etwas anderes erleben, aber auch uns selbst als andere erleben, wenn wir Werken ausgesetzt sind, die wir sonst nicht hören. Auf Festivals kann man auch gescheite Zusammenstellungen von Stücken erleben, hinter denen eine Dramaturgie steckt. Oder Uraufführungen.

K.WEST: Diese Art von Konzept-Festival haben Sie schon beim Kunstfest Weimar verwirklicht.

WAGNER: Die Bezeichnung Kunstfest erlaubte die Einbeziehung aller Künste – der Bildenden Künste, der Literatur, der Neuen Medien, auch Tanz und Theater. Ich habe dieses Kunstfest dennoch auf Musik fokussiert, weil ich Franz Liszt herausstellen wollte, der dem Weimar seiner Zeit einen progressiven Schub verpasst hat.

K.WEST: Während das Beethovenfest in diesem Jahr noch von Ihrer Vorgängerin Ilona Schmiel konzipiert wurde, zeigen Sie im nächsten Jahr erstmal Ihre eigene Handschrift. Lassen sich die gelungenen Momente von Weimar nach Bonn übertragen?

WAGNER: Nur bedingt. Alles ist sehr anders hier. Das Festival hat einen genauen Namen: »Beethovenfest«. Das Publikum erwartet also Interpretationskultur mit großen Namen und viel Beethoven, und das soll man ihm auch geben. Dadurch unterscheidet sich Bonn letztlich vom quirligen Köln oder der vielgestaltigen Ruhrtriennale. Dennoch wird es hier kein Beethoven-Museum geben, sondern Beethoven in Bezug zu unserer Gegenwart gesetzt werden, auch zu unseren gesellschaftlichen und politischen Aktualitäten.

K.WEST: Durch Uraufführungen?

WAGNER: Ja natürlich, es wird Kompositionsaufträge geben. Ich plane zum Beispiel eine Reihe, für die ich große europäische Komponisten bitte, sich ihren Lieblings-Beethoven herauszusuchen und dann ein Werk dazu zu komponieren. Mich interessiert es sehr, welches Verhältnis Komponisten heute zu Beethoven haben. Nirgendwo wird man mehr von direktem Einfluss sprechen können, aber ein Staunen über Beethovens Kreativität ist doch immer wieder angebracht! Für mich ist er der Revolutionär, der Menschenrechtler und Avantgardist – an diesen Geist kann ich dann auch anknüpfen mit anderen, interdisziplinär ausgerichteten Projekten.

K.WEST: Ihre Vorgängerin hat die Zahl der Spielorte erweitert – werden Sie das fortführen?

WAGNER: Sicher nicht. Ich werde das Festival sogar reduzieren müssen, es ist einfach zu groß geworden. Das verträgt die Region nicht. Wir spielen 2014 bereits eine Woche weniger, um die inhaltlichen Spannungsbögen halten zu können.

K.WEST: Ihre Vorgängerin hat sich entschieden für die neue Beethoven- Festspielhalle eingesetzt, welche die alte Beethovenhalle als zentralen Spielort ersetzen soll. Werden Sie auch dafür kämpfen?

WAGNER: Das Beethovenfest braucht ein neues Festspielhaus, das ist ganz klar. Ich war erschrocken über die Düsternis der alten Beethovenhalle – wie soll da Stimmung aufkommen fürs Publikum wie für die Interpreten? Es gibt schon Orchester, die sich weigern, hier zu spielen. Jetzt nehmen die Bonner einen neuen Anlauf – möge er gelingen, möge das neue Haus halbwegs durchfinanzierbar sein.

K.WEST: Was würden Sie von einem idealen Spielort für ein modernes Festival verlangen?

WAGNER: Heute denkt man selbstverständlich an multiple Architekturen, nicht an die alten Schuhschachteln. Hier wird es nach der jetzigen Planung des neuen Festspielhauses ein Problem geben. Es soll nämlich nur einen festen großen Saal haben, neben einem viel kleineren Foyer. Einen großen Saal mit 1.500 Plätzen hat aber schon die alte Beethovenhalle daneben, man muss also zwei gleich große Säle bespielen. Statt zu beachten: Was dringend fehlt in Bonn, ist ein Kammer-musiksaal mittlerer Größe. Beethoven hat schließlich zu 80 Prozent Klavier- und Kammermusik geschrieben.

Also muss ich mir einen eigenen Kammermusiksaal bauen! Es gibt schließlich Architekten, die auf temporäre Architekturen spezialisiert sind. In Paris lebt so einer, der seit Jahrzehnten die wunderbarsten – aufblasbaren – Säle für Theater oder Ausstellungen macht. Hans Walter Müller heißt er, in Worms geboren. Den habe ich in Bonn über die Wiesen geführt und gefragt: Können Sie mir einen aufblasbaren Saal für 600 Personen entwerfen, der sich wie Ufo auf Bonn herabsenken würde? Nach dem Beethovenfest packt man ihn in Container und holt ihn im nächsten Jahr wieder heraus. Das ist in Planung, ich hoffe, es gelingt!  

 

Beethovenfest Bonn: 6. September bis 3. Oktober 2014; www.beethovenfest.de

 

Musik
09 / 2014

»ICH BAU’ MIR EINEN AUFBLASBAREN KAMMERMUSIKSAAL«

Von: MICHAEL STRUCK-SCHLOEN


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