Das Kraftwerk. (Foto: H. Müllejans)

Kraftwerk Musik

Lars Vogts Festival »Spannungen« in Heimbach

Von Gemünd kommend, erreicht man zunächst das Plateau um die Abtei Mariawald. Dann geht’s nur noch bergab, bis man im Ortskern von Heimbach landet, am Fuß einer Burg. Einmal im Jahr wird der idyllische Eifel-Ort zum Wallfahrtsziel für Musikliebhaber. Dieses Ziel liegt allerdings am Orts-ende, an einem Staubecken. Hier ist die Welt zu Ende und das Paradies nah. Auf der anderen Uferseite ragt ein Tempel weiß empor, ein Wasserkraftwerk, 1905 in Betrieb genommen und noch aktiv. Industrie im Jugendstil-Dekor. Die Schalter und Messanzeiger oberhalb der Holztreppe glänzen in Messing vor einer Marmorwand, unten thronen mächtige schwarzpolierte Turbinen. 

Alle Jahre wieder im Juni stehen sämtliche Turbinen für eine Woche still. Dann zieht die Musik ein: »Spannungen« heißt treffend das Festival, das der Pianist Lars Vogt, der im unweit gelegenen Düren geboren wurde, 1998 initiiert hat. Von Anfang an zählten die Geiger Christian Tetzlaff und Antje Weithaas, die Klarinettistin Sharon Kam und andere Stars zur Stammcrew. »Wir können nicht viel zahlen, alle kommen aus Idealismus und Spaß an der Freude, an der Kammermusik und am Zusammensein«, so Vogt. Geprobt wird oft öffentlich, gefeiert wird im Anschluss an die Konzerte in der Klostermühle bis weit in die Nacht, auch mit Publikum. Da stört kein Gedanke, dass am nächsten Morgen wieder Proben und neue Konzerte anstehen.

Der Reiz, das Unverwechselbare an Heimbach ist die Atmosphäre. Die Musiker sind keine fern stehenden Heroen, die isoliert auf der Bühne ihr Programm abspulen und wieder abreisen. Hier sind sie unmittelbar. Authentisch. Wenn die Sonne brennt, schwitzen alle gemeinsam im Kraftwerk, wenn sich krachend ein Gewitter entlädt, stört das allenfalls die Aufnahmetechniker, die viele Konzerte mitschneiden, um sie nachträglich auf CD zugänglich zu machen. Beim Hören wird jedem klar, weshalb der Titel »Spannungen« sein musste. Wegen der kontrastlustigen Programme und der Hingabe an die Musik. Die Lust am Wagnis dominiert. In Heimbach wählt man gern die Extreme, sucht nach dem musikalischen Alles-oder-Nichts. Lauwarm gilt nicht. Weil die Musiker wissen, dass das Publikum ihnen vertraut, rufen sie das Maximum ihres Könnens ab. Ein wichtiger Punkt für ihn sei, »dass die Kollegen auch zuhören, während man spielt«, gesteht Vogt: »Alle sind von internationalem Rang und unterstützen sich gegenseitig. Es gibt Festivals, wo man sich eher kritisch beäugt, dann fühlt man sich unwohl; in Heimbach weiß man: Alle drücken einem die Daumen!«

In diesem Jahr gibt es einen zweitägigen Vorspann, ausschließlich mit Werken von Beethoven, darunter Eroica und die Kreutzer-Sonate. Am Tag darauf folgen Werke von Webern, Penderecki, Grime und Schumann, eine Zusammenstellung, die man sonst nirgendwo findet. Vertrautes wie das Klavierquintett von Schumann oder Mozarts Oboenquartett steht neben Unbekanntem, darunter ein Quintett von Josef Suk, ein Bläserstück von Carl Nielsen oder Lieder von Korngold. Positiv gespannt.
(Christoph Vratz)

20. bis 26. Juni 2016, Heimbach. 

Musik
06 / 2016

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