Hauschka. Foto: Estelle Klawitter

Foto: Mareike Foecking

KRONKORKEN IM KLAVIER

Der Musikkritiker der New York Times nennt seine Musik »einfallsreich und bezaubernd«, mit seinem präparierten Klavier ging es für den Düsseldorfer Hauschka um die ganze Welt. Nun erscheint das neue Album »Foreign Landscapes«. Und es klingt ganz anders.

 

TEXT: INGO JUKNAT

Erstes Konzert: Mondbasis Alpha. So steht es leider nicht auf dem Tourplan von Hauschka. Dabei hat die Raketenstation Hombroich an diesem verregneten Abend mehr von einer Science-Fiction-Kulisse denn je. Die Silos aus Nato-Zeiten sind nur als Schatten erkennbar, mittendrin steht als einzige Lichtquelle der futuristische Museums-Tempel von Tadao Ando. Kein schlechter Ort, um eine Platte vorzustellen, die »Foreign Landscapes« heißt.

Die Stücke auf dem neuen Album tragen Namen wie »Union Square«, »Konseiji« oder »Madeira«. Hauschka, der eigentlich Volker Bertelmann heißt und Düsseldorfer ist, hat diese Orte während seiner letzten Tour besucht. Das Album »Ferndorf« hat ihm die Reisen ermöglicht. Die Platte wurde hervorragend besprochen, es folgten Einladungen nach Japan und zum renommierten South by Southwest-Festival in Texas. Ende dieses Monats darf der 43-jährige Hauschka sogar live bei KCRW spielen, einem der angesehensten Musiksender der USA.

»Ferndorf« ist ein Klavieralbum, aber keines im klassischen Sinne. Hauschka hat sein Instrument präpariert. Das klingt abstrakter, als es ist. Bertelmann behilft sich mit Alltagsgegenständen, klemmt Butterbrotpapier zwischen die Saiten, legt Radiergummis und Kronkorken darauf. Manchmal kippt er sogar eine Tüte voller Tischtennisbälle ins Klavier. Die Eingriffe stoßen nicht immer auf Gegenliebe. Das Konzert beim South by Southwest-Festival wäre an Bertelmanns Experimentierfreudigkeit beinahe gescheitert. Der Auftritt sollte in einer Kirche stattfinden, der Kantor hatte Angst, Hauschka würde den Flügel beschädigen. Erst nach zähen Verhandlungen wurde er durchgewunken. Ganz überzeugt war der Kirchenmann trotzdem nicht: »Sie dürfen das Piano präparieren, aber nur, weil der Besitzer nicht hier ist.«

Wer das manipulierte Klavier für Avantgarde-Schnickschnack hält, irrt. Die Soundeffekte sind wohldurchdacht. Das Pergamentpapier erzeugt ein Knistern wie bei einem alten Film, die abgeklemmten Saiten lassen das Klavier bisweilen wie ein Schlagzeug klingen. Zugegeben, die Showeinlage ist auch nicht schlecht, das kann man an dem Abend in Neuss beobachten. Als Bertelmann die Tischtennisbälle ins Piano kippt, entsteht ein Rumoren. Einige Gäste schmunzeln, einige zücken Kameras, andere stehen auf und versuchen, einen Blick ins Instrument zu werfen. Die Bälle erzeugen ein Background-Geklicke, das überhaupt nicht aufgesetzt wirkt.

Und doch merkt man Volker Bertelmann an, dass er nicht als Effekthascher gelten will. Auf »Foreign Landscapes« setzt er das präparierte Piano nur sehr sparsam ein. Mit seinem Vorgänger hat das neue Album ohnehin nicht viel zu tun. Eigentlich ist es kein Pop mehr, eher Kammermusik. Wir hören Streicher, Posaunen, Klarinetten und ein Klavier, das eher nach Percussion klingt. Die Abkehr vom »Ferndorf«-Sound ist ein bisschen schade, aber es ehrt den Künstler, dass er kein one-trick pony sein will. »Ich würde ungern nur aufs präparierte Klavier fixiert werden. Sobald man sich an etwas festhält, sollte man es loslassen.« Dem Motto will er auch in Zukunft treu bleiben. Der Nachfolger zu »Foreign Landscapes« soll wieder ganz anders klingen – geplant ist ein reines Percussion-Album.

Der Wille zur musikalischen Veränderung zieht sich durch Bertelmanns gesamte Biografie. Von Jazz abgesehen, hat er so ziemlich jede Musikrichtung schon gestreift. Seine ersten Kompositionen konnte man in der TV-Ermittlerserie »Ein Fall für zwei« hören, das ist inzwischen ein Vierteljahrhundert her. In den 90er Jahren spielte Bertelmann in einer Indie-Band mit dem Namen God’s Favorite Dog. Unter den Pseudonymen Music. A.M. und Tonetraeger kamen später elektronische Alben und Clubsounds hinzu. Spuren dieser digitalen Zeit kann man noch heute erkennen. An manchen Stellen klingt Hauschkas präpariertes Klavier wie ein vorprogrammierter Loop (in interessanter Umkehrung des Prinzips, wonach elektronische Instrumente echte imitieren).

Für seine Musik hat Bertelmann viel Zuspruch erhalten – der ganz große Durchbruch ließ dennoch auf sich warten. Eine Weile sah es aus, als würde er ständig auf einem Sprungbrett wippen, ohne die feste Basis je zu verlassen. Mit Anfang 40 hat es doch noch geklappt. Mit seinem langen Karriere-Anlauf ist Hauschka in mancher Hinsicht ein Anachronismus – ein Gegenentwurf zum Knall-auf-Fall-Prinzip der Castingshows und zu den fix hochgezogenen Fertigbauten der Plattenfirmen.

Hat er in all den Jahren je darüber nachgedacht, mit der Musik aufzuhören? »Ja, oft. Auch heute noch. Es gibt Tage, da würde ich mir eine Tätigkeit wünschen, bei der es nicht so wichtig ist, was andere Menschen darüber denken. Dieses Nach-draußen-Treten kann sehr anstrengend sein. Da wäre es mir manchmal lieber, ich hätte einen Beruf wie Gärtner – einen Job, bei dem man abends nach Hause geht, die Arbeit ist getan, und man kriegt Geld dafür.« Konzerte, erzählt er, seien ihm lieber als »die Maschine«, die bei Produktion und Vermarktung der Musik in Gang komme. »Man gibt etwas für anderthalb Stunden und bekommt etwas zurück. Das ist sehr befriedigend.«

Man nimmt es ihm ab. Gelöst schaut er auf das Streicherquintett, das an dem Abend auf Hombroich seine Stücke intoniert. Auch sonst gibt es Grund zur Freude: Der Saal ist fast ausverkauft, das Publikum bunt wie selten bei Konzerten. Ältere Herren mit Tüchern am Revers sitzen neben jungen Paaren in Kapuzenjacken, selbst die Ordner der Langen Foundation – eigentlich im Dienst – spähen neugierig um die Ecke. Die musikalische Schnittmenge aus Kammermusik und Pop spiegelt sich bei den Zuhörern. Fünf Gastmusiker hat Hauschka mitgebracht. Eigentlich ist der Sound von »Foreign Landscapes« für ein zwölfköpfiges Orchester ausgelegt. Bertelmann entschuldigt sich für die reduzierte Besetzung, dabei klingt die Musik nicht, als fehle ihr etwas. Die Stücke schwanken zwischen ruhig und dramatisch, mal muss man an Steve Reich denken, noch häufiger an einen Soundtrack. Die Idee ist Bertelmann selbst auch schon gekommen. Im Moment verhandelt er mit einem US-Studio über die Musik zu einem Hollywood-Film. Details darf er noch nicht verraten, ein paar Trips nach L.A. hat er aber schon hinter sich.

Es ist lange her, dass Hauschka zuhause gespielt hat. Die meisten Gäste in der Raketenstation kennen seine Musik, manche sind mit ihm befreundet, und haben ihn trotzdem noch nie live gesehen. Schon komisch – in den USA werden seine Konzerte von der New York Times besprochen, in Japan muss er Autogramme geben, in seiner Heimatstadt Düsseldorf ist er dagegen – im ursprünglichen Sinne – inkognito. Das heißt, noch. So langsam machen sich die guten Kritiken hierzulande bemerkbar. Dass sein Erfolg über Bande gekommen ist, stört Hauschka nicht: »Manchmal ist es gut, den Weg übers Ausland zu suchen, das schafft neue Perspektiven.« Er meint nicht nur Konzerte, sondern auch die Plattenfirma.

Wie die rheinischen Kollegen von Mouse on Mars hat Hauschka bei einem englischen Label unterschrieben, seine Musik erscheint bei Fat Cat in Brighton. Auf sein Herkommen lässt er trotzdem nichts kommen: »Ich bin froh, dass ich in Düsseldorf wohne und wünsche mir, dass noch viele tolle Musik von hier woanders zu hören ist.« Die Konkurrenz zur Hauptstadt sieht er milde. »Im Ausland glauben viele, ich käme aus Berlin, aber für mich ist die Größe von Düsseldorf sehr angenehm. Die Wege sind kurz, man kann gut leben und arbeiten.«

 

Hauschka, »Foreign Landscapes«, Fat Cat/Soulfood, ab 28. Oktober 2010. www.hauschka-net.de

Musik
10 / 2010

KRONKORKEN IM KLAVIER

Von: INGO JUKNAT


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick:

kultur.west Gezwitscher