Unique Club in Düsseldorf, ca. 2005. Foto: Schiko

»KULTUR IST KEINE GESCHÄFTSIDEE«

Seit 25 Jahren betreibt Henry Storch das international renommierte Plattenlabel »Unique«. Der gleichnamige Club in der Düsseldorfer Altstadt gehörte lange Jahre zu den besten Nightlife-Adressen des Landes. In einem Zeitungsinterview kündigte Storch jüngst das »Ende unserer kulturellen Arbeit in Düsseldorf« an. Steht es wirklich so schlimm um die Subkultur der Stadt? Ein Gespräch.

 

TEXT: INGO JUKNAT

Im ehemaligen Waschhaus der »Flurklinik« ist die Welt der Kreativen noch in Ordnung. Hier, im Düsseldorfer Stadtteil Flingern, arbeiten Künstler, Fotografen und andere Kulturschaffende in großzügigen Ateliers nebeneinander. Das Gebäude gehört der Stadt, die Mieten sind schmal. Eine der Parteien im Waschhaus ist das Plattenlabel Unique Records. Früher saßen Henry Storch und seine Kollegen Selin Dayioglu und Jürgen Richard in einer ehemaligen Seifenfabrik. Vor einem Jahr mussten sie einer expandierenden Werbeagentur weichen. Die neuen Räume wirken noch ein bisschen kahl. Ansonsten fühlt sich das Unique-Team zwischen langen Regalen voller CDs und Vinylplatten sichtlich wohl.

K.WEST: Herr Storch, auf dem Flyer zu Ihrer Jubiläumsparty steht »25 Jahre Unique – Blut, Schweiß und Tränen«. So ganz ironisch ist das nicht gemeint, oder?

STORCH: 25 Jahre – da darf man gar nicht drüber nachdenken! Da fühlt man sich so alt. Als wir angefangen haben, haben wir über Leute gelacht, die zu den Rolling Stones gegangen sind.

K.WEST: Wie läuft der Vorverkauf für die Party?

STORCH: Es sind jetzt schon 100 Tickets weg – davon haben wir etwa zehn in Deutschland verkauft. Der Rest ist nach England, Italien und in andere Länder gegangen.

K.WEST: Kann es sein, dass Unique schon immer im Ausland größer war als zuhause?

STORCH: Ja. Das liegt an der Musik, die wir herausbringen. Im Moment sitzen die meisten Fans in Frankreich, früher war es die Schweiz, in den 80ern ging die Hälfte unserer Platten nach Italien. Aber die haben kein Geld mehr. Man kann die Alben bis in bestimmte Städte hinein verfolgen.

K.WEST: Haben diese Schwerpunkte mit bestimmten Clubs zu tun, die Ihre Musik spielen?

STORCH: Ja, und mit bestimmten DJs. Das macht sehr viel aus. Besonders bei unserem Label. Wir haben zwar konstant Presse, aber sind nie ganz an der Oberfläche geschwommen. Das ist auch ganz gut so.

K.WEST: Inwiefern?

STORCH: Weil manche Labels den Hype nicht lange durchhalten. Die werden eine Weile total abgefeiert, dann interessiert sich kein Mensch mehr für die. Wir haben immer gesagt: Wir veröffentlichen, wie wir konsumieren.

K.WEST: Sie haben das Label 1988 gegründet. Da ging es ja langsam los mit Techno. Hat sich eigentlich niemand gewundert, dass Sie ausgerechnet einen Funk-und-Soul-Schwerpunkt gewählt haben? Das ist ja vergleichsweise altmodisch.

STORCH: Ganz am Anfang sind wir mit Sixties-Garagen-Punk gestartet. Aber das war natürlich auch nicht superneu. Ich kannte Techno gar nicht. Das galt eigentlich für alle Leute, mit denen ich rumgehangen habe. Bei mir auf der Schule haben die Leute U2 oder Depeche Mode gehört. Oder Madonna. Das war für uns Kirmesmusik.

K.WEST: Wie kam die Entscheidung zustande, selbst ein Plattenlabel zu gründen?

STORCH: Wir haben vorher kleine Konzerte von befreundeten Bands organisiert. Eine davon waren die Heartbeats aus München. Die fanden wir klasse, aber keiner hat sie veröffentlicht. So kam es dazu, dass wir selbst mit ihnen eine Single herausgebracht haben. Dann ging alles recht schnell. Graham Day von den Prisoners hatte eine neue Band gegründet – die Prime Movers. Die suchten ein Label. Da haben wir gesagt: ja, klar. Danach gab es kein Zurück mehr.

K.WEST: Macht sich die allgemeine Musikkrise in Ihrem Bereich weniger bemerkbar, weil Sie eine spezielle Nische gefunden haben?

STORCH: Das betrifft uns schon auch. Aber Unique ist keine Geschäftsidee. Das ist einfach passiert. Mich nervt es auch ein bisschen, dass wir immer mehr mit Kulturgeschäftsideen zu tun haben, und nicht mit Kultur.

K.WEST: Früher haben Sie einen eigenen, deutschlandweit bekannten, Altstadtclub betrieben, das »Unique«. Wie ist es dazu gekommen?

STORCH: Ursprünglich hatten wir eine sehr erfolgreiche Clubnacht im Rheingoldsaal am Hauptbahnhof. Irgendwann hatten wir Lust, eine Drum’n’Bass- oder TripHop-Party zu machen. Oder vielleicht einen reinen Soul-Abend. Das ging im Rheingold nicht. Dann hat uns eine Brauerei einen Club in der Altstadt angeboten.

K.WEST: Manche Leute trauern dem Unique Club heute noch nach.

STORCH: Das stimmt. Inklusive mancher, die nie drin waren. Ich habe schon Leute getroffen, die gesagt haben (imitiert Kumpelton): »War geil, die Technomusik da unten!« Wir hatten weder ein ›Unten‹ noch Techno im Unique.

K.WEST: Haben Sie die Vorstellung, einen Club zu betreiben, mittlerweile abgehakt? Inzwischen sind Sie ja auch aus dem Unique-Nachfolger »Blue Note« raus.

STORCH: Das will ich nicht sagen. Vielleicht ändert sich das noch.

K.WEST: In letzter Zeit haben in Düsseldorf einige Läden mit alternativem Anspruch zugemacht – »Pretty Vacant«, »Rotkompott«, »Blue Note«. Ist das symptomatisch?

STORCH: Ich glaube, das ist kein generelles, subkulturelles Problem. Beim Pretty Vacant lag es wahrscheinlich daran, dass der Besitzer zwei Läden stemmen musste. Wenn es nur einer gewesen wäre, wäre es dort wahrscheinlich weitergegangen. Beim Rotkompott hat sich der Inhaber einfach entschlossen, etwas anderes zu machen. Andererseits: Ein bisschen was hat das schon mit einem bestimmten Publikum, oder einem bestimmten Mangel, zu tun. In Düsseldorf wird musikalisch viel Fast Food konsumiert und die entsprechenden Läden, »Château Rixx«, »Quartier Bohème«, etc. laufen eben am besten.

K.WEST: Gab’s in den letzten 25 Jahren mal einen Moment, in dem Sie alles hinwerfen wollten?

STORCH: Heute morgen, 7.30 Uhr. (Lacht.) Aber im Ernst: Das fragt man sich schon in den ersten drei Monaten, wenn man ein Label macht. Es ist wirtschaftlich nicht sehr sinnvoll.

K.WEST: Was waren Ihre Highlights in 25 Jahren Unique?

STORCH: Unser Abend auf dem Montreux Festival mit Xaver Fischer und Érobique 2007 war sicher ein Highlight. Keb Darge war der coolste Abend im Unique Club – zumindest für mich persönlich. Ugly Duckling, die HipHopper, waren auch immer super. Das sind inzwischen auch richtige Freunde. Dass die Prime Movers auf unserer Jubiläumsparty spielen, ist auch ein Knaller. Ich hatte fest mit einer Absage gerechnet. Da kommen generell viele von unseren alten Freakfreunden. Die ganzen Dreibeinigen und Einäugigen …

25 Jahre Unique Records, Geburtstagsparty am 8. Mai, KuFa, Krefeld. www.unique-rec.com

 

Musik
04 / 2013

»KULTUR IST KEINE GESCHÄFTSIDEE«

Von: INGO JUKNAT


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