Das Ding: Der Drei-Monatskalender

Volker K. Belghaus schreibt über Design im Alltag - und wird diesmal im Büro fündig.

Co-Workingspace und Digitalnomadismus schön und gut, aber es gibt sie noch, die wunderbar uncoolen Sacharbeiterbüros, mit ihren beige-vergilbten Möbelstücken, ihrem unerbittlichen Funktionalismus aus Ablagekörben und Ordner-Reihen und den ewig gleichen Accessoires: Der immergrüne, staubbefreite Ficus Benjamini, die »lustig« bedruckten Kaffeebecher, der noch »lustigere« Ausdruck von Sprüchen wie »Wir sind hier auf der Arbeit und nicht auf der Flucht«, das selbst getöpferte Dingsbums vom Nachwuchs auf dem Schreibtisch – und ein Drei-Monatskalender an der Wand.

Der hängt meist in Blickrichtung des Sachbearbeiters, dem ein leichtes Kopfheben genügt, um sich einen Überblick über die kommenden Wochen zu verschaffen. Fokussiert wird das Auge durch einen signalroten Kunststoffrahmen, der den aktuellen Wochentag wie ein Zielfernrohr erfasst und unerbittlich die Information, dass erst Dienstag ist, in den Raum überträgt. Der Rahmen sitzt auf einem Streifen aus transparentem Kunststoff und kann frei über das Kalendarium bewegt werden: Tag für Tag, Woche für Woche. 

Erfunden wurde der Drei-Monatskalender im Jahr 1937 von der Bremer Buchdruckerei B.C. Heye & Co, dem heutigen Druckunternehmen »terminic«. Die Unterweser Reederei AG wünschte sich einen Kalender, den es bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gab. Ergebnis war der erste Drei-Monatsplaner, der auch von weitem gut lesbar und leicht an der Wand zu befestigen sein sollte sowie langfristige Terminübersicht bot. Die Zahlen des Kalendariums waren in einer fetten Schriftart gesetzt und marineblau eingefärbt, die Wochenenden und Feiertage in leuchtendem Rot. Damals wurden Designmaßstäbe gesetzt, die bis heute gültig sind. Die markanten Zahlen in der typischen Typografie zieren heute fassadenhoch die Werkshallen von »terminic«. Die Pappe, an der der Kalender aufgehängt wurde, zierte seinerzeit ein dramatisches Artwork mit Segelschiff, Schlepper und Dampfer; in der Mitte war der Leuchtturm »Roter Sand« abgebildet.

Auch heute, bei den Exemplaren in den Sachbearbeiter-Büros, wird die Pappfläche für Sponsorenwerbung genutzt. Die schönen Schiffe sind aber meist abenteuerlich gestalteten Grafik-Kompositionen für den Reifenhandel Schmittke in Essen-Horst gewichen. Aus dem ehemaligen »Schifffahrtskalender« ist über die Jahre ein weitverbreiteter Zeitmesser geworden. Durch den roten Rahmen wird der Arbeitende zum Herrn über die Tage – wenigstens ein bisschen. Durch das werktägliche Weiterschieben wird für ihn deutlich, dass tatsächlich Zeit vergangen ist und das Wochenende zäh, aber beharrlich näher rückt. Ein Büro-Ritual von größter Wichtigkeit, man stelle sich nur vor, dass der Kollege das im morgendlichen Restschlaftaumel mal vergessen sollte und so die Firmenbürokratie in die Flammen der Apokalypse stürzt!

Seit 2014 gibt es den Drei-Monatskalender auch als App für das Smartphone. Hier wird deutlich, dass man 1937 beim Design schon ganz weit vorne war, ohne es zu wissen. Der rote Rahmen macht digital eine ziemlich smarte Figur. Das etwas hakelige Schieben weicht lässigem Weiterwischen. Wer hätte das gedacht: Sacharbeiterfeeling für Digitalnomaden.

Special
07 / 2017

Das Ding: Der Drei-Monatskalender

Von: Volker K. Belghaus


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick:

kultur.west Gezwitscher