Martin Haase. Foto: Marc Schneider

Sind wir nicht alle ein bisschen Wir?

Der Linguist Martin Haase analysiert den derzeitigen Wahlkampf.

TEXT ANNIKA WIND

»Was jemand willentlich verbergen will, sei es vor anderen, sei es vor sich selber, auch was er unbewusst in sich trägt: Die Sprache bringt es an den Tag«, notierte Victor Klemperer 1947 in sein »Notizbuch eines Philologen«. Aus dem 70 Jahre später Martin Haase noch gern zitiert. In Publikationen, aber auch in einem Blog analysiert der Linguistik-Professor der Universität Bamberg Wörter aus der Politik, die verschleiern, was sie eigentlich meinen oder Unpopuläres als angenehm darstellen. 2016 waren das »Kaufzurückhaltung« oder »Sicherheitslücke«. Im Frühjahr diesen Jahres bekam dann das »Netzwerkdurchsetzungsgesetz« von ihm einen eigenen Eintrag: weil es so tun würde, als meine es das Durchsetzen des Breitbandausbaus, aber eigentlich ein Gesetz beschreibt, das das Löschen von Dingen aus sozialen Netzwerken durch die Provider ermöglicht. Der Begriff sei vollkommen irreführend, meint Haase. »Wenn etwas durchgesetzt wird, dann von Gerichten, aber von keinem Internetanbieter«, stellt der Sprachwissenschaftler richtig, der für Wortungetüme wie dieses auch den Begriff »Nebelsprech« erfunden hat.

Wer Wähler mobilisieren will, muss überzeugen – durch seine Wortwahl. Die Kanzlerin habe dafür eine Eigenart entwickelt, die Haase das »Merkel-Wir« nennt. »Wir«, das klinge nach Gemeinschaft, nach Zugehörigkeit. Doch zu wem? »Merkel macht nie deutlich, wen sie damit meint: sich selbst, die Bundesregierung, die EU oder alle Deutschen«, sagt der Linguist, der in der Wortwahl des aktuellen Wahlkampfs vor allem eines auffällig findet: die große Ähnlichkeit der beiden Spitzenkandidaten. Während die CDU »Wir in Europa« titelt, setze sich die SDP etwa für »Das Wir entscheidet« ein. Doch würde auch hier nie deutlich, wer darunter zu fassen sei. In der Flüchtlingsdebatte wurde Merkels Satz »Wir schaffen das« populär, der wiederum rechte Parteien dazu brachte, sich von diesem »Wir« abzugrenzen. Hatte Merkel vielleicht nur die Exekutive oder die Regierung gemeint?

Martin Haase untersucht auch die Wortwahl von Populisten. »Die AfD verwendet immer wieder Wörter aus der NS-Zeit«, sagt der gebürtige Dortmunder – eine Provokation. Interessanterweise würden diese Ausdrücke aber in anderen Kontexten als damals verwendet: Etwa das Wort »Umvolkung«, das einst im Zuge der »Regermanisierungspolitik im Osten« aufkam und die AfD nun mit der Behauptung verbinde, durch zu viele Ausländer würden eine »Umvolkung« stattfinden und die Deutschen verschwinden. Es sei die Aufgabe von Journalisten, die Sachverhalte richtig zu stellen, Hintergründe zu liefern und auch über die sozialen Medien zu verbreiten. Gegen Vorurteile hilft nur eins: Fakten.

 

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09 / 2017

Sind wir nicht alle ein bisschen Wir?

Von: Annika Wind


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