Johnny (Josh O'Connor) und Gheorghe (Alec Secareanu). Foto: Edition Salzgeber

Die Erweichung

Francis Lees sehenswertes Regiedebüt »God’s own Country«.

REZENSION ANDREAS WILINK

Rüder Sex im Viehtransporter. Auf die Frage des anonymen Partners, ob man nicht mal ein Bier zusammen trinken könne, fragt Johnny abschätzig »Wir?«, verneint und dampft ab. Johnny Saxby lebt auf der abgelegenen Schaffarm mit seinem nach einem Schlaganfall arbeitsuntüchtigen Vater und der Großmutter. Die drei haben keine guten Worte füreinander. Nur das Nötigste. Johnny (Josh O’Connor) hat die Schinderei satt, säuft regelmäßig, bis er nicht mehr stehen kann, und kotzt sich anschließend aus, verbal und auch sonst. Nordengland ist in dem auf Festivals wie Sundance, Berlin und Edinburgh prämierten Regiedebüt von Francis Lee ein Land ohne Licht und Sonne, kalt, schroff und leer. Insofern muss man den Titel »God’s own Country«, der sich auf die Grafschaft Yorkshire in ihrem unzugänglichen archaischen Wesen bezieht, bitter ironisch verstehen – Milch und Honig fließen hier nicht. Da war es am »Brokeback Mountain« idyllischer, selbst noch im Winter. 

Zigeuner nennt Johnny den neuen Lohnarbeiter aus Rumänien, Gheorghe (Alec Secareanu), der für einige Zeit Anstellung bekommt, um beim Lammen zu helfen, und dessen dunklem Blick nichts entgeht. Die beiden jungen Kerle fahren zu den Weiden, hausen in einem verfallenen Stall, waschen sich im eiskalten Bach, bauen Steinwälle, versorgen die Tiere und nähren sie. Man sitzt am Feuer, um sich zu wärmen, und schweigt. Johnnys aggressive Provokationen, die seine einzige Ausdrucksform sind, beantwortet Gheorghe mit Gewalt, auch wenn in dem kurzen Zweikampf schon erotisches Feuer glüht, das bald auflodert. Ein seltsamer Kontrast liegt darin, mit welcher Zärtlichkeit sie die rührenden neugeborenen Lämmer behandeln und sich selbst und gegenseitig. Aber dann scheint die Sanftheit auch auf sie überzugehen und für sie möglich zu sein. Sie weichen auf – im Angesicht der Natur. Johnny lernt, umgänglicher zu sein, aber kann zunächst auch wiederum nicht raus aus seiner Haut. Aber die Gefühlsdurchlässigkeit, einmal erfahren, ist unumkehrbar – und teilt sich auch den anderen Figuren mit. Hier wird es Frühling. Ein schöner Liebesfilm, der die Losung »No Country for young men« aufhebt.

»God’s own Country«, Regie: ; UK 2017, 104 Min.; Start: 26. Oktober.

Film
10 / 2017

Die Erweichung

Von: Andreas Wilink


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