Die dritte Stufe der Revolution in China: »Shanghai Fiction«

Die Reste der realen Zeit

»Erkenne die Lage« lautet das Motto der 33. Duisburger Filmwoche

//   Aufforderung oder Drohung? Zwar fehlt für den appellativen Charakter des Mottos »Erkenne die Lage« ein Ausrufezeichen. Aber die Botschaft der 33. Duisburger Dok-Filmwoche kommt auch so an. Die Situation ist ernst. Die Lageberichte aus allen Ecken der Welt, von Europa bis Afrika und Asien, würden Menschenrechtskommissionen, soziologischen Seminaren und kulturwissenschaftlichen Symposien ebenso zur Anregung taugen, wie dem Festivalpublikum im Filmforum am Dellplatz.

Wir könnten Ridley Scotts »Blade Runner« auf der Spur sein, so wie vor uns die Silhouette mit Wolkenkratzer-Stelen aus Dunst und Smog auftaucht. »Shanghai Fiction« heißt der scharf kontrastierende Film von Julia Albrecht & Busso von Müller, aber seine Beschreibung ist real. Eine Stadt zwischen Mega-Moderne und Slum, Township, Favela. Hier leidet nicht nur der Mensch, auch die Natur. Hier gibt es, was sich Yuan als Alternative für seine Zukunft vorstellt: »entweder ein strahlendes Leben oder eines ganz im Dunkeln«. Wenig Abstufungen dazwischen. Auf der einen Seite kein mythisch zu verklärendes Subproletariat, das aus den Dörfern in die City strömt, sich als Tagelöhner verdingt oder im Jobcenter nach Arbeit fragt, und daneben die internationale Business-Community, die gigantische Bauvorhaben plant. Die Masse der Armen sind keine Working Class Heroes – zu müde, um die Faust zu erheben. Die Geste gab es auch schon mal. Doch wie macht man eine Revolution nach der (permanenten) Revolution?

An einer mürben Hausmauer, Überbleibsel eines noch nicht sanierten oder schon in der nächsten Verfallsstufe begriffenen Viertels, steht ein abgerissener Satz: »Die revolutionäre Klasse …« Die Parole stammt von Mao und lautet komplett: »… verkörpert das richtige Denken.« Aber alte Gewissheiten sind vom globalen Erfolgsprinzip eingeholt, der Entwicklungsprozess hat die nächste Stufe erreicht. Die Lehre der dritten Generation, nach Mao und Deng, fordert, »innovativ zu sein«. Ein Professor, einst Rotgardist, Kind des Terrors und Träger vieler weiterer Rollen, dessen Überzeugungen ins Wanken gerieten, als auch sein Vater Opfer der Kulturrevolution wurde und mit dem spitzen hohen Hut stigmatisiert wurde, wie auf einem Goya-Blatt über Spaniens Inquisition, macht sich seine Gedanken. Die Geisterbschwörung des blutigen Menschheitstraums schützt indes nicht vor neuerlichen, anders gearteten Fehlentwicklungen des Kollektivismus. »Es ist einfach zu viel«, sagt er – in den wenigen Worten liegt das ganze China.

In »Shanghai Fiction« trifft sich auch ein Stadtplaner-Team vom Frankfurter Büro Albert Speer, das mit chinesischen Partnern an der schönen neuen Welt baut, Milliarden-Etats verwaltet und tatsächlich den blöden Spruch »Zeit ist Geld« in den Mund nimmt.

Sie könnten ein satirischer Teil von Stefan Landorfs »Besprechung« sein:  beobachtende und kommentierende Episoden, in der Realszenen von Darstellern nachgesprochen werden, was den Komik-Effekt verdoppelt. Man kennt diese Meeting-Manieren: Anzugträger, die das Jackett ablegen, die Hände hinterm Kopf verschränken und Sätze sagen wie »Ich habe da keinen ultimativen need, Kosten zu sparen«, Leute, die absolut identisch sind mit dem, was sie bei ihren Parallelaktionen an gestanzter Sprache ablassen, und die ihren Sprachmüll nie im Zwischenlager der Selbstüberprüfung deponieren. Der Blick in Sitzungssäle unterschiedlicher Klassen und Qualitäten verrät: Consulter, Werbeagenturen, Anwälte geben einen Standard vor, der bei Behörde, Kaserne, Schule zwar herunter geschaltet wird, aber auf Vorrat liegt.

Wenn die Welt draußen boomt oder darbt, wie sieht es drinnen aus? Die Kamera bewegt sich gemächlich zu einem Haus, das verwunschen liegt im totgesagten Park, während eine weibliche Stimme schwärmerisch-naiv von Geborgenheit, Gemeinschaft und Geselligkeit redet. Vögel zwitschern, nachts zirpen Grillen, ein Kirchenglöcklein läutet, Kinderstimmen singen. Reines Idyll. Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein, einträchtig und fern vom Getriebe der Stadt. Aber keine lebende Seele ist zu sehen in den Villen. Irgendetwas stimmt nicht in dem Geisterdorf, wo man Zugezogene ächtet und Zäune Grenzen markieren. Man wartet auf den Paukenschlag in Volko Kamenskys »Oral History«, mit dem der Kurzfilm auch wirklich aufwartet, um sich zum Schluss als Fiktion zu enttarnen, die gleichwohl eine gefährliche splendid isolation abbildet.

Wieder schweift die Kamera, konzentriert auf einen wüsten Platz mit Pfützen, Müll und Autowracks, umstanden von maroden Häusern. Die letzten Tage der DDR. Thomas Heise (Jahrgang 1955) legt Spuren frei für eine »Archäologie der realen Existenz«, wie seine parallel erschienene Buch-Collage betitelt ist. Der Filmemacher als poetischer Geschichtsphilosoph. Seine knapp dreistündige Wendechronik versammelt »Material«, als wolle jemand Ordnung schaffen – in seinem Kopf und im Bilderspeicher, zur Sicherung und Selbstvergewisserung. Gemäß dem, was Heise im Vorspann sagt. »Immer bleibt etwas übrig: ein Rest, der nicht aufgeht.« Der großartige Film beobachtet Fritz Marquardt bei Proben zu Heiner Müller und Gesprächen im BE, wie er mit sich, dem System und Apparat hadert, während sich draußen am Alex im November 1989 ein Moment direkter Demokratie vollzieht. Endlich müssen die sogenannten Volksvertreter die Signale hören, die den Staat und seine Schutz- und Sicherheitsorgane in den Grundfestern erschüttern. 

An Senegals Küste warten die »Boote des Todes«, so ein örtlicher Polizist, um Illegale zu verschiffen. »7915 Kilometer« lang ist die Strecke der Rallye Paris-Dakar. Nikolaus Geyrhalter hat sie ebenfalls abgefahren, aber nicht im Bann des Tachometers. Kopfschüttelnd wundern sich die Beduinen in Marokko, dass die Rennfahrer keine Zeit hätten. Angesichts von Pferde- und Eselsstärke betrachten sie den halsbrecherisch rasenden Leerlauf als Zeitverschwendung, während in den nordafrikanischen Staaten und Islamischen Republiken wie Mauretanien die Bewohner von ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen, Aus- und Fluchtwegen in den Westen, ihrem Umgang mit europäischen Zivilisationsmitbringseln und -resten berichten.

Zwei Welten »Zum Vergleich« – auch bei Harun Farocki. Er dokumentiert  – ohne eigenen Kommentar, aber deutlich als Beitrag zur geistigen Entwicklungshilfe – unterschiedliche Produktionsformen von Ziegeln: In Burkina Faso und Indien wachsen in kurzer Zeit Krankenstation, Schule und Kinderheim aus dem Boden, während in Frankreich die Herstellung vor allem von Marokkanern geleistet wird und Deutschlands Fabriken hoch spezialisiert und elektronisch aufgerüstet arbeiten.

Eine »Maßnahme« zur Selbsthilfe und Selbstbestätigung dokumentiert Maik Bialks Reportage. In Gerbstedt bei Halle wird »Bürgerarbeit« für Arbeitslose zum sinnvollen Pflichtprogramm.  Nicht nur arbeitsmarktpolitisch bewege sich etwas, sondern auch in den Herzen, sagt der Projektleiter. Aber die Wahrheit ist komplizierter, changierend zwischen Zufriedenheit und Frustration, Perspektivlosigkeit und Hoffnungslust bei dem zu motivierenden »Humankapital«.

Noch ein Haus steht am Wald. Wieder geht es um oral history. Die Übersetzerin Swetlana Geier, die für die Neuübertragung der Dostojewski-Romane weithin gerühmt wurde, wohnt in Freiburg, seit die 20-Jährige 1943/44 mit ihrer Mutter aus der Ukraine kam. »Die Frau mit den fünf Elefanten«, Vadim Jendreykos äußerst behutsame Nahaufnahme, lässt einen die mädchenhafte zarte, gekrümmte Frau mit dem Kollwitz-Gesicht und den eindringlichen Augen bewundern. Klug, wissend, bescheiden, bedächtig und wesentlich, schaut sie auf ein an Verantwortung schweres, erfülltes Leben mit Menschen und Büchern. Jendreyko begleitete Swetlana Geier in ihre Heimat: eine Erinnerungsreise in die Jugend mit deutscher Okkupation, ihrer Rettung durch einen Wehrmachtsoffizier, dem Massaker von Babi Jar bei Kiew und dem Tod des Vaters, der in Stalins Gefängnissen gefoltert worden war. Verrichtungen des Alltags, die Haltung zu Menschen und die Beschäftigung mit der Literatur erwachen bei Swetlana Geier aus einer Wurzel. Ihre Sprachempfindlichkeit scheint Voraussetzung, Indiz und Ausweis humaner Gesinnung.


Dauer ohne Wandel

Zur Eröffnung: James Bennings »Ruhr«

//   Dies ist der Anti-Film zum Projekt Kulturhauptstadt – »Ruhr« ohne 2010. Eine Meditation über das, was ist, und die propagierte Behauptung dessen, was sein soll. Der amerikanische Avantgarde-Filmemacher James Benning, Jahrgang 1942 und Sohn deutscher Immigranten, der hier seinen ersten Film außerhalb der USA drehte, dokumentiert in 120 Minuten nur sieben Situationen in lang’ währenden Einstellungen, die einen beklemmenden Stillstand befördern. Lähmend, nicht beschaulich. Dauer ohne Wechsel. Nichts von Strukturwandel, Auftrieb, Image-Politur und der Selbstsuggestion, Metropole zu sein. Bennings formstrenge Landschafts-Erzählung lässt Raum (beinahe zu viel) für eigene Assoziationen, die sich selbst eine Montage der Gegensätze schaffen und Gegensinn installieren.

Und fast ständig liegt ein Grollen in der Luft. Ein diffuser Soundtrack fernen Tosens und Rauschens. Die Autobahn als Charakteristikum der Region: Zunächst sehen wir eine Unterführung aus grauem Beton (Maternastraße-Tunnel), kahl, abweisend und gelegentlich von einem Wagen befahren. Szenenwechsel: eine gewaltige Produktionsanlage wie eine mythische Schmiede (HKM Stahlwerk). Drittes Bild: Bäume. Blätter-Rauschen. Schweigen, als würden geschundene Unschuld und überwältigte Natur stillen Protest einlegen. Kein deutscher Märchenwald. Der Lärm eines Flugzeugs im Anflug auf den Düsseldorfer Airport verscheucht Gedanken an die Gebrüder Grimm.

Die ersten Menschen begegnen uns in einer Moschee (Marxloh), aber fast nur als Rücken-Ansicht der Betenden. Ein Graffiti-Künstler besprüht danach ein Wandgemälde. Eine Siedlung (Fritzstraße) scheint ausgestorben, bis auf eine Frau mit Hund, während ein Cembalo-Klang ins Bild tropft. Und zuletzt – sage und schreibe eine Stunde lang – fixiert die Kamera die Kokerei Schwelgern, aus deren Schlot sich schwefelgelber Qualm entlädt und zum Himmel steigt, als würden die Twin Towers in Rauch und Flammen stehen oder der Schornstein sich in den Faltenwurf eines wattigen Gewandes hüllen. Ein Fanal zivilisatorischer Zerstörung. Sinfonie des Schauens.   //


2. bis 8. November 2009; www.duisburger-filmwoche.de

Film
11 / 2009

Die Reste der realen Zeit

Von: Andreas Wilink


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