Rückkehr ohne Bleiben: Gaspard Ulliel als Louis. Foto: Weltkino

Film des Monats: »Einfach das Ende der Welt«

Xavier Dolans großer todtrauriger Streifen erzählt mit Gaspard Ulliel von der Leere.

TEXT ANDREAS WILINK

Es hätte einen nicht verwundert, wenn Xavier Dolan, dessen Neigung zu den sentimentalen und melodramatischen Herzschlägen des Chansons man kennt, hier Dalida & Alain Delon mit ihrem »Paroles, Paroles« eingespielt hätte; jenes Lied von der Vergeblichkeit des Redens über die Liebe. Denn darum geht es in seinem sechsten Spielfilm, dem zweiten, den der junge Kanadier nach »Tom à la ferme« nicht selbst erfunden, sondern den er adaptiert hat (das Theaterstück stammt von Jean-Luc Lagarce). »Einfach das Ende der Welt« folgt einem der ältesten literarischen und filmischen Motive: Jemand, der fortgegangen ist und alles hinter sich ließ, kehrt zurück. »Er hat getan, was er tun musste«, sagt die Mutter von Louis (Gaspard Ulliel), der zwölf Jahre nicht zuhause war, nur Postkarten geschickt hat und da draußen Schriftsteller und wohl berühmt wurde. Man erfährt nichts Genaues über seine »Gabe«. Was man aber bald erfährt, ist, dass der 34-jährige Louis sterben wird und seinen Tod ankündigen will: seiner Mutter (Nathalie Baye), seinem Bruder Antoine (Vincent Cassel), seiner Schwägerin (Marion Cotillard), die er noch nie gesehen hat, und seiner jungen Schwester Suzanne (Léa Seydoux). 

Die Erwartung des verlorenen Sohnes und Bruders macht die Familie nervös, alle reden wirr durcheinander und ziemlich verrücktes Zeug, als Louis da steht und – wie früher – kaum etwas sagt. Paroles, Paroles. Das hektisch Aufgeregte, Aggressive, Gereizte (vor allem beim älteren Bruder Antoine) zeigt, dass untergründig Anderes kommuniziert wird, ungesagt und unsagbar bleibt: Kränkungen, Verrat, die Abwehr des Gefühls, die Drohung der Liebe. Fragen über Fragen: Wie nutzt man die Zeit? Wie überwindet man Fremdheit? Wie verzeiht man? Wie lehnt man Verantwortung ab oder nimmt sie an? Wie geht man um mit Forderungen, Wünschen, Idealisierung? Lässt sich die Leere zwischen sich und den Anderen überwinden?  

Xavier Dolans Kino ist eines der Blicke – der Fremdblicke auf seinen Helden, etwa in »Laurence Anyways« auf Melvil Poupaud. Auf dem Weg zu seinem Mutterhaus fixieren fremde Augen im Vorüberfahren Louis. Aber es ist vor allem das Auge der Kamera, das Louis in den Blick nimmt und kaum loslassen will, ihn verzehren, ihm unter die Haut dringen, ihn ganz erkennen und besitzen will. Das Ereignis dieses in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichneten Films, der »Von Angesicht zu Angesicht« heißen könnte und aus dem Schatten von Patrice Chéreau tritt, ist das trauernde Gesicht von Gaspard Ulliel. Louis schaut in ein paar Flashs zurück in seine Kindheit und zu seiner ersten rauschhaften Liebe Pierre – und nur dort im Erinnerungsland beginnen die Bilder zu fliegen und es explodiert exzessiv, was der wilde Dolan sonst in dieser Geschichte vermeidet. Louis weint ein paar Tränen, bleibt stumm und nimmt sein Geheimnis wieder mit sich fort. Keine Lossprechung. Kein Trost. Keine Erlösung. Leben ist lter als der Tod.

»Einfach das Ende der Welt«; Regie: Xavier Dolan; Frankreich / Kanada 2016; 95 Min.; Start: 29. Dezember 2016.

Film
12 / 2016

Film des Monats: »Einfach das Ende der Welt«

Von: Andreas Wilink


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