Isabelle Huppert als Michèle. Foto: MFA

Film des Monats: »Elle«

Sterilisierte Leidenschaft oder Eine Frau bleibt eine Frau: Isabelle Huppert steht für Paul Verhoeven vor der Kamera.

TEXT ANDREAS WILINK 

Es muss bluten, muss spritzen, muss weh tun. Das ist das Kino des Paul Verhoeven. In »Elle« (nach dem Roman »Oh …« von Philippe Djian) zeigt Isabelle Huppert, geschult an Bachmanns / Schroeters »Malina« und an Jelineks / Hanekes »Klavierlehrerin«, dass sie den Basic Instinct beherrscht – und weit besser als die meisten. Sie kann wie keine zweite kultiviert, neurotisch, erotisch, unnahbar, überlegen, kontrolliert, kaltschnäuzig sein – eine Frau, die weiß, was sie will – und vor allem, was sie nicht will. 

Michèle ist Chefin eines Verlags für Videospiele, Mutter eines ziemlich außer der Spur laufenden Sohnes, der sich von seiner Freundin ein fremdes Baby unterschieben lässt, getrennt lebende Ehefrau. Und sie ist, vor allem, die Tochter eines Serienmörders, der Dutzende Menschen abgeschlachtet hat, als sie zehn Jahre alt war, und einer Mutter, die als unwürdige Greisin einen jugendlichen Lover hält und ehelichen will. Alles ein bisschen viel. Da darf der Zuschauer schon wie der Leser des Buchs »Oh« sagen und vielleicht nicht von ungefähr an Kleists »Marquise« denken … Doch damit nicht der satirischen Überspitzung genug. 

»Elle« beginnt mit einem brutalen Überfall und einer Vergewaltigung durch einen maskierten Mann, der vom Garten her in ihr Haus eindringt. Nur die Katze ist Zeuge. Der Täter, der sich weiterhin mit Nachrichten meldet und u.a. Sperma-Spuren auf ihrer Bettwäsche hinterlässt, wäre sowohl unter den Angestellten ihrer Firma zu vermuten, auch im Freundeskreis, unter den  Nachbarn, etwa bei Patrick (Laurent Lafitte) und dessen Frau, oder in Gestalt ihres Liebhabers (Christian Berkel), der wiederum der Mann ihrer besten Freundin und Firmenpartnerin ist. 

Dass und wie Michèle sich auf eine Liaison mit ihrem begehrten Peiniger einlässt, als Pikanterie oder gar psycho-progressive Haltung zu begreifen, würde indes schon einiges an Kondition im Kurven-Nehmen durch feministische Theorie abverlangen. Durch die angespannten Verhältnisse zwischen Paranoia, realer Bedrohung und sexuellem Kitzel bewegt sich Hupperts Michèle souverän – und fertigt dabei die Männer ab. Und zwar auf eine Weise, die ihre Mutter ihr zum Vorwurf macht: sie würde sich eine »sterilisierte Version der Welt« wünschen. Das durchaus etwas lächerlich Dramatische und Spekulative des erotischen Thrills erfasst sich am besten in der Szene, als ein kleiner Vogel gegen eine Fensterscheibe fliegt, betäubt liegen bleibt und von der Katze gefressen wird. Michèle ist eindeutig nicht der hilflose Vogel.

»Elle«; Regie: Paul Verhoeven; D / F / B 2016; 130 Min.; Start: 2. Februar 2017.

Film
02 / 2017

Film des Monats: »Elle«

Von: Andreas Wilink


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