Wie man eben erwachsen wird: Julian (Oscar Brose) sieht mehr, als ein Kind verstehen kann. (Foto: Willi Weber / Weltkino)

Film des Monats: »Junges Licht«

Über Adolf Winkelmanns Rothmann-Verfilmung.

REZENSION ANDREAS WILINK

Alles ist gefälscht, es ist alles echt und richtig. Die Panoramen und Ausblicke auf Industrie-Anlagen, Zechen und rauchende Schlote gibt es so nicht. Sie sind kombiniert und (re-)konstruiert – von der Montier-Union Winkelmann. Es qualmt aus der Kokerei, brennt feuerrot im Stahlwerk, bewölkt den Himmel über Ruhr und Emscher. Milch und Kohle – Weiß und Schwarz: Die Milchflasche wird angesetzt, um den Kohlenstaub runterzuspülen, wenn die Kumpel von der Schicht hochfahren.  

Unter Tage. Ein Mann im Dunkel. Nur das Grubenlicht am Helm leuchtet. Man hört den schweren Atem. Der Presslufthammer bohrt ins Gestein. Bald wird jede Menge Kohle abgesprengt sein. Schnitt: Ein Junge kramt im Badezimmer-Schränkchen zwischen Lux-Seife und Echt Kölnisch Wasser. Er trägt eine kurze Lederhose mit Edelweiß-Emblem. Draußen hängt eine Frau mit SchürzeWäsche auf die Leine – nicht fern vom Förderturm. Der Film wechselt von Farbe zu Schwarzweiß, wie wir es etwa von Edgar Reitz’ »Heimat«-Chronik kennen. 

Es ist alles da in dieser ersten Verfilmung eines Romans von Ralf Rothmann: die Arbeitersiedlung mit bräunlich-grau verschmutzten Fassaden, Waschkaue, Büdchen, das grüne Unterholz vor der Halde im Hintergrund, Einweckgläser im Keller, die Blechdose für die Stullen. Zu Mittag gibt es einen aufgetauten Block Spinat mit Spiegelei oder Miracoli aus der Packung. Und wenn der zwölfjährige Julian was angestellt hat, gibt es von Mutter Liesel Senge mit dem Kochlöffel. Aber der Film belässt es nicht bei einer liebevoll ungeschönten, nostalgischen Heimatmuseums-Revue von 1960, die auch das Darsteller-Ensemble umfasst, voran Oscar Brose als sensibler, wahrnehmungswacher Julian Collien. 

Rothmann setzt nie ein Wort zu viel. Adolfs Winkelmanns einfach schön erzählter Film tut es ihm gleich, lakonisch und mit Distanz. Wenn etwas fehlt, dann vielleicht ein Gramm mehr von Rothmanns schwebender Wehmut. 

Die Sommerferien beginnen. Julian stromert umher, scheinbar ziellos, doch immer auf dem Beobachtungsposten. Er will und will nicht Teil sein der grausam gewöhnlichen, pubertär angespitzten Kleekamp-Bande. Ihm wird mulmig beim Vermieter und Wohnungsnachbarn Gorny (Peter Lohmeyer), der sich verdruckst pädophil für Julian interessiert, und dessen lolitahafter Stieftochter Marusha (Greta Sophie Schmidt), die ein Zimmer auf der Etage der Familie Collien bewohnt und mit Vater Walter (Charly Hübner sagt mit seinem wortkargen Wesen so viel wie mit einem großen Monolog) und Julian einen Sonntags-Ausflug zu einem Zechen-Kollegen unternimmt – ein Seitensprung ist die Folge. 

Es sind nur sacht angetippte Geschichten vom Erwachsenwerden, vom Schmerz und Schrecken des Erkennens, die sich für immer einkapseln werden, von der Lust eines Kindes, das für sie noch keinen Namen, höchstens eine Ahnung hat, von Männern und Frauen, die ihre Rollen nicht hinterfragen. Über das Seelische weiß dieses Milieu nicht viel und macht kein Aufhebens darum. Die Sexualität in ihrer prüden oder zotigen, manchmal bedrohlichen Ausprägung ist allgegenwärtig, ebenso das Katholische mit mattem Messdienst und schwüler Beichte sowie der Nachhall des Krieges, der die Männer hat werden lassen, wie sie sind, die außer ihrer Arbeit kaum was kennen und über sich nicht sprechen. Wir spüren eine Enge, in der es trotzdem hell und einem warm ums Herz sein kann. 

Das Drehbuch der Brüder Till und Nils Beckmann hält sich genau an den Roman, bis auf eine schlimme, hochsymbolische Episode, die sie der Rothmann-Erzählung »Alte Zwinger« entnommen haben – und mit einem entscheidenden Unterschied: Bei einer zweiten Attacke seiner Mutter windet Julian ihr den Löffel aus der Hand und hindert sie ein für alle Mal, ihn zu schlagen, was bei der wunderbaren Lina Beckmann ein schmales, duldsam verkniffenes Lächeln, ein winzig unterdrücktes Zittern des Mundes, störrischen Stolz und weibliches Wissen auf ihr Gesicht bringt. Julian will weg. Sein Vater sagt: »Abhauen gibt’s nicht, wär schön, aber geht nicht.« Noch nicht. So fahren sie zusammen auf einem Rad davon. Western-Helden reiten so hinaus. Der Tramp Chaplin wandert so ins Finale.

»Junges Licht«; Regie: Adolf Winkelmann;Darsteller: Charly Hübner, Oscar Brose, Lina Beckmann, Peter Lohmeyer, Stephan Kampwirth, Nina Petri u.a.; D 2016, 122 Min.; Start: 12. Mai 2016.

Premiere bei den Ruhrfestspielen am 1. Mai in der Lichtburg Essen mit Team und Darstellern.

Film
05 / 2016

Film des Monats: »Junges Licht«


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick:

Anzeigen

kultur.west Gezwitscher