Maria Dragus als Maria Paradis. Foto: Christian Schulz / NGF

Film des Monats: »Licht«

Die Ent-Blendung: Barbara Albert zeigt den historischen Fall eines Wunderkinds am Klavier - und die Geschichte einer Revolte.  

REZENSION ANDREAS WILINK

Mehr als ein historischer Fall: »Licht« von Barbara Albert über ein Wunderkind am Klavier, die Kraft der Kunst, den Mesmerismus, Revolte und Scheitern. Jemand spiele blind, sagt man, wenn die Person nicht auf die Partitur schaut. Auch Mademoiselle Paradis spielt blind – aber sie ist es auch und durch das Gebrechen, das ihr mit drei Jahren das Augenlicht nahm, nahezu gebenedeit unter den Jungfrauen, zumal ihr Vorname ebenfalls Maria (genauer: Maria Theresia) lautet. Gleich dem der Habsburger Kaiserin, von der sie eine Gnadenpension erhält als – zur Mozart-Zeit – Wunderkind am Hammerklavier. Eine Geldquelle für die Eltern, die nur ja nicht versiegen soll, und Anlass für eine nach Unterhaltung lüsterne, frivole Hofgesellschaft. 

Zu Beginn des Films von Barbara Albert, der sich an Alissa Walsers Roman »Am Anfang war die Nacht Musik« orientiert, wird das Fräulein mit dem schielenden Blick von einem Rokoko-Publikum begafft wie eine Rarität der Manege: Aufziehpuppe und Spielautomat. Wiederum fällt einem Hans Mayers Wort vom »Monstrum als Ernstfall der Humanität« ein, denn auch Maria Paradis ist existentieller Außenseiter, der nicht willentlich ist, was er ist und dem ein Erziehungsprogramm zum Virtuosentum auferlegt wurde. Eine Art »enfant sauvage«, dem Truffaut einen Film gewidmet hat. Nie wird das Staunen der Öffentlichkeit zur Empathie, es bleibt Sensationslust. 

Die 17-jährige Maria (Maria Dragus), an der bislang Ärzte herumpfuschten, kommt 1777 als Patientin zu dem von der Mediziner-Zunft mit Argwohn, Spott und Missgunst betrachteten Dr. Franz Anton Mesmer (Devid Striesow), der im Wiener Palais seiner vermögenden Frau einige Fälle kuriert: mittels des animalischen Magnetismus. Während séancehafter Behandlungen sollen sich die Wirkungskräfte der Natur und Energieströme als unsichtbares Fluidum von einem Menschen zum anderen leiten. Wir erleben in dramaturgisch strenger, karger, luzider Verdichtung die nervöse Unruhe und Verstörung Marias, die mit ihren perlenden Läufen auf dem Tasteninstrument und mit dem ekstatisch-hysterischen Reagieren der übrigen Maladen synchron gehen. 

Das Experiment (ob Suggestion oder nicht) hat Erfolg. Maria beginnt Helligkeit, Farben und Formen und bald mehr zu sehen und, damit einhergehend, sich selbst zu erkennen und als Individuum zu begreifen. Gleichzeitig jedoch würde Normalität sie ihres Sonderstatus’ entheben, sie ins weibliche Rollenbild und zu Gehorsam zwingen und dem allgemeinen Sittengesetz unterordnen. Auch verliert ihr Talent am Klavier an instinktiver Sicherheit im Spannungsverhältnis von Naivität und Bewusstsein. Gesundheit wird also erkauft durch Genie-Verlust und sinkenden Marktwert. Maria Paradis, die unter psychischem Druck und dem Drohen der Eltern wieder zurückfällt ins Blindsein, wird künftig als Pianistin und Komponistin wirken. Der Film (u.a. mit Stefanie Reinsperger und Christoph Luser), der in kluger Zurückhaltung auch unsere eigene Wahrnehmungs-Sensibilität befragt, ist ein historischer Musterfall emanzipatorischer Revolte, die vor 250 Jahren nur durch rigide Selbstbeschränkung bzw. -verstümmelung möglich war. Noch leuchtete nicht das Licht der Aufklärung.

»Licht«; Regie: Barbara Albert; Österreich / D  2017; 97 Min.; Start: 1 Februar 2018.

Film
02 / 2018

Film des Monats: »Licht«

Von: Andreas Wilink


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