Denzel Washington als Toy Maxson. Foto: DCM/Paramount

Filme des Monats: »Fences« und »Moonlight«

Denzel Washington und von Barry Jenkins beschäftigen sich mit Blues der Sterblichen.

TEXT ANDREAS WILINK

Es muss so etwas wie der Wunsch nach Komplettheit sein, ein Impuls zur klärenden, Empathie erzeugenden Gesamtdarstellung, der sich nicht mit einem Ausschnitt – einem Bruchstück Leben – begnügt, aus dem sich auch eine Entwicklung filtern und ausdeuten lässt, weshalb jemand wurde, der er ist. In dem amerikanischen Roman »Ein wenig Leben« (eine Rezension lesen Sie auf Seite 55) wächst das »little« aus dem Originaltitel ins Große und Großartige. Im Hollywood-Kino ist es nicht anders: Vorhang auf für die große Bühne menschlicher Gefühle, Schicksale und komplexer Konflikte. Mindestens zwei der für den »Oscar« nominierten Filme (wenn nicht drei, zählt man »Lion« / k.west, Feb. 2017 dazu), begnügen sich nicht mit der Episode. Sie setzen aufs Ganze. »Fences«, Denzel Washingtons dritter Film als Regisseur, schildert mit der erzählerischen Wucht eines Arthur-Miller-Dramas das Scheitern des Toy Maxson (Washington selbst). 

Als Kind vor dem gewalttätigen Vater geflüchtet, als Jugendlicher straffällig geworden, ehemaliger Baseball-Spieler, lebt er im Pittsburgh der 1950er Jahre als städtisch angestellter Müllmann und hat sich abgefunden mit einem nach Dollar und Cent exakt kalkulierten Glück: Arbeit, Familie, Haus. Ideologie der Beschränkung. Mauern einreißen, ist nicht drin. Einen Zaun (»Fences«) um das eigene Grundstück ziehen, das geht. Aber als der Zaun steht, ist das, was er einhegen soll: kaputt. Sein Sohn Cory (Jovan Adepo) vertrieben, seine Frau Rose (Viola Davis) tief verletzt, weil Toy mit einer anderen ein Kind bekommen hat, das Rose schließlich aufzieht. Er selbst zum Trinker geworden. Eine packend inszenierte, vom gesamten Ensemble grandios gespielte amerikanische Tragödie – dem erbarmungslosen Trumpismus zur Ansicht empfohlen. Ein Film über Besiegte, die nicht aufgeben, indes nicht dem Wahnwitz des Götzendienstes falscher Propheten verfallen, sondern Würde und Anstand wahren.  

Fremd in der Welt, schmerzerfahren und in einem kaum zu durchbrechenden sozialen Kreislauf gefangen. In »Moonlight« (nach Tarell Alvin McCraneys bisher nicht uraufgeführtem Theaterstück »In Moonlight Black Boys Look Blue«) erzählt Regisseur Barry Jenkins – intensiv, emotional und voll intimer Momente – das schwierige Leben eines jungen Afroamerikaners in drei Phasen und Fragmenten, die doch ein Gesamtbild ergeben. Er heißt Chiron wie der Kentaur in der griechischen Mythologie, der – gepeinigt – auf die eigene Unsterblichkeit verzichtet. Chiron ist schwul – und nicht weiß. Zwei Gründe, die dem Gelingen entgegenstehen. Weil Meinungen und Haltungen schon feststehen und es kaum die Möglichkeit gibt, dem Rechtfertigungsdruck die eigene individuelle Erzählung (und Selbstwahrnehmung) entgegenzusetzen.

Miami / Liberty City, was wie Hohn klingt – ein Ort geprägt von Gewalt und Drogen. Der schmalbrüstige, ungelenke Schuljunge »Little« (Alex Hibbert) wird herablassend behandelt: »faggott«, Schwuchtel rufen sie ihm nach. Seine Mutter ist cracksüchtig. Zuwendung findet little Chiron bei dem Kuba-stämmigen Dealer Juan, der ihn u.a. das Schwimmen lehrt – sich treiben zu lassen, über Wasser zu bleiben im Element des Unsicheren. Dem Jugendlichen (Ashton Sanders) bleibt weiterhin versagt, sich zu integrieren, er wird von Mitschülern ausgegrenzt und nur als Klischee wahrgenommen. Mit seinem besten Freund Kevin (Jharrel Jerome / André Holland), der ihn verteidigt und ermutigt, hat Chiron seine erste erotische Begegnung. Die Konflikte an der Highschool eskalieren. Der Mitte-Zwanzigjährige (Trevante Rhodes) schließlich kommt aus der Haft, wo er in Umkehrung des Täter-Opfer-Verhältnisses einsaß, und ist zu einem ‚typischen’ Black von diamant- und goldblitzender Muskel-Power geworden. Chiron trifft Kevin wieder, der mittlerweile Familienvater wurde. Ende offen. Keine Erfüllung. Das ist traurig. Und es ist die Wahrheit, die Hollywood hier, seine weiße Selbstherrlichkeit nahezu selbst überwindend, zeigt. Zäune bleiben aufgerichtet.

»Fences«; Regie: Denzel Washington; 140 Min.; USA 2016;  soeben angelaufen.

»Moonlight«; Regie: Barry Jenkins; 110 Min.; USA 2016; Start: 9. März 2017. 

Film
02 / 2017

Filme des Monats: »Fences« und »Moonlight«

Von: Andreas Wilink


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