Das melancholische Mädchen (Marie Rathscheck) in seiner rosaroten Welt. Foto: Edition Salzgeber

»Das melancholische Mädchen«

Susanne Heinrich schüttelt Brecht, Comic, Rockmusical, Fotoroman und Frauenfilm durcheinander, bis Humor, Ironie und Bitternis herauspurzeln.

Alles eine Frage der Einstellung, kameratechnisch und auch sonst: lebensgeschichtlich, typenmäßig, psychodynamisch. »Das melancholische Mädchen« ist eine kleine Gattungsgeschichte über den weiblichen Teil der Menschheit. Komödiantisches episches Theater, konzentriert auf ein einzelnes seltsames Wesen. »Melancholischen Mädchen passiert nichts. Die Katastrophe ist schon passiert. Jetzt existiert nur noch ein Zustand.« Den das Mädchen mit einer gutbekannten Entfremdung zu sich selbst betrachtet.

Es weiß ziemlich genau Bescheid über sich. Wie schafft Frau das, sich zu bewegen, sich anzuziehen, sich zu produzieren, einen Entwurf von sich herzustellen, sich richtig zu finden? Weder ist unser Mädchen das langbeinige selbstbewusste sexy Girl noch die Mutter, die mit rosa Shirt auf Gymnastikbällen ihr Baby schaukelt. Und sie ist auch keine der dämmernden Schönheiten, die sich wie in einer Pepsi-Cola-Reklame dem Rausch und der Trance blau-rosa Nächte überlassen. Das blutleer sanfte, kluge, ungerührt mit sich mitleidlose Mädchen (Marie Rathscheck) lehnt »die Diktatur der Selbstverwirklichung« in anarchischer Apathie ab. Es streift, auf Suche nach einem Schlafplatz, durch 15 Episoden – fremde Wohnungen und Betten, Bar, Bushaltestelle und Museum, Therapiecouch, die Gender-Nische bzw. -Komfortzone. Das Mädchen hat an den üblichen Ego-Manien und Ich-Entwürfen, den Entspannungen und Verspannungen des sozialen Lebens, den Idealen und Schemata von Liebe, Sex, Glück (mit einem wässerigen Mann in der Badewanne und einem meditativen Yoga-Bär) und Gelingen zwar passageren Anteil, aber es bleibt außen vor. Es ist eine andere Prinzessin auf der Erbse, die alles drückt, und vielleicht auch eine Hexe von heute.

Was Susanne Heinrich in diesem bewegten Bilderalbum der Kontaktnahmen und Begegnungen (»Mein Körper ist ein Kriegsgebiet«) macht, nein, was sie wagt, ist ein Experiment statt einer Erzählung im klassischen Sinn. Sie schüttelt Brecht, Comic, Rockmusical, Fotoroman und Frauenfilm durcheinander, bis Humor, Ironie und ein klein bisschen Bitternis herauspurzeln. Ein Praxistest, der unter Theorieverdacht steht.

 

Start: 27. Juni 2019

Film
06 / 2019

»Das melancholische Mädchen«

Von: Andreas Wilink


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