Bürger bewegt Euch, sagt der Landrat (Johannes Zeiler). Foto: Eric Mosoni

Im Kino: »Wackersdorf«

Die Oberpfalz in den 80er Jahren: Oliver Haffner erzählt in seinem Film ein Kapitel deutscher Revolte nach.

REZENSION ANDREAS WILINK      

Der Wald steht schwarz und schweiget. Vom Menschen in Bayern lässt sich das so nicht sagen, wie zuletzt die »#ausgehetzt«-Demo in München mit 20.000 Teilnehmern beweist. Die Oberpfalz in den 80er Jahren. Der Region geht es schlecht, hohe Arbeitslosenzahl, Strukturschwäche, Einwohnerschwund. Landrat Schuierer (Johannes Zeiler), ein Roter im CSU-Staat, ist ein besonnener und gewissenhafter Mann. Aber an seine Parole »Durchhalten« glauben immer weniger. Der Staatsminister für Umwelt bestellt ihn ein und unterbreitet einen Vorschlag. Die Gemeinde Wackersdorf sei ausersehen für den Bau einer Wiederaufbereitungsanlage. Ein gewiefter Lobbyist der Atomindustrie (Fabian Hinrichs) hält alle guten Argumente, zum Gutachten gebunden, parat und verspricht Wohlstand und Sicherheit. Die Natur bleibe »weitgehend unberührt«. 

Schuierer wandelt sich vom Saulus zum Paulus. Er lernt, liest sich ein, wägt ab, versucht zu vermitteln. Seine Miene wird zusehends sorgenvoller. Als ein von München aus gelenktes Polizeiaufgebot während eines offenen Verfahrens Fakten schafft und Recht bricht, erkennt Schuierer ein Vorgehen »wie im Dritten Reich«. Er wechselt die Seiten und lässt sich weder vom Regierungspräsidenten noch von Ministerpräsident Strauß und seiner eigenen Partei einschüchtern. Der Widerstand formiert sich gegen den »Angriff auf die Schöpfung«. In der Bürgerinitiative sind Evangelische Kirche, Umweltschützer, Rentner, Mütter und Väter, Alltagsbürger aktiv, um Freiheit und Gerechtigkeit zu verteidigen. Als wär’s ein Stück von heute. Auch wenn Oliver Haffner nicht exakt die Balance zu halten weiß zwischen realistischer Rekonstruktion und leicht satirischer, wie von Helmut Dietl geschärfter Zuspitzung, seine Lektion lohnt sich. Der eskalierende Bürgerkrieg kann abgewendet werden, als 1986 Tschernobyl zum Symbol wird, das der Film uns mit Schlagzeilen aus der »Tagesschau« mitteilt. Für Wackersdorf gelingt in Folge des Reaktor-Unglücks zwei Jahre danach der Atomausstieg, auch ohne Kanzlerin Merkel.  

»Wackersdorf«, Regie: Oliver Haffner, D 2018, 120 Min., Start: 20. September 2018

Film
09 / 2018

Im Kino: »Wackersdorf«

Von: Andreas Wilink


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