Filmszene aus "Der seidene Faden". Foto: UPI

Keuschheitslegende

Sehenswerter Ausflug in die Modewelt: »Der seidene Faden« von Paul Thomas Anderson.    

REZENSION ANDREAS WILINK

»Der seidene Faden« ist die ungemein empfindliche, stets vom Zerreißen bedrohte Verbindung, die einen Menschen mit sich selbst oder zwei Menschen miteinander in Beziehung setzt. Im Leben eines Modermachers wie Reynolds Woodcock, der aus vielerlei Elementen realer Designer  zusammengesetzt scheint und hier in den Nachkriegsjahren in London die weibliche High Society bis hinauf zur belgischen Prinzessin einkleidet, ist er zugleich Arbeitsutensil. Wir betreten wie auf Zehenspitzen diese Welt der Schönheit, des Perfekten, Stil- und Kunstvollen, begleitet von perlenden Klavierläufen, die ins sacht Jazzige hinüberspielen, sich voluminös bauschen oder Kammermusik von Franz Schubert aufnehmen. Auch Paul Thomas Anderson bewegt sich moderat, taktvoll und mit zierlichem Gang durch den Film, der im Ausloten seiner Charaktere und ihrer komplexen Regungen die Qualität eines Henry-James-Romans hat und einer Art Keuschheitslegende gleicht. 

Mister Woodcock ist empfindlich, so sehr, dass er seinen Tag »nicht mit einer Konfrontation beginnen kann«, dass ihn das Kratzen des Messers auf einer Scheibe Toast oder das feine Klirren einer Tasse aus dem Konzept bringt. Er hat sich eingerichtet in das Regelwerk einer sublimen Etikette und Effizienz aus Disziplin, Talent und Distanz und einer bis ins Manische gesteigerten Sensibilität und Egozentrik. Daniel Day-Lewis spielt die noch verfeinertere Version seines Leyland Archer aus Whartons / Scorseses »Zeit der Unschuld«. Woodcocks beherrschte Schwester Cyril (Lesley Manville) ist sein Kontakt zur Welt, die er nur dosiert erträgt. Als er auf dem Lande die junge Serviererin Alma (Vicky Krieps) trifft, deren diskrete Direktheit und dezentes Selbstbewusstsein ihm gefallen, macht der Pygmalion sie umgehend zu seiner Muse und seinem sein Ideal verkörpernden Modell für die prächtigen Roben. Die erste Anprobe und deren zärtliche Intimität ersetzt erotische Praxis. Bald wird ein sanfter (aber auch mit Gift geführter) Machtkampf zwischen Reynolds, der keine Irritation des Gewohnten verträgt, und Alma, die exklusive Nähe will, ausgetragen, bei dem sie – vielleicht – Sieger bleibt. Falls ja, aber nur mit seiner Einwilligung. 

»Der seidene Faden«; Regie: Paul Thomas Anderson; USA 2017; 130 Min.; Start: 1. Februar

Film
02 / 2018

Keuschheitslegende

Von: Andreas Wilink


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