Viola Davis und Jackie Weaver. Foto: T C Fox

Steve McQueens „Tödliche Witwen“

Chicago Dynamit: Vier Frauen treten als "Tödliche Witwen" das Vermächtnis der Männer an.

Damit es losgehen kann, müssen erst mal die Männer weg. Sie werden eliminiert. Gewaltsam, per Sprengsatz. Die Vierer-Gang um Harry (Liam Neeson) kommt bei einem Raubzug ums Leben. Was bleibt, sind Schulden – und die Drohung an Harrys Witwe Veronica (Viola Davis), zwei Millionen Dollar zurückzuzahlen oder es ergehe ihr schlecht. Dafür bürgt der korrupte, höchst brutale afroamerikanische Boss Jamal Manning, der vor seiner kriminellen Existenz eine ehrenwerte Fassade aufziehen will. Geerbt hat Veronica außer den Schulden: eine Kladde – die hat es in sich. Eine Art Lebensversicherung. Aber auch ein möglicher Totenschein. 

Damit es losgehen kann, lernen wir zunächst den Alltag und die Verhältnisse der allein übrig gebliebenen Frauen kennen. Schauplatz Chicago, Synonym schlechthin für das amerikanische Gangster-Milieu und Ort des Valentinstag-Massakers. Die toughe Veronica lebt im – gefährdeten – Penthouse-Luxus am Michigan-See. Linda (Michelle Rodriguez) und Alice (Elizabeth Debicki) haben geringeren sozialen Standard. Von ihren Kerlen wurde das Bisschen, das sie haben, verzockt. Gemeinsam wollen sie jetzt den Coup durchziehen, den ihre Männer geplant hatten und dessen Strategie in der Kladde aufgezeichnet ist. Eine der Witwen steigt nicht mit ein. Sie hat Gründe. Dafür engagieren sie als Vierte die Friseurin Belle (Cynthia Erivo), die den Fluchtwagen steuern soll. Über die Finessen des Einbruchs in ein ganz spezielles Haus und dessen Tresor erfahren wir nur soviel, wie nötig ist. Keine überflüssigen technischen Detail, keine langwierigen Erklärungen. 

Steve McQueens „Widows“ sind nicht die Antwort auf Steven Soderberghs „Ocean’s Eleven“. Die brillant konstruierte Story wird nicht durch den Filter der Ironie aufgeweicht, sondern behält das Kompakte und die Härte des Thrillers. Der emanzipatorische Gestus ist es, der „Widows“ bemerkenswert macht. Eine Kür des Selbstbewusstseins, der Selbstbehauptung, der Selbstwerdung, auch der Krisen und Konflikte (untereinander). Hier nehmen sich Frauen, was ihnen genommen wurde. Sie wollen Kontrolle über ihr Leben, wobei die Verzweiflungstat sich auch zu ihren lustvollen Aspekten bekehrt. Aber das Beute-Machen bleibt eine Frage des Überlebens. Keine spielerisch spaßige Fingerübung. Wie nebenbei und von ungefähr, aber nicht ohne Absicht erzählt der Oscar-Gewinner McQueen gleichzeitig eine politisch garstige Geschichte weißer und schwarzer Machtmuster, von Prestige, Einfluss und Ressentiments (für die Colin Farrell und Robert Duvall als Herren des Mulligan-Clans stehen). 

Veronica & Company – das ist die stärkste, souveränste Performance seit dem Todestrip von Thelma und Louise.

Film
12 / 2018

Steve McQueens „Tödliche Witwen“

Von: Andreas Wilink


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