Im Angesicht des Todes: Susanne Wolff als Rike. Foto: Zorro Film

Im Kino: »Styx«

»Styx« war der deutsche Berlinale-Überraschungsfilm in der Sektion Panorama und zeigt erschütternd den Tod auf dem Meer.

REZENSION ANDREAS WILINK

Der Affe, der auf dem Felsen von Gibraltar hockt, über die Fassaden klettert und in den Straßen mit seinem Pavian-Hinterteil verschwindet, scheint mit seiner Krallenhand eine abwehrende Bewegung in unsere Richtung zu machen. Das ist die Geste dieses Films: Stop! Bloß nicht weiter! »Styx«, der deutsche Berlinale-Überraschungsfilm in der Sektion Panorama, ist eine ins Kleine verdichtete große Elegie. Realistisch und, mehr noch, parabelhaft. 

Es beginnt – ohne Musik, ohne viele Worte – mit einem Aufbruch. Rike, die wir bei ihrer Arbeit in Köln als Notfallärztin während eines Leben rettenden Einsatzes kennenlernen, packt für eine Reise. Sie will allein im Segelboot über den Atlantik zum Ascension Island, wo einst Charles Darwin einen künstlichen Urwald angelegt hatte. Rike (von imponierend konzentrierter Ruhe: Susanne Wolff) blättert ab und zu in einem Bildband von dem Eiland nahe bei St. Helena und träumt sich in das verschlungene Grün der Wälder. 

Die Kamera in Wolfgang Fischers Film beobachtet ihren Alltag auf See, wie sie manövriert, badet und dabei mit dem Schiff Asa Gray verbunden bleibt durch ein Seil wie eine Nabelschnur, zeigt einen Sonnenuntergang, den endlosen Horizont, schlicht das Paradies auf Erden. Dann vor Afrikas Westküste sieht Rike plötzlich ein Schiff vor sich, gedrängt voll mit Passagieren. Die Flüchtlinge sind dem Tode nahe, der alte Trawler hat ein Leck und droht zu sinken. Über ihr Funkgerät informiert Rike die Küstenwache und sendet immer dringendere Meldungen von der Katastrophe. Nichts geschieht. Nur die Aufforderung, sie solle sich fern halten, nicht intervenieren, das würde das Chaos nur steigern. 

Als Rike das Untätig-Sein nicht mehr erträgt, rettet sie einen kleinen Jungen, der von Bord gesprungen war, versorgt den völlig Entkräfteten medizinisch und bringt ihn wieder auf die Beine. Kingsley (Gedion Oduor Wekesa) mit dem Ronaldo-Fußballshirt, dessen Schwester auf dem Wrack geblieben ist, kann nicht fassen, dass die Welt zusieht, wie seine Leute sterben: hier die sichere Enklave des Seglers, die verlorenen Seelen dort, die allgemeine Gleichgültigkeit, die Not, der gute Wille, der nichts ausrichtet, die verstreichende Frist. Dann endlich läuft die Bergungsaktion an – zu spät. All is lost. 

Wir sehen nicht, was Rikes Augen sehen, aber wir sehen, was der furchtbare Anblick mit ihr macht. Am Ende werden die Toten in Plastiksäcken abtransportiert. Am Ende soll gegen Rike ermittelt werden. Am Ende berichten die Nachrichten von weiteren Flüchtlingsbooten und Zahlen: 350, 500, 160... Styx ist, wer es nicht weiß, der antike Name des Totenflusses, der durch den Hades verläuft. 

»Styx«, Regie: Wolfgang Fischer, D 2018, 94 Min., Start: 13. September

Film
09 / 2018

Im Kino: »Styx«

Von: Andreas Wilink


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