Gegen das Duckmäusertum: die Abiturklasse 1956. Foto: studio canal

Noch ehe der Hahn dreimal kräht …

Premiere wird auf der Berlinale gefeiert: »Das schweigende Klassenzimmer« von Lars Kraume kommt in die Kinos.

REZENSION ANDREAS WILINK

In gewisser Weise bietet »Das schweigende Klassenzimmer« das Komplementärbild zu »Der Staat gegen Fritz Bauer«, in dem Lars Kraume die frühen Jahre der Bundesrepublik und Widerstände gegen die Aufarbeitung des Nationalsozialismus am Beispiel des Hessischen Generalstaatsanwalts und des perfiden Umgangs mit ihm zeigt. Die Perspektive wechselt hier nun auf die DDR im Jahr 1956, als Ungarn den Aufstand riskiert, den die UdSSR und die sozialistischen Bruderstaaten mit Panzern niederrollen. In einer Abiturklasse der Arbeiter-Mustergründung Stalinstadt (dem späteren Eisenhüttenstadt) formiert sich, nein, zunächst nicht mal politischer Protest, das wäre zu viel gesagt.

Zwei Schüler, die Freunde Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz), die bei einer Stippvisite im Berliner Westen während des Kinobesuchs nicht nur ein erotisch interessiertes Auge auf »Liane, das Mädchen aus dem Urwald« hatten, sondern in der Wochenschau einen anderen Blick auf die Ereignisse in Budapest bekamen, animieren ihre Klassenkameraden zu einer solidarischen Schweigeminute zu Beginn der Geschichtsstunde. Man könnte die ganze Sache, wie der Schulleiter (Florian Lukas) es will, zu den Akten legen und das unbotmäßige, schlicht menschliche Verhalten der 18-Jährigen mit einer Bauernregel und einem Schulterklopfen parieren. Oder man macht eine Staatsaffäre daraus – von der Schulrätin (Jördis Triebel) aufwärts zum Volksbildungsminister (Burghart Klaußner). Was in diesem (authentischen, von einem der Mitschüler, Dietrich Garstka, später beschriebenen) Fall geschieht.

Der Apparat dreht auf: Drohung, Aufforderung zu Denunziation, Erpressung, Sippenhaft, Schulausschluss und Ende jeder akademischen Zukunft für die Gesamtheit der »Konterrevolutionäre«. Bei Kraume, der das Drama mit einer unangenehm pathetischen Musik auflädt, wo doch nüchterne Darstellung vollauf genügt und leichthändigere Regie Sinn gemacht hätte, finden wir einen sozialen Querschnitt in den Schüler-Familien: den Stahlkocher-Vater (Ronald Zehrfeld), der beim 17. Juni 1953 marschierte, einen Evangelischen Pfarrer, einen hohen Funktionär, die Witwe eines angeblich von den Nazis ermordeten Rotfrontkämpfers; strenge Väter und weiche Mütter. Zudem zieht eine Liebesgeschichte eine weitere Konfliktlinie.

Was bleibt, ist immer noch Fassungslosigkeit über die dumme Verbohrtheit und Selbstdemontage staatlicher Autorität. Ein System, dass die Tugend der Aufrichtigkeit derart missachtet, verfolgt und straft, hat keine demokratische Legitimation. Es mutet paradox an, dass die Alternative Deutsche Demokratische Republik – Kalter Krieg hin oder her – Gewissen und individuelle Tapferkeit als so bedrohlich empfand, dass sie dafür das ureigene Ideal aufgab. Nachdem sie der Schule verwiesen worden waren, floh fast die gesamte Klasse in die Bundesrepublik.

»Das schweigende Klassenzimmer«; Regie: Lars Kraume; D 2018; 110 Min.; nach der Premiere auf der Berlinale Start: 1. März

Film
02 / 2018

Noch ehe der Hahn dreimal kräht …

Von: Andreas Wilink


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