Kampfstellung: Keaton und Norton beim nicht nur verbalen Duell. Foto: Twentieth Century Fox

OPENING NIGHT / FILM DES MONATS

Preise und Nominierungen zuhauf: Aber kann Regisseur Alejandro Inárritu auch Komödie? »Birdman« erzählt auf und hinter der Bühne von der Imitation und der Überbietung des Lebens.

TEXT: ANDREAS WILINK

Es geht ums Geliebt-Werden. Wie immer, wenn Künstler und zumal Theaterleute zusammen sind. Ihr beständiges Küssen und Umarmen dient der Vergewisserung und Bestätigung. »Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden« heißt der Erzählungsband von Raymond Carver, den Riggan Thomson auf den Broadway als Bühnenstück bringt. Er ist ein Star, Schauspieler und Regisseur; andere wie die in Bars herumhängende Großkritikerin der New York Times meinen, er sei ein nur »ein Promi« und Hollywood-Clown, der auf der Leinwand in einem Elastan-Kostüm einen Vogelmenschen in Serie gespielt habe. Dass er immer nur an zweiter Stelle rangiert, ist nur eines von Thomsons Problemen. Weshalb er sich mit Farrah Fawcett vergleicht, die das Pech hatte, am selben Tag wie Michael Jackson zu sterben, dessen Tod die Schlagzeilen beherrschte. Dass er kurioserweise noch ein halber Fakir ist, der Dinge magisch bewegt, hätte es nicht gebraucht, um zu verstehen, dass es in dieser Branche und bei diesem Charakter um Manipulation geht. 

»Wenn es sich biegt, ist es komisch, wenn es bricht, ist es nicht komisch« lautet  eine komische Definition von »Komödie« in einem der ernsten Filme von Woody Allen. Alejandro Inárritus »Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)« ist genau an dieser Bruchstelle fixiert: Das ist der Knackpunkt. Der Mexikaner hat packende Schicksalsbeschwörungen wie »Babel« und »21 Gramm« inszeniert. Er kann Drama. Aber kann er Komödie? Nein! »Birdman« sieht aus, als versuche er, Mankiewicz’ »All about Eve« und Sirks »Imitation of life« mit Cassavetes’ »Opening Night« zu mischen, auch stilistisch (abgesehen von einer scheinbar ohne Schnitt auskommenden Montage). Versucht also konventionelles Erzähltheater in der Zentrifuge formbewegter Unruhe zu verwirbeln und emotionale Ausbrüche mit wildem Sound-Getrommel zu unterlegen.  

Alles Theater: Wo enden der Schaulauf und die Psycho-Kür, wo beginnt die Prosa des Lebens? Wir erleben (mit vielen Insider-Zitaten) die Schlussproben und Vorpremieren zu dem Carver-Drama. Ein Darsteller muss ausgetaucht werden, der etwas zu genialische Mike Shiner (Edward Norton) übernimmt die Rolle und hält sich kaum an eine Regie-Verabredung. Für Thomson hat die Produktion auch finanziell Bedeutung – er ist pleite. Seine Tochter Sam (Emma Stone), die ihren Drogen-Entzug frisch hinter sich hat, gehört als Assistentin zum Team; ebenso Mike Shiners Lebensgefährtin Lesley (Naomi Watts), die ihn in die Produktion geholt hat. Also das übliche Beziehungs-Gestrüpp, in das auch noch Thomsons Ex-Frau hineinwuchert.

Keaton und Norton spielen sich gegenseitig und alle anderen sowieso an die Wand. Vermutlich hätten sie sogar Bette Davis und Gena Rowlands abgedrängt. Aber die hatten die besseren Drehbücher – und Regisseure.

»Birdman«; Regie: Alejandro Inárritu; Darsteller: Michael Keaton, Edward Norton, Naomi Watts, Emma Stone; USA 2014; 120 Min.; Start: 29. Januar 2015.

 

Film
02 / 2015

OPENING NIGHT / FILM DES MONATS

Von: Andreas Wilink


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