Mutter und Sohn (Lee Jeong-jin, Cho Min-soo) oder etwas anderes. Foto: MFA

OPFERGANG

Mutter und Sohn: »Pietà« von Kim Ki-duk

 

TEXT: ANDREAS WILINK

Was er anfasst, wird versehrt oder vernichtet: das Porträt eines Mädchens an der Zimmerwand mit dem Wurfmesser; die Leute, die er aufsucht, um Schulden bei ihnen einzutreiben, die er schlägt und denen er die Glieder bricht und sie brutal zu Krüppeln macht, damit die Versicherung zahlt; das Huhn, das er schlachtet, um sich aus dem hässlichen gerupften Vogel eine Mahlzeit zu bereiten; das zahme Kaninchen, das er einen Alten wegnimmt und tötet. Lee Kang-do (Lee Jeong-jin) ist jung, kalt, roh, sein Gesicht weich, aber brutal, seine Umgebung schäbig, sein Leben nur mit Tabletten auszuhalten und nachts mit Selbstbefriedigung, der er sich im Halbschlaf hingibt. Wie aus dem Nichts taucht eine Frau (Cho Min-soo) auf, älter als er, maskenhaft schön und traurig, der eine Träne über die Wange läuft wie ein flüssiger Diamant. Sie dient sich ihm an, macht sich anheischig, ihn zu umsorgen, folgt ihm, wenn er die Schuldner malträtiert. Sie behauptet, seine Mutter zu sein, die ihn als Baby verließ. 30 Jahre ist das her. Er unterzieht sie einer Prüfung. Und dann vergewaltigt er sie, als wolle er zurück in den Schoß – mit aller Gewalt.

Kim Ki-duks »Pietà«, der in diesem Jahr Venedigs Goldenen Löwen gewonnen hat, ist erbarmungslos (auch in seinem ästhetischen Rigorismus) mit Mensch und Tier. Köpfe werden von Leibern geschnitten für ein Fisch-Sushi. Der Regisseur montiert Aufnahmen der stampfenden und rotierenden Maschinen und Hebel, die Körper zermalmen können, und die entseelte Architektur der Großstadt, die am Horizont der düsteren Slums aufragt hinein in die Geschichte einer unerlösten Beziehung. Die Augen von Lee Kang-do kennen keine Milde: bis die Begegnung mit der Frau, die doch eine andere ist, als sie zu sein vorgibt, etwas ihn ihm bewegt. Und in ihm das verlorene Kind und einen erwachsenen Mann mit verschütteten (erotisch-inzestuösen) Gefühlen zum Vorschein bringt. Als erstes reißt er das Bildnis von der Wurfscheibe ab, weigert sich, jemandem die Unversehrtheit seiner Hände, deren Wert bei 30.000 Dollar liegt, wenn sie zu Schaden kämen, zu rauben, und will sein schäbiges Geldeintreiber-Geschäft beenden. Dann verschwindet die Frau, Lee Kang-do sucht sie – bei seinen Opfern.

Es ist tatsächlich ein Opfergang – und ein Racheakt der Frau (und Mutter). Inszeniert mit der Wucht und dem Furor eines Dostojewski-Romans, erzählt »Pietà« ein großes Schmerzens-Drama, das die Wunden eines ganzen Landes offen legt.

»Pietà«; Regie: Kim Ki-duk; Darsteller: Lee Jeong-jin, Cho Min-soo;  Südkorea 2012; 104 Min.; Start: 8. November 2012.

 

Film
11 / 2012

OPFERGANG

Von: ANDREAS WILINK


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