Florian David Fitz als Gauß. Foto: Warner

VERMESSEN

Detlev Buck verfilmt Daniel Kehlmann

 

TEXT: ANDREAS WILINK

Der Film sieht aus, wie man sich das Theater vorstellt, das Daniel Kehlmann laut seines Salzburger Festspiel-Vortrags 2009 als Gegenentwurf zum Regietheater vertritt und in dem er den Regisseur als »Diener des Autors« begreift. Allein, die Bilderbuchgeschichte, die der so genannte Komödienspezialist Detlev Buck aus »Die Vermessung der Welt« gemacht hat, spricht dem Roman Hohn und widerspricht insofern dem von Kehlmann propagierten Gedanken der Werktreue. Buck hat dem Schriftsteller einen schlechten Dienst erwiesen, wobei der Autor kräftig mitwirkte: als Mitverfasser des Drehbuchs, zudem mit seiner betulichen Erzählstimme, als trüge er Wilhelm-Busch-Verse vor, und in einem peinlichen Cameo-Auftritt am Berliner Hof. So sehr kann einen doch die Erinnerung an die Lektüre nicht foppen. Hatten wir nicht ein in seiner Ironie etwas sprödes, aber gewitztes, wohl naseweis klügelndes, aber unbedingt mit Esprit und reichlich Bildung verfasstes Buch gelesen? Und nun? »Die Vermessung der Welt« unternimmt Buck entsprechend seiner Klischeevorstellung vom preußischen Beamten Alexander von Humboldt (Albrecht Abraham Schuch): steif und hölzern wie ein Stock.

Zum heilig-vermaledeiten Kinski! Was hätte ein Werner Herzog aus diesem Abenteuerroman geholt! Jedenfalls Kino. Stattdessen sehen wir: 3D und denken dabei an Glanzpapierbögen, während sich ständig und höchst störend irgendwelche Zweige und Blätter, eine Kerze oder ein Ziegenbock vorn ins Blickfeld schieben und einem die Sicht nehmen. Wahllos, ziellos und schludrig scheinen die beiden von der Filmmusik scheußlich verniedlichten Erzählstränge verschnitten: in Göttingen der geerdete geniale Mathematiker Carl Friedrich Gauß (Florian David Fitz), am Orinoco und zwischen vielen blanken Frauenbrüsten der reisende Naturforscher und penible Aufklärer Humboldt. Wo es mal drohte, teuer zu werden, wie beim Sturm auf See, ersetzt eine Animation Kulissen und Effekte. Die Darsteller liefern schlechtestes Aufsage-Theater ab, wobei sich die prominenten Bühnenkünstler Sunnyi Melles, Katharina Thalbach und Michael Maertens besonders hervortun. Wenn also, laut Kehlmann, »Erzählen weniger eine Frage des Inhaltes als der Atmosphäre ist, eher Haltung als Handwerk, eher Stimme als Technik«, so ist dieser fantasielose und geistlose Film total gescheitert.

»Die Vermessung der Welt«; Regie: Detlev Buck; Darsteller: Albrecht Abraham Schuch, Florian David Fitz, Jéremy Kapone, Vicky Krieps …, Deutschland 2012, circa 120 Min.; Start: 25. Oktober 2012.

 

Film
11 / 2012

VERMESSEN

Von: ANDREAS WILINK


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